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Er schaut den Stadtoberen ganz genau auf die Finger

Der Mann mit dem Sitzfleisch

HAMELN. Die politische Sommerpause ist vorbei. Die Gremien der Stadt kommen jetzt wieder zusammen. Nach oftmals langwierigen Debatten werden dort Beschlüsse gefasst, die über die Zukunft von Hameln entscheiden. Die meisten Sitzungen sind für jedermann zugänglich. Ein Mann macht von diesem Recht stets Gebrauch. Auch beim am Donnerstag erstmals nach der Sommerpause tagenden Stadtentwicklungsausschuss wird er wieder dabei sein. Die Dewezet wollte von ihm wissen, was ihn antreibt.

veröffentlicht am 08.08.2018 um 17:53 Uhr
aktualisiert am 09.08.2018 um 12:22 Uhr

Hermann Campe vor dem Hamelner Rathaus. Hier war er schon bei vielen öffentlichen Sitzungen dabei. Die Debatten, sagt er, seien manchmal besser als das Fernsehprogramm. Foto: pk
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Es gibt einen Hamelner, der den Stadtoberen ganz genau auf die Finger schaut. Während andere beim Feierabendbier vorm Fernseher sitzen, beweist Hermann Campe Sitzfleisch. Mitunter stundenlang hört der 64-Jährige den Ratsleuten und Mitarbeitern der Stadtverwaltung in den politischen Gremien zu, die in aller Regel nur sehr sporadisch von Bürgern besucht werden. Naturgemäß geht es dabei nicht immer nur um die großen, die spannenden Themen, wie Millionenausgaben für ein neues Schulzentrum. Oft geht es auch um sperrige Angelegenheiten, die sich Flächennutzungsplanänderung nennen und allein dadurch schon bei vielen Gähnen auslösen. Hermann Campe lässt sich davon nicht abschrecken.

Seit fast zweieinhalb Jahren wohnt er jeder einzelnen öffentlichen Ausschuss- und Ratssitzung bei – um die 40 im Jahr. Die Stadtoberen kennen ihn inzwischen, mancher begrüßt ihn bei den Sitzungen mit Handschlag. Eine Ratssitzung kann auch mal bis Mitternacht dauern. Campe geht erst, wenn der öffentliche Teil der Sitzung geschlossen wird. Was treibt diesen Mann an?

Nie habe er die Worte eines Vertreters der Handwerkerkammer vergessen, als ihm seine Meisterurkunde als Zentralheizungs- und Lüftungsbauer überreicht wurde: „Die Handwerker müssen sich politisch mehr betätigen!“, habe dieser gemahnt und im Grunde sieht Campe das genau so. Das Problem sei nur: „Als Handwerker hat man dafür keine Zeit. Die Ausschüsse beginnen meist schon um 16 Uhr, wenn sie noch arbeiten“, so der gebürtige Hamelner.

Als er 2005 aus gesundheitlichen Gründen in Frührente ging, hatte er plötzlich mehr Zeit, als ihm geheuer war. „Bloß nicht zu Hause rumsitzen!“, sei seine Devise gewesen. Er trat dem Angelverein bei, engagiert sich in dessen Vorstand, sorgt dafür, dass seine noch berufstätige Frau mittags etwas zu essen auf den Tisch bekommt („Früher war das umgekehrt“), kümmert sich als studierter Betriebswirt um ihre Buchführung und um seine Enkelkinder – „die“, sagt Campe mit einem großen Lächeln, „sind das beste Hobby.“

Die Ortsratssitzungen in Afferde, wo er wohnt, hatte er interessehalber schon öfter besucht. 2016 ließ er sich für „Die Unabhängigen“ selbst zur Wahl aufstellen. Er wurde gewählt. Seitdem sitzt er als stellvertretender Ortsbürgermeister selbst im Ortsrat.

In die Ausschüsse und Ratssitzungen habe es ihn gezogen, weil er die politischen Entscheidungen, die er der Presse entnahm, noch besser nachvollziehen wollte. „Die Debatten können ja nicht in Gänze wiedergegeben werden, aber ich wollte wissen, wie genau diese Beschlüsse zustandekommen, wer genau für was steht“, sagt Campe. Denn mit manchem war und ist er nicht zufrieden. Zum Beispiel mit der Entscheidung für die neue Fußgängerzone, die – Stichwort Fugen – weder zweckdienlich noch, wie er findet, schön sei. „Vielleicht“, sagt er, „würde manche Entscheidung anders ausfallen, wenn mehr Frauen und Praktiker im Rat sitzen würden.“

So sehr er die Arbeit der Ratsleute, von denen viele Lehrer und Rechtsanwälte seien, auch schätze, wenn es etwa um Fragen in der Bildungspolitik gehe, so sehr fehle es ihm manchmal an Leuten vom Fach mit dem nötigen Wissen über etwa Baufragen. „Die gesamte Bandbreite der Bevölkerung ist im Rat eben nicht abgebildet“, sagt er. Tatsächlich sind Handwerker und Frauen, aber auch Migranten und Behinderte im Hamelner Rat stark unterrepräsentiert.

Deshalb macht Campe im Rahmen der Einwohnerfragestunde, die allen Ausschuss- und Ratssitzungen vorangeht, auch schon mal von seinem Rederecht Gebrauch. So habe er etwa die angestrebte neue Bedachung des Hochzeitshauses durch alten Sandstein kritisiert. Das gehe auch billiger, habe er gesagt. Hinterher hätten sich ein paar Ausschussmitglieder bei ihm näher über die Hintergründe erkundigt. Dass Bürgerstimmen durchaus gehört werden, wurde unlängst am Beispiel von Sina Ertel deutlich, die sich für eine Änderung der Hundesteuersatzung einsetzte – mit Erfolg (wir berichteten).

Das Zuhören, Rumsitzen und Ausharren in den oft langwierigen Tagungen macht Campe nichts aus. „Die Debatten sind manchmal sehr unterhaltsam, besser als das Fernsehprogramm“, sagt er nicht ohne auch Kritik zu üben: „Leider gibt es oft keine Rededisziplin. Dann wiederholt der eine, was der Vorredner schon gesagt hat, anstatt einfach zu sagen: ,Ich schließe mich an.‘“

Aber insgesamt ist er gar nicht so unzufrieden mit der Arbeit der Stadtoberen. Die Entscheidung des Rats, für den Bau des Schulzentrums Nord, auf einen Generalunternehmer zu verzichten, finde er gut. Er überlege deshalb, Isabelle Gifhorn, der Leiterin des Fachbereichs „Planen und Bauen“, heute im Stadtentwicklungsausschuss einen Blumenstrauß zu überreichen. „Als Dank für die Leistung der Verwaltungsmitarbeiter und des Rats“, sagt er.

Hinweis: Der Stadtentwicklungsausschuss kommt heute um 16 Uhr im Energietreff der Stadtwerke, Hafenstraße 14, zusammen.



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