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Schweinemast und Stromerzeugung machen unabhängiger von den strengen EU-Vorgaben

Die Bauern wollen keine Bürohengste sein

Landwirt Friedel-Curt Redeker (58) aus Groß Berkel schimpft: „Die EU hat uns zu Bürohengsten gemacht.“ Sein Kollege Reinhard Göhmann (42) aus Esperde pflichtet ihm bei und schätzt den Arbeitsaufwand für die EU-Bürokratie auf 40 Prozent seiner Arbeitszeit. Detailliert müssten jährlich unter anderem Düngebilanzen erstellt, Feldbücher geführt, Zu- und Abgänge bei seinen Schweinen dokumentiert werden. Und quadratmetergenau müsse auf Karten dargestellt werden, was auf welcher Fläche angebaut werde. Göhmann: „Jeder Landwirt ist heute gläsern, ob er will oder nicht.“ Die von der EU gezahlten Flächenprämien seien zwar eine Stütze für den Betrieb, sagt Göhmann, „besser wäre es aber, am Markt einen vernünftigen Preis zu erzielen.“

veröffentlicht am 01.06.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 11.11.2016 um 19:41 Uhr

Reinhard Göhmann hat als zweites Standbein eine Schweinezucht au

Autor:

Wolfhard F. Truchseß
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Deutschland gehört in der Europäischen Union zu den größten Agrarproduzenten. Rund 80 Prozent des Nahrungsbedarfs werden aus heimischer Produktion gedeckt. Die Bruttowertschöpfung der Landwirte entspricht jedoch nur etwa einem Prozent der volkswirtschaftlichen Gesamtleistung. Bis 1990 wurde in der EU eine Agrarpolitik betrieben, die vor allem sicherstellen sollte, die Selbstversorgung mit Grundnahrungsmitteln zu angemessenen Preisen und ein gerechtes Einkommen der Bauern sicherzustellen. Das Ergebnis waren ein Butterberg, ein Milchsee und eine Überproduktion zum Beispiel auch bei Rindfleisch. Um die Kosten für die Lagerung, den Export und gar die Vernichtung der Nahrungsmittel zu reduzieren, wurde die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) grundlegend reformiert. Die Folge: eine große Zahl von Rahmenrichtlinien und Ausgleichszahlungen an die Landwirte, die unabhängig von den Produktionsmengen sind, aber gekoppelt an strenge Auflagen. „Am krassesten hat uns die Änderung der Zuckermarktordnung getroffen. Da hat es richtige Einbußen gegeben“, klagt Göhmann.

„Die Regionen brauchen Eigenverantwortlichkeit“

120 Hektar Ackerfläche bewirtschaftet Göhmann. Er baut vor allem Zuckerrüben, Weizen, Wintergerste, Raps und Mais an. Aber er hat sich inzwischen ein zweites Standbein geschaffen: eine Schweinemast mit rund 1500 Tieren. „Das macht mir Spaß“, erzählt er, „und der Markt ist unabhängiger von der EU.“ Reiner Ackerbau bedeute knappere Erträge und belaste den Betrieb aufgrund der steigenden Energie- und Düngerpreise. In der Veredelung, wie er die Schweinemast bezeichnet, „hängt sehr viel mehr vom unternehmerischen Können ab, auch wenn der Ertrag schwankend ist“. Sein Resümee: „Man braucht Rahmenrichtlinien, das ist richtig. Aber manche sind Unfug.“ Was in Griechenland gelte, müsse nicht unbedingt für Deutschland richtig sein. Die Forderung des Landwirts an die EU: „Die Regionen brauchen mehr Eigenverantwortlichkeit.“

Friedel-Curt Redeker hat keine Tiere mehr auf seinem Hof, sondern betreibt reinen Ackerbau mit Zuckerrüben, Raps, Weizen und Gerste. Die EU-Vorschriften machen aus seiner Sicht „keinen Sinn“. Aber die Auflagen müssten erfüllt werden, um die Fördergelder zu erhalten. Redeker: „Bei Nichteinhaltung kann es sogar zu Strafzahlungen kommen.“ Redekers Hof weist zwei Besonderheiten auf: Fast alle Gebäude stehen unter Denkmalschutz. Und er besitzt ein altes Staurecht für die Humme. Mit dem Wasser wurde bis 1954 eine Mühle betrieben und von 1907 bis 1968 elektrische Energie erzeugt. Weil im Jahr 2004 der Entzug des Staurechts wegen Nichtnutzung drohte, ließ Redeker die Anlage unter Berücksichtigung denkmalpflegerischer Auflagen neu gestalten. Glück habe er gehabt, dass der Hochwasserschutz für Groß Berkel im EU-Regionalförderprogramm „Leader“ enthalten gewesen sei. Trotzdem habe das Ganze 200 000 Euro einschließlich der Reaktivierung der alten Stromerzeugungsanlage mit einem Wechselstromgenerator gekostet. Weil aber die Reaktivierung der denkmalgeschützten Anlage mehr als 50 Prozent einer Neuanlage gekostet habe, werden Redeker gemäß dem Erneuerbare Energiengesetz für jedes ins öffentliche Netz gespeiste Kilowatt 9,7 statt 7,6 Cent erstattet. Von den jährlich im Schnitt produzierten 80 000 Kilowatt entnimmt er rund ein Viertel für seinen Betrieb und zwei Wohnhäuser, der Rest reicht für knapp 25 Haushalte. Für Redeker ist der Ertrag ein nicht zu unterschätzender Beitrag für seinen Betrieb.

Friedel-Curt Redeker betreibt in Groß Berkel ein Wasserkraftwerk
  • Friedel-Curt Redeker betreibt in Groß Berkel ein Wasserkraftwerk. Die EU hat die Modernisierung unterstützt – und der Landwirt wurde damit etwas unabhängiger von der reglementierten EU-Agrarpolitik.

Was Redeker an der EU ärgert, sind nicht nur die „immer stärker werdenden Eingriffe“, sondern auch die Tatsache, dass Deutschland mit seinem Hang „zum Perfektionismus“ bei der Umsetzung der Rahmenrichtlinien „immer noch eins drauf setzt“. Und auch, dass durchaus nicht alle Vorschriften für alle Länder gleichermaßen gälten. Sein Beispiel: 15 000 Liter Diesel verbrauche er im Jahr, aber er erhalte nur die Steuervergütung von 20 Cent pro Liter für 10 000 Liter – eine Grenze, die jetzt aufgehoben werden soll. Redeker: „In Frankreich fahren die Bauern stattdessen mit subventioniertem Heizöl.“ Und trotzdem ist Redeker gerne Landwirt und würde mit keinem anderen Beruf tauschen.

„Ich will nicht abhängig sein“

Bei Jörg Pape aus Egge haben die Vorschriften und Auflagen im Rahmen der GAP „und ihre Unkalkulierbarkeit“ zu einer Neuausrichtung seines Betriebs geführt. Doppelt so groß wie die Höfe von Göhmann und Redeker, spielen der Ackerbau und die Nahrungsproduktion bei Pape nur noch eine nachgeordnete Rolle. Der 45-Jährige hat sich 2004 entschlossen, auf Biogas zu setzen. Nach mehr als einem Jahr der Planung und des Bauens ging Pape im Dezember 2005 mit der Biogasanlage von Schalkshof ans Netz. Zu 50 Prozent ist er an ihr beteiligt, ebenso an einer Anlage in Hemeringen und zu 20 Prozent gemeinsam mit 13 Landwirten an der Anlage in Aerzen. 80 Prozent der zum Einsatz kommenden Silage produzieren die beteiligten Landwirte selbst, 20 Prozent werden zugekauft. 44 000 Tonnen benötigen die drei Anlagen jährlich, um rund um die Uhr Energie zu produzieren. Pape ist überzeugt: „Das war die richtige Entscheidung. Ich bin Bauer, ich will selbst entscheiden können und meine eigenen Fähigkeiten einbringen und nutzen.“ Vor allem aber: „Ich will nicht abhängig sein von den Flächenprämien der EU.“

Lesen Sie morgen in der Dewezet: Ein bosnischer Serbe findet eine neue Heimat im Weserbergland.



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