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Vor 30 Jahren waren Teile Hameln-Pyrmonts von der Außenwelt abgeschnitten / Ein Rückblick

Der Tag, als der Schnee kam …

Hameln-Pyrmont. Es ist der 14. Februar 1979 – die Menschen in Norddeutschland haben die Nase voll von Eis und Schnee. Doch das dicke Ende kommt erst noch. Regen, Eis, Schnee, Sturm und meterhohe Verwehungen sorgen an diesem Mittwoch nun auch im Weserbergland für Chaos und bringen den Tod. Bei einem Frontalzusammenstoß auf der vereisten Bundesstraße 83 in der Nähe von Grohnde sterben drei Menschen, darunter ein vierjähriges Kind. Schleswig-Holstein löst an diesem Tag Katastrophenalarm aus. Zum zweiten Mal bedroht die weiße Naturgewalt im Winter 78/79 die Norddeutschen. Im Januar waren bereits 17 Kältetote zu beklagen.

veröffentlicht am 17.02.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 12.11.2016 um 11:21 Uhr

Erinnern sich an den Super-Winter 1978/79: Barbara Oerke, Willi

Autor:

Ulrich Behmann
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Zwar hatte es zum Jahreswechsel im Landkreis Hameln-Pyrmont „die schwersten Schneefälle seit Jahren“ gegeben, doch schreibt die Dewezet am 2. Januar: „Katastrophenumstände, wie sie aus dem Norden gemeldet wurden, traten in unserem Raum nicht ein.“ Das ändert sich am 14. Februar.

Jutta Wandersleb (76) aus Bessingen notiert an diesem Tag in ihrem Taschenkalender über die Schneeverwehungen: „Von Haus Harderode nur bis Bisperode geschafft. Bei einer Kollegin übernachtet.“ Bisperode ist von der Außenwelt abgeschnitten. Nichts geht mehr. Der Bus von Hameln nach Bodenwerder bekommt am späten Nachmittag Order, an der Haltestelle „Auf der Küthe“ auf den Schneepflug zu warten.

Barbara Oerke, die mit ihrem inzwischen verstorbenen Ehemann August in Bisperode eine Bäckerei betreibt, hilft den Eingeschneiten – unterstützt von einer Verkäuferin kocht die Geschäftsfrau Kaffee und Tee, füllt die Getränke in Thermoskannen und bringt sie den Fahrgästen. „Wir haben den Leuten auch Butterkuchen und Hefeschnecken geschenkt“, erinnert sich die heute 72-Jährige aus Bessingen. „Das war doch selbstverständlich. Auf dem Dorfe macht man das halt so.“ Auch in der Fleischerei Rose-Kielau sieht man das so. Von dort erhalten die Hungrigen Wurst.

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Alt-OB Dr. Walter-Dieter Kock.

Zwangsübernachtung

im Post-Linienbus

Am späten Abend bleibt dann auch der Post-Linienbus im Schnee stecken – diesmal kurz vor Bisperode. Von den 45 Fahrgästen machen sich 39 zu Fuß auf und kämpfen sich durch den hohen Schnee. Sechs Fahrgäste, die nach Harderode, Bremke und Bodenwerder wollen, müssen die Nacht gemeinsam mit dem Fahrer im Bus verbringen. Zwei eingeschneite Autofahrer suchen später im Omnibus Schutz vor dem Schneesturm.

Der scharfe Nordostwind macht in diesen Tagen auch Willi Utdenwiede (78) schwer zu schaffen. Er wohnt am Ostrand von Bessingen und bekommt den Schnee direkt vor die Tür geweht. „Unser Haus war von der Ostseite her dermaßen angeweht, dass man aus der Tür dort nicht mehr rauskam“, sagt der Elektromeister.

Autofahrer bleiben im meterhohen Schnee stecken. Die Landesstraße, die von Bessingen nach Bisperode führt, ist im Bereich der Steinbreite unpassierbar. Schneewehen haben sich dort zu Bergen aufgetürmt. „Nur noch die Spitzen der alten Apfelbäume schauten heraus“, sagt Willi Utdenwiede – und schätzt: „Diese Schneewehen müssen also mindestens drei, vier Meter hoch gewesen sein.“

Barbara Oerke weiß, dass viele Autofahrer ihren Wagen zurücklassen mussten. „Ihnen blieb nichts anderes übrig, als zu Fuß zurückzugehen und Zuflucht bei Bekannten oder Fremden zu suchen.“

Später legen Arbeiter aus dem Lauensteiner Steinbruch die Fahrzeuge mit einem riesigen Radlader frei.

„Hameln am Rande des Chaos“ titelt die Dewezet am 16. Februar – und verkündet, dass die britischen Pioniere den städtischen Betriebshof im Kampf gegen die Schneemassen unterstützen werden.

Schneeketten sind in Hameln – wie auch in Hannover – restlos ausverkauft.

Das Sünteltal ist Sorgenkind Nummer eins. Baumhohe Schneeverwehungen sorgen dafür, dass die Männer vom Betriebshof nicht zur Ruhe kommen. „Wir müssen oft durcharbeiten, sonst bekommen wir die Lage nicht in den Griff“, sagt seinerzeit Heinrich Siekmann, Leiter des städtischen Betriebshofes.

Bei der Kreisverwaltung ist ein Krisenstab gebildet worden. Ein bereits erwogenes „allgemeines Fahrverbot“ wird allerdings nicht ausgesprochen. In einigen Orten sei die Lage zwar prekär, aber im Ganzen gesehen bestehe noch kein Grund zur Panik, denn: „Wenn sich die Wetterlage nicht noch weiter verschlechtert“, so der damalige Oberkreisdirektor Hans-Jürgen Krauß optimistisch, „sind die Folgen des Unwetters in wenigen Tagen überwunden.“

Ein Krisenstab tagt –

„die Lage ist sehr ernst“

Dennoch: „Die Lage ist ernst (Dewezet vom 16. Februar 1979)“ Neben den Sünteldörfern Unsen, Welliehausen und Holtensen ist vor allem der Raum Bisperode besonders betroffen. Dörfer wie Bessingen sind zeitweise von der Außenwelt abgeschnitten. Eingeschneite Autos müssen mit Sonden gesucht werden.

Die Kripo fragt sich am 17. Februar: Wer ist schuld am Tod eines jungen Arbeiters? Der 17-Jährige wurde bei einem Betriebsunfall in Höfingen schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt. Und dennoch ist er gestorben. Warum? Die Ermittler haben schon bald eine Antwort darauf gefunden: Das Wetter ist dem Jugendlichen zum Verhängnis geworden. Laut Dewezet sind es die „chaotischen Straßenverhältnisse, die in nahezu allen Teilen des Landkreises ein Durchkommen für Rettungsfahrzeuge fast unmöglich machen“. Tragisch: Bei weniger extremen Witterungs- und Verkehrsverhältnissen wäre der Mann „auf jeden Fall zu retten gewesen“, glaubt der behandelnde Arzt im Krankenhaus.

Interview mir Alt-OB Dr. Kock.

Es waren Unmengen von Schnee, die den Verkehr in Hameln im Winter 1979 beinahe zum Erliegen brachten – und die die Stadt teuer zu stehen kamen. Vor 30 Jahren mussten Oberbürgermeister Dr. Walter-Dieter Kock und Oberstadtdirektor Dr. Adolf Guder per Eilverfügung zusätzliche Finanzmittel freimachen. Mit Dr. Kock sprach Ulrich Behmann.

Herr Dr. Kock, erinnern Sie sich noch an den Schneewinter 1979?

Ja, aber nicht mehr an alle Einzelheiten. Gegenwärtig ist mir noch die Eilverfügung. Nach der Gemeindeordnung hätten Sitzungen von Finanz- und Verwaltungsausschuss vorab stattfinden müssen, um zusätzliche Mittel bereitstellen zu können. Dafür war aber keine Zeit. Es musste seitens der Stadt sofort gehandelt werden, um 80 000 Mark außerplanmäßig lockerzumachen. Einen Anlass zu einer derartigen Eilverfügung des Oberstadtdirektors mit Zustimmung des Oberbürgermeisters habe ich in meiner mehr als 18-jährigen Amtstätigkeit nicht wieder erlebt.

Was wurde mit dem Geld gemacht?

Für den Winterdienst 1978/79 waren im Haushalt 70 000 Mark veranschlagt worden. Aber wegen der unerwartet starken Schneefälle war das Geld bereits Mitte Januar aufgebraucht. Deshalb war die für damalige Verhältnisse relativ große Finanzspritze vonnöten. Die Stadt musste 15 Fahrzeuge privater Unternehmen anmieten. Allein die Anmietung von Radladern und Lastwagen hat die Stadt 6000 Mark pro Tag gekostet. In der Kernstadt wurde der Schnee auf Lastwagen geladen und abtransportiert. Mehr als 100 städtische Mitarbeiter aus anderen Ämtern waren im Einsatz, um den völlig überforderten Winterdienst zu unterstützen. Sogar Freigänger der Hamelner Justizvollzugsanstalt wurden eingesetzt. Große Schäden durch Schneematsch und Tauwasser konnten glücklicherweise verhindert werden.



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