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Eine ganz eigene Sicht auf Afghanistan

Der Mann, der mit den Taliban auch mal Tee trinkt

Hameln. Sein Ton ist rau, sein Umgang mit dem Publikum fast rabiat. Der untersetzte füllige Mann am Vortragspult, der an diesem Tag bereits mehr als 1000 Kilometer Anreise per Auto hinter sich gebracht hat, kann den Fallschirm- und Gebirgsjäger in sich nicht verleugnen. Doch die 80 meist uniformierten Zuhörer im Saal der BHW-Postbank nehmen Dr. Reinhard Erös den energischen Umgangston nicht krumm. Schließlich hat der 62-jährige Bayer eine Vita vorzuweisen, die ihnen imponiert: Fernspähoffizier, Truppen- und Oberstarzt, Politikwissenschaftler, Dozent an der Führungsakademie, 1993 gar medizinischer Berater von UN-Generalsekretär Kofi Annan, und – so Oberst der Reserve Hermann Schmidtchen von den Reserveoffizieren Hameln – „der mit zwei Dutzend weltweiten Auslandseinsätzen“ ein Krisenregions-Soldat mit einer der größten Einsatzerfahrungen sei.

veröffentlicht am 26.11.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 09.11.2016 um 14:21 Uhr

Reinhard Erös war Oberstarzt bei der Bundeswehr und kennt Afghanistan seit 25 Jahren.  Foto: eaw

Autor:

Ernst August Wolf
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Von dem Afghanistan-Einsatz hält Erös nicht viel. Daraus macht er keinen Hehl. Die Situation in dem ohnehin überaus lebensfeindlichen Land habe sich trotz oder gerade wegen der westlichen Militärintervention nicht verbessert. Im Gegenteil. „700 Milliarden hat der Westen investiert, und die humanitäre Situation ist heute schlechter als während der Taliban-Herrschaft.“ Die Widersprüche seien eklatant, schimpft Erös. Während die Bundeswehr beispielweise 1,2 Millionen Liter Alkohol pro Jahr herankarre, verfügten 90 Prozent der Afghanen nicht einmal über sauberes Wasser, hätten 68 Prozent keinen Zugang zu medizinischer Versorgung, seien 61 Prozent der Kinder chronisch unterernährt. 100 000 getötete Afghanen in den letzten zehn Jahren und 2300 tote Soldaten seien zudem ein gewaltiger Blutzoll. Für die Zukunft sieht er schwarz: „Das wird schlimm enden.“

Er redet frei, er redet Tacheles. Fast alles, was er sagt, klingt barsch. Zackig. Hart. Absolut. 79 Prozent der Deutschen seien gegen den Afghanistaneinsatz, wettert er, 73 Prozent der Parlamentarier dafür. „Eine in der deutschen Geschichte einmalige Situation. Schließlich geht es um Krieg und Frieden und nicht um Stuttgart 21.“ Er kritisiert, dass nie die Sinnfrage nach dem Einsatz diskutiert werde und Fragen wie die nach der Dauer des Einsatzes und seiner Ziele unbeantwortet blieben. Erös wählt drastische Vergleiche, um seine Position zu verdeutlichen. Beispiel: Das Kriegsziel, die Rückkehr der Terroristen zu verhindern. Das sei unsinnig. Erös’ Bezug zum Leben der Zivilbevölkerung: „Sie erwischen Ihre Frau mit einem Liebhaber im Bett, verjagen ihn und sagen, sie bleiben so lange im Schlafzimmer, bis er nicht wiederkommt. Wie lange bleiben Sie? Das ist absurd.“

Man kann sich an Erös stoßen, wie es viele schon getan haben. Erös’ Haltung, Stimme, Auftreten bieten wenig Raum für Kompromisse. Seit 25 Jahren kennt er das Land, in dem er als Arzt die schlimmsten Seiten des Krieges gesehen hat. Zusammen mit seiner Frau hat er bereits 1998 die Kinderhilfe Afghanistan gegründet, mit der er andere Wege gehen wolle, sagt er. Noch zu Zeiten der Taliban hat er vor allem in den gefährdeten Süd-Ost-Provinzen Mädchenschulen gegründet. Alle Projekte werden nach dem Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“ ausschließlich von Afghanen betreut. Auf „militärischen Schutz“ verzichtet der ehemalige Soldat, der sich auch schon mal mit den Taliban zum Tee trifft; außerdem auf staatliche Hilfen. Vehement beklagt Erös die westliche Unkenntnis, mit der Soldaten in das Land gehen. „Uns fehlt die primitivste Kulturkompetenz. Bei uns wird ja noch nicht einmal die Sprache des Feindes unterrichtet.“ Man dürfe eben nicht nur ausreichende Kenntnisse im Rückwärtsfahren mit dem Dingo haben. „Im Ernstfall kostet das Leben. Mir graust’s.“ Applaus. „Noch Fragen an Erös?“ „Keine!“ Ein Abend, der in Erinnerung bleibt.



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