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Pro Woche ein Fall im Landkreis – wie der Weiße Ring Opfer nach Straftaten unterstützt

„Der Staat ist täterorientiert“

Hameln. Nach der Tat stürzen sich alle auf den Täter – die Aufklärung läuft auf Hochtouren. Im Hintergrund beschäftigt Christian Jahn-Pabel vom Weißen Ring eine ganz andere Frage: Wie kann ich die Hinterbliebenen unterstützen? Seit 37 Jahren berät er zusammen mit fünf Mitarbeitern Straftatopfer im gesamten Landkreis.

veröffentlicht am 26.04.2016 um 17:26 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 11:21 Uhr

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Autor:

von andrea tiedemann
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Es sind Geschichten wie die von Hans Jürgen Strohbach, die selten in der Öffentlichkeit auftauchen. An einem Sonntagmittag im August 2014 ändert sich sein Leben schlagartig. Er wird Zeuge der tödlichen Messerattacke an seiner Nachbarin, Christiane Ates, in Afferde. Um sie – leider vergeblich – vor dem Angriff ihres Ehemanns zu schützen, geht Strohbach dazwischen – wird selber schwer verletzt und liegt tagelang im Koma. Das Mordopfer hinterlässt zwei Jungen – Timur ist 17 Jahre alt, Talian 15, als sie zu Halbwaisen werden. Auch ihre Schwester trauert. „Meine Schwester war zehn Jahre jünger als ich und das Nesthäkchen der Familie“, erinnert sich Dagmar Leeper. Ihre Schwester hatte sich nach 21 Jahren Ehe mit ihrem gewalttätigen Mann getrennt – nur wenige Wochen später erstach dieser sie vor ihrer Wohnung.

Nach der Tat stürzen sich alle auf den Täter – die Aufklärung läuft auf Hochtouren. Im Hintergrund beschäftigt Christian Jahn-Pabel eine ganz andere Frage: Wie kann ich die Hinterbliebenen unterstützen? Seit 37 Jahren berät er Straftatopfer. „Der Staat ist täterorientiert“, moniert er – und will ein Gegengewicht stellen. Insgesamt fünf Mitarbeiter des Weißen Rings betreuen Menschen im gesamten Landkreis. Dank einer Kooperation mit der Polizei werden schwere Fälle wie Tötungsdelikte, Raub und Sexualstraftaten direkt an die Ehrenamtlichen gemeldet. Welches Opfer Hilfe sucht, bekommt sie.

„Es sind fast nur Frauen in der Beratung“, beobachtet Jahn-Pabel. Während seiner ganzen Beratungszeit habe er nur einen einzigen Mann gehabt – diesen habe er dann ins Männerhaus nach Hannover vermittelt. 52 Straftatopfer aus dem Landkreis wandten sich im vergangenen Jahr an den Weißen Ring – 33 von ihnen kamen aus dem Bereich der Polizeiinspektion Hameln. Besonders häufig meldeten sich Opfer von Körperverletzung (18) und Sexualdelikten (14). Hinzu kamen fünf Fälle von Raub, sowie einzelne Fälle von häuslicher Gewalt, Diebstahl, Stalking, Brandstiftung, Erpressung – und ein Tötungsdelikt.

Der Staat kümmert sich nach einer Straftat in erster Linie um die Täter – um die Opfer kümmert sich unter anderem der Weiße Ring. Foto:dpa

Doch wie kann der Weiße Ring überhaupt helfen? Im Fall des Messerstechers von Afferde ging es – wie bei allen Fällen – erstmal nur darum, zuzuhören. Jahn-Pabel vermittelt den Betroffenen einen Anwalt und stellt Beratungsschecks aus. „Einen Scheck für eine psychotraumatologische Erstberatung“, erklärt er, „und ein anwaltlicher Vorschuss“. Diese beiden Unterstützungsangebote werden relativ häufig angeboten, ebenso Hilfestellung beim Antrag nach dem Opferentschädigungsgesetz (OEG).

Geld aus diesem Fonds, den es seit 1976 gibt, bekommt jeder, der „infolge eines vorsätzlichen, rechtswidrigen Angriffs einen gesundheitlichen Schaden erleidet“. Zwar haben Gewaltopfer zwar grundsätzlich auch Ansprüche aus der gesetzlichen Kranken-, Unfall und Pflegeversicherung.

Diese Ansprüche sind laut Weißem Ring aber auf die Absicherung des Existenzminimums beschränkt. Das OEG sichere Opfer, die bei Straftaten gesundheitlich geschädigt worden seien, wesentlich weiter ab. Pro Jahr stellen rund 19 000 Opfer bundesweit einen Antrag, rund ein Drittel wird bewilligt.

Die Schwester der in Afferde Getöteten bekam aus diesem Weg 1600 Euro für die Beerdigung; die Söhne bekommen Halbwaisenrenten. Allerdings geht es bei der Arbeit des Weißen Rings nicht nur um Geld. „Wir sind mehr als das“, sagt Jahn-Pabel. Jürgen Strohbach, der auch Monate später noch mit den gesundheitlichen Folgen der Stichverletzung kämpft, bleibt mit ihm in Kontakt. „Die Schmerzen erinnern mich jeden Tag an den Mord. So was vergisst man nicht“, beschreibt er.

In den meisten Fällen landen die Straftäter hinter Gittern – wie muss es aber für Opfer sein, wenn der Täter mit einem Freispruch davon kommt? Denn nicht immer lässt sich die Schuld vor Gericht beweisen. Landet der Täter im Gefängnis, sei das zwar vorerst eine „Beruhigung“, so Pabel – allerdings schilderten Opfer auch immer wieder, dass sie in diesem Fall „Angst vor späterer Rache“ hätten.

Hilfe für Opfer bieten Christian Jahn-Pabel und seine Kollegen vom Weißen Ring, Telefon 05151/41507

Info: Stalking-Opfer haben es immer noch schwer, kritisiert die Geschäftsführerin der Hilfsorganisation Weißer Ring, Bianca Biwer. So sehe das Opferentschädigungsgesetz keine Leistungen für Opfer psychisch erlittener Straftaten vor. Dabei könne Stalking das gleiche Ausmaß an psychischer Belastung haben wie körperliche Gewalt. Von Stalking ist die Rede, wenn jemand zum Beispiel einen Ex-Partner verfolgt oder ihn immer wieder etwa mit Telefonanrufen terrorisiert oder ihm auflauert. Seit 2007 gibt es dafür den Tatbestand „Nachstellung“ im Strafgesetzbuch. Die erfassten Fälle sind von bundesweit mehr als 29 000 im Jahr 2008 auf weniger als 22 000 im Jahr 2014 gesunken – man müsse aber von einer hohen Dunkelziffer ausgehen, so Biwer. Für Opfer sei es schwer, die Taten nachzuweisen.dpa.



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