weather-image
20°

In Madrid gibt es keine Arbeit für Saskia Louwen-Perez – in Hameln schon

Deutschland – Eldorado für Ingenieure?

Hameln. Saskia Louwen-Perez ist eine beeindruckende junge Frau. Größer als die meisten ist sie, mit langen Gliedern und einem Lächeln, dass Offenheit, aber auch Stärke signalisiert. In ihrem Heimatland Spanien hat es der 27-jährigen Chemieingenieurin wenig genutzt. Dort braucht man sie nicht, trotz eines abgeschlossenen Studiums und praktischer Erfahrung. Sieben Monate hat sie nach ihrem Studium einen Arbeitsplatz gesucht. Das Ergebnis war ein Praktikumsplatz bei einer Madrider Baufirma, Abteilung Wasser. 600 Euro brutto für Ingenieursarbeit am Ende des Monats, 425 Euro davon gingen für das WG-Zimmer in der Hauptstadt drauf.

veröffentlicht am 17.09.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 03.11.2016 um 03:21 Uhr

270_008_6604630_lkho103_1709.jpg
Dorothee Balzereit

Autor

Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Ihre Geschichte ist die vieler junger gut ausgebildeter Menschen in Spanien. Weil das von Finanz- und Bankenkrise geschüttelte Land derzeit kaum Perspektiven bietet, hat Saskia Louwen-Perez vor eineinhalb Jahren die Entscheidung getroffen, ihr Glück in Deutschland zu versuchen. Das Land, in dem immenser Fachkräftemangel herrscht, wie spanische Medien fast täglich berichten. Vor allem bei ambitionierten Ingenieuren gilt Deutschland als Eldorado. Als sich der Chemieingenieurin die Möglichkeit bot, beim Biogasanlagenbauer Archea zu arbeiten, packte sie die Koffer und zog von Madrid nach Hameln. Bei Archea ist sie nun zuständig für den Vertrieb und Planung im Ausland und Übersetzungen.

Dem sonnigen Heimatland auf unbestimmte Zeit den Rücken zu kehren, sei eine schwere Entscheidung gewesen, gibt sie zu. Nach Deutschland kam die junge Frau im tiefsten Winter: Januar 2012. „Ich war die Kälte noch nicht gewöhnt, dachte immer, das kann doch nicht sein. Es war oft bedeckt, früh dunkel, und die Menschen haben sich in ihre Häuser zurückgezogen.“ Neben dem Klima bereitete die Sprache Saskia Probleme. Die Ingenieurin, die in der Schule Deutsch als zweite Fremdsprache hatte, ist mit dem B-1 Niveau des Goethe-Instituts (bestätigt eine selbstständige Verwendung der Sprache) nach Deutschland gekommen. Dennoch sei der Anfang sehr schwer gewesen. „Ich habe in dieser Zeit mehr graue Haare bekommen, als im Rest meines Lebens“, sagt sie. „Sechs Monate lang habe ich meine Ninja-Taktik angewendet: Ich habe nichts gesagt, nur zugehört“, erzählt Saskia. Im Kopf habe sie immer wieder Selbstgespräche geführt. Inzwischen spricht sie die Sprache gut, „ich habe sogar schon einmal auf Deutsch geträumt“. Was ihr in ihrer neuen Heimat aufgefallen ist: Freundschaft habe in Deutschland eine andere Bedeutung. „Hier heißt Freundschaft‚ Freunde für immer.“ Freundschaft sei eine sehr private Angelegenheit, verbunden mit klaren Werten. In Spanien dagegen sei die Grenze zwischen einem Freund und einem Bekannten viel fließender. Vieles im täglichen Leben laufe über den Bekannten, eines Bekannten, eines Bekannten…

In ihrem Heimatland sind die Hoffnungen auf einen Arbeitsplatz in Deutschland groß, weiß Saskia. Angekommen im Land der beruflichen Verheißung, mache sich dann oft Ernüchterung breit. „Die Schwierigkeiten werden unterschätzt“, erzählt die Ingenieurin. Vor allem im sprachlichen Bereich. „Viele denken, sie kommen mit Englisch weiter.“. Jobs gebe es aber nicht nur in internationalen Großunternehmen, auf der Suche seien auch viele Mittelständler. So wie Archea. Das Unternehmen agiert zwar inzwischen international, kommuniziert wird in der Regel aber auf Deutsch. Saskia fühlt sich bei ihren Kollegen aufgehoben, auch wegen der internationalen Atmosphäre. „Es ist immer abhängig von den Leuten, mit denen man zusammenarbeitet“, sagt die 27-Jährige. „Bei mir läuft es gut.“

In Hameln lebt Saskia in einer – Zweizimmerwohnung, in Spanien wohnte sie noch bei ihren Eltern, bevor sie das Praktikum in Madrid begann. „Das ist normal bei uns“, sagt sie. In Madrid hätte sie ihr Praktikum um zwei Jahre verlängern können – zu den gleichen Bedingungen. In Zaragoza, bei ihren Eltern, würde sie nur die Jobseite im Internet und Zeitung durchforsten. Den Job in Deutschland hat sie ihrem Vater, einem gebürtigen Holländer, zu verdanken. Früher hat er Produkte im Bereich Umwelttechnik vertrieben, doch das sei in Spanien inzwischen Luxus. „Spanien hatte nie viel Industrie, alles drehte sich ums Baugewerbe. Als das zusammenbrach, folgten die anderen Branchen im Dominoeffekt.“ Saskia glaubt, die Schuld an der Krise ihres Landes tragen alle: Politiker, Banker, aber auch die kleinen Leute. Viele Probleme seien selbst gemacht, Angela Merkel nur der Sündenbock.

Saskia Louwen-Perez hat sich auf einen mittelfristigen Aufenthalt in Deutschland eingerichtet. Für immer – damit kann sie sich derzeit noch nicht anfreunden. „Aber man soll niemals nie sagen.“ Fakt ist, die Arbeitslosigkeit ist weiterhin hoch in Spanien: 26,3 Prozent meldete das europäische Statistikamt Eurostat für Spanien im Juli, unter 25 Jahren sind im gleichen Monat 56,1 Prozent aller Personen arbeitslos gewesen. Nur in Griechenland ist die Jugendarbeitslosigkeit innerhalb der EU-Staaten noch höher.

Weil die Situation ist, wie sie ist, beschränkt sich Saskia auf Besuche in Spanien. Und wenn es dann zurückgeht, Richtung Nordost, ist der Kofferraum randvoll mit all den Dingen die sie in Deutschland vermisst: Serrano-Schinken, Olivenöl, Käse, Fischdosen …

Die Spanierin Saskia Louwen-Perez hat in Hameln Arbeit gefunden und fühlt sich wohl. Doch viele ihrer Landsleute unterschätzen die Schwierigkeiten – vor allem die sprachlichen Hürden.Dana



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?