weather-image
25°

Nach dem Feuer in Hilligsfeld: Familie Könecke fängt wieder bei null an / Welle der Hilfsbereitschaft rollt weiter

Der Neuanfang wird viel Kraft kosten

Jennifer hat unruhig geschlafen. Ihre Augen sind gerötet. Die Neunjährige steht immer noch unter Schock. Was das Mädchen am späten Dienstagabend erlebt hat, was es gesehen hat, wird es vielleicht niemals vergessen können. Vater Sven Könecke (42) hatte Jennifer in Hameln vom Kinderturnen abgeholt. Als die beiden das Fachwerkhaus am Martinskirchweg erreichten, stand der Dachstuhl bereits in Flammen. Mutter Nicole Könecke (32) wartete auf der Straße auf die Feuerwehr – sie hatte Baby Milan (vier Monate) auf dem Arm. Sven Könecke rannte ins brennende Gebäude, er wollte so viele Haustiere wie möglich retten und versuchen, das Feuer zu löschen. Jennifer stand in diesen Minuten große Ängste aus. „Ich habe Papa gerufen. Aber er hat mich nicht gehört. Da dachte ich, dass er da drin gestorben ist.“ Geweint habe sie, erzählt die Grundschülerin. Glücklich sei sie gewesen, als sie ihren Vater wieder in die Arme schließen konnte.

veröffentlicht am 23.01.2014 um 21:53 Uhr
aktualisiert am 10.10.2017 um 09:22 Uhr

270_008_6876110_hin105_2401.jpg
Ulrich Behmann

Autor

Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

In der Nacht hat Jennifer schlecht geträumt. Sie macht sich Sorgen um Fienchen und Miezi. „Das sind meine Katzen. Ich hoffe sehr, dass sie flüchten konnten und das Feuer überlebt haben. Sie fehlen mir so sehr. Die habe ich ganz doll lieb.“

Die Köneckes haben alles verloren, was sie besaßen. Sie müssen wieder ganz von vorne anfangen. Immerhin haben sie ein Dach über dem Kopf. Ortsbürgermeister Walter Bödecker hat für die vierköpfige Familie, die innerhalb von wenigen Minuten obdachlos geworden ist, eine Erdgeschosswohnung in einem Fachwerkhaus im Dorf gefunden. Sie ist zwar vollgestellt mit Möbeln, und auch die Schränke sind voll. Aber die Köneckes freuen sich, dass sie so rasch ein Notquartier gefunden haben. „Was braucht man schon zum Leben?“, fragt Sven Könecke – und beantwortet die Frage gleich selbst: „Essen und einen Platz zum Schlafen.“

Die Familie ist von einer Welle der Hilfsbereitschaft förmlich überrollt worden. „Mit den Möbeln, die uns herzensgute Menschen angeboten haben, könnten wir bestimmt 20 Wohnungen einrichten“, sagt Sven Könecke. Das Problem ist nur: „Unser Übergangsquartier ist möbliert, wir haben im Moment keinen Platz.“ Ein Mann habe bei Facebook einen Lagerraum angeboten, berichtet Heike Bartens, eine Freundin der Familie. „Da könntet ihr doch etwas für später unterstellen.“ Auch Mutter Nicole Könecke ist überwältigt von der Hilfsbereitschaft. „Dass uns so viele fremde Leute helfen wollen, ist einfach nur toll. Das ist der helle Wahnsinn, das haut einen regelrecht um. Wir sind sehr dankbar dafür.“

3 Bilder
Dienstagabend: Das Fachwerkhaus der Familie steht lichterloh in Flammen.

Grundschulleiterin Birgit Albrecht hat für Jennifer einen Ranzen und jede Menge Schulutensilien organisiert. Die Firma Renner hat sie gespendet. Nach einer Knie-Operation ist der Familienvater, der im E-Center am Reimerdeskamp arbeitet, noch krankgeschrieben. „Ich habe danach Urlaub. Wenn ich möchte, bekomme ich länger frei. Mein Arbeitgeber hat großes Verständnis für unsere Situation signalisiert“, sagt Sven Könecke. Der stellvertretende Marktleiter Matthias Jung habe Lebensmittel und Getränke vorbeigebracht. „Die Kollegen haben Geld gesammelt, der Markt hat die Summe aufgestockt. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Alle sind so mitfühlend und freundlich zu uns. Das ist einfach nur schön und hilft uns in dieser schweren Zeit.“

In der von dem Hamelner Sascha Hartmann gegründeten Facebook-Gruppe „Hameln hilft nach dem Großfeuer in Hilligsfeld“ wurden jede Menge Bekleidung und Möbel angeboten, im Gasthaus Schrader stapeln sich bereits die Hilfsgüter. Bei Spendenkoordinatorin Silke Schaper stand das Telefon nicht mehr still. Sachspenden würden im Moment nicht mehr benötigt, hat Sascha Hartmann gepostet. „Nur ein höhenverstellbarer Laufstall und eine Baby-Badewanne fehlt uns noch“, sagt Nicole Könecke. Mit dem Geld, das die Familie von Pastor Jürgen Harms und von der Hamelner Hilfsorganisation Interhelp bekommen hat, wollen sich die Köneckes neue Unterwäsche und Dinge des täglichen Bedarfs kaufen. Weitere Geldspenden werden benötigt – sie können auf das Konto 20 313 bei der Sparkasse Weserbergland (BLZ 254 501 10, Stichwort: Feuer) eingezahlt werden.

Im Schutt hat Sven Könecke eine Kiste mit Fotos gefunden. Alle sind nass, manche angebrannt. Der Hilligsfelder hütet sie wie seinen Augapfel, will sie sorgfältig trocknen. In dem Berg aus Balken, Lehm und Backsteinen, hofft der 42-Jährige noch Computer zu finden. „Auf den Festplatten sind Fotos von den Kindern gespeichert. Aber auch Urlaubsbilder sind drauf. Die würde ich gern retten.“ Auch ein paar Erbstücke dürften noch in der Ruine liegen. „Für uns haben diese Dinge einen großen emotionalen Wert.“ Verbrannt sind vermutlich Stammbuch, Geburtsurkunden und Zeugnisse. „Nur gut, dass wir wenigstens unsere Pässe haben“, sagt der Hilligsfelder. „Die steckten in unseren Portemonnaies.“

Heute will Sven Könecke mit einem Sachverständigen der Versicherung das anschauen, was von seinem Elternhaus übriggeblieben ist. „Wir wissen noch nicht, was auf uns zukommt“, sagt Nicole Könecke. Sie hat Tränen in den Augen. Was in den letzten Tagen passiert ist, nimmt sie sehr mit. Der Neuanfang wird viel Kraft kosten. Das ist sicher.

Das Schicksal der vierköpfigen Familie, die über Nacht ihr Hab und Gut verloren hat, lässt niemanden kalt. Menschen spenden Geld, Möbel und Kleidung. Die Köneckes stehen immer noch unter dem Eindruck des Geschehens. Sie sind dankbar für die große Hilfe. Tochter Jennifer hat Albträume, sorgt sich um ihre Katzen.

„Wir haben ein Dach über dem Kopf“ – Nicole und Sven Könecke mit Tochter Jennifer im Übergangsquartier. Patentante Susanne Maibom kümmert sich derweil um Baby Milan.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?