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Christian Felber will die Wirtschaft umkrempeln – heute ist er zu Gast in Hameln

Der Weltveränderer

Hameln. Dass er halbe Sachen macht, dürfte ihm wohl niemand vorwerfen: Christian Felbers Entwurf einer „Gemeinwohl-Ökonomie“ krempelt unser Wirtschaftssystem grundlegend um. Nicht das erwirtschaftete Geld, sondern der Beitrag für das Gemeinwohl soll entscheidende Messlatte des Erfolges sein. Unternehmen aus mehr als 13 Staaten unterstützen seine Idee. Heute ist der 41-jährige Österreicher zu Gast in Hameln. Felber, der übrigens regelmäßig auch als Tänzer auftritt, stellt sein Konzept im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Kirche mischt sich ein“ vor.

veröffentlicht am 25.02.2014 um 21:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 23:41 Uhr

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Herr Felber, sind Sie ein Träumer?

Natürlich träume ich, täglich. Das machen alle Menschen. Und ich nehme mir auch tagsüber die Freiheit, eine andere Welt zu erträumen als die, in der wir leben. Sonst könnten keine Veränderung und keine Innovation stattfinden. Ich denke, es ist ein ganz wesentlicher Bestandteil menschlicher Freiheit und Kreativität, an der Verbesserung der Lebensumstände zu arbeiten. Das sehe ich als meine Aufgabe an.

Sie regen an, das Wirtschaftssystem auf neue Füße zu stellen. Was macht diese Gemeinwohl-Ökonomie im Wesentlichen aus?

Im Wesentlichen schlägt die Gemeinwohl-Ökonomie vor, dass das Wirtschaften auf dieselbe Wertebasis gestellt wird, die wir bereits heute in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen anstreben und hochhalten. Auf die Basis von Beziehungs- und Verfassungswerten. Menschenwürde, Solidarität, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Demokratie – die Spielregeln der Wirtschaft müssen dafür sorgen, dass diese Werte, die so schön in der Verfassung prangen, auch erfolgreich gelebt werden können. Das zweite zentrale Kennzeichen ist, dass wir uns über das Ziel des Wirtschaftens klar werden. Denn in den vergangenen Jahren ist das Geld immer häufiger zum Selbstzweck geworden. In allen demokratischen Verfassungen, die etwas zum Ziel des Wirtschaftens sagen, heißt es aber, das Geld ist das Mittel, und das Ziel ist das Gemeinwohl. Diese Widersprüche versuchen wir aufzulösen. Dabei sind ganz konkrete Instrumente entstanden wie die Gemeinwohlbilanz und das Gemeinwohlprodukt. Aber über alle Elemente, die wir vorschlagen, soll in demokratischen Prozessen von der Bevölkerung entschieden werden. Damit uns das Wirtschaftssystem der Zukunft von niemandem aufgedrückt oder aufgezwungen wird.

Wer definiert, was das Gemeinwohl ist und was ihm dient?

Das Gemeinwohl ist zunächst ein Leitbegriff, der nur aussagt, dass das Wohl aller Menschen gleich zählt, im Sinne der Menschenwürde. Für die Wirtschaft und für die gesamte Volkswirtschaft bräuchte es deshalb noch eine genauere Herunterbrechung. Der Prozess dorthin ist ein sehr einfacher: Unser Vorschlag ist, dass die Menschen in den Kommunen sich versammeln und die wichtigsten 20 Zutaten für Lebensqualität definieren. Die Ergebnisse, die „Kommunalen Lebensqualitätsindizes“ wären die Basis für das spätere Gemeinwohlprodukt, das den Erfolg einer Volkswirtschaft misst. Die Gemeinwohlbilanz eines Unternehmens ist so ausgerichtet, dass jedes Unternehmen Anreize erhält, Beiträge zur Mehrung des Gemeinwohls zu leisten. Da fangen wir überhaupt nicht bei null an. Im Wesentlichen geht es um eine Weiterentwicklung der bereits existierenden Nachhaltigkeitsberichterstattung, Ökobilanzen oder verschiedener Standards wie Qualitätsmanagement oder Global Impact. Nur, mit dem Unterschied, dass wir dies auf alle Verfassungswerte ausweiten. Wir machen die Ergebnisse messbar, sodass Unternehmen, die sich ethischer verhalten als andere, auch rechtlich in Vorteil gestellt werden können – über Steuern, Zinsen, Zölle und öffentlichen Einkauf.

Der österreichische Industriellenverband hat von einem „Wegweiser in Armut und Chaos“ gesprochen. Was haben Sie geantwortet?

Sie haben mir noch viel mehr vorgeworfen. Sie konnten sich vom Nationalismus über Kommunismus bis zum Messianismus gar nicht entscheiden, was sie der Gemeinwohl-Ökonomie vorwerfen wollten. Das sehen wir aber nicht als repräsentativ. Wir glauben, dabei handelt es sich um eine kleine Gruppe von Besitzstandwahrern, die am liebsten gar nichts verändern wollen. Aber wir sind ja eine Bewegung, die von Unternehmen und Unternehmerinnen gegründet wurde und mittlerweile 1500 Unternehmen angezogen hat.

Sie regen harte Schnitte an: Zum Beispiel ist von einer Höchstgrenze des Privatvermögens die Rede oder von Maximalbeträgen, die vererbt werden dürfen …

Zunächst mal: Wir haben gar keine Schnitte vor. Wir schlagen einzig vor, dass über diese Fragen demokratisch diskutiert und abgestimmt wird. Nur wenn eine breite Bevölkerungsmehrheit das wünscht, würden entsprechende Grenzen eingezogen. Derzeit haben wir unserer Ansicht nach den absolut unliberalen Zustand, dass ausgerechnet diejenige Freiheit, die die im exzessiven Übermaß Freiheit anderer am stärksten einschränkt – nämlich die des Privateigentums – unbegrenzt ist. Andere Freiheiten werden begrenzt, sobald sie die Freiheiten anderer gefährden – sei es die sexuelle Freiheit oder die Freiheit beim Autofahren. Solche Begrenzungen sind Ausdruck, nicht Konterindikation einer liberalen Gesellschaft. Alle sollen gleich Chancen haben.

Interview: Frank Henke

Christian Felber: „Wie neues Wirtschaften das Gemeinwohl fördert“, Vortrag im Rahmen des Projektes „Das Richtige tun“ am heutigen Mittwoch, 19 Uhr, Ev.-Freikirchliche Gemeinde, Schubertstraße 1-3.

Christian Felber referiert heute in Hameln über die „Gemeinwohl-Ökonomie“.

José Luis Roca



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