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Hamelner schreibt Künstler-Biografien – diesmal über Jacques Brel

Der Mann, der eine Insel war

Hameln / Offenburg. Der aus Hameln stammende Autor ist ein Multitalent: Musikwissenschaftler, Schriftsteller, Pianist, und sogar Kabarett hat Jens Rosteck, Jahrgang 1962, in seiner Berliner und Pariser Zeit gespielt. Jetzt hat er eine neue Biografie geschrieben – über Jacques Brel.

veröffentlicht am 13.04.2016 um 13:41 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 13:50 Uhr

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Autor:

Ernst August Wolf
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Nach dem Abitur am Hamelner Albert-Einstein-Gymnasium 1982 studierte Rosteck in Berlin und Paris Musikwissenschaften, Germanistik und Komparatistik. „Meine Schulzeit in Hameln war eine sehr inspirierende Zeit, weil wir sehr lebendigen Unterricht hatten“, erinnert sich der Autor. Seine ganze Jugend über habe er außerdem Musik gemacht: in der Folkgruppe des AEG und an der Hamelner Kantorei in der Marktkirche. „Klavier-, Gitarren- und Kammermusik waren meine Hauptinteressen.“ Was lang da näher als die Tatsache, dass Musikforschung und Literatur dann auch in Rostecks wissenschaftlicher Karriere zwei gleich starke Säulen blieben.

„Parallel dazu war der Wunsch da, als Geisteswissenschaftler ein größeres als das rein wissenschaftlich interessierte Publikum zu erreichen. Also kam der Einstieg in die Arbeit als freischaffender Autor“, so Rosteck. Ein folgenreicher Entschluss, denn mittlerweile liegen rund 210 Publikationen Rostecks vor. Von wissenschaftlichen Veröffentlichungen über Städtebeschreibungen bis zu diversen literarischen Biografien.

Dem belgisch-französischen Chansonnier Jacques Brel, der nicht einmal 50 Jahre alt wurde, ist Jens Rostecks neueste Biografie gewidmet. „Brel – Der Mann, der eine Insel war“ betitelt der Autor sein 239-Seiten-Buch. Was gleich zweifache Bedeutung hat. „Er war ohne Vorläufer, ohne Nachfolger, einer, der ganz für sich alleine steht“, erklärt Rosteck. Einer, der von sich sagte: „Es gibt zwei Arten von Menschen: Es gibt die Lebenden und mich. Und ich, ich bin die See.“

Und Brel war jemand, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere der Bühne den Rücken kehrte, um auf der Südseeinsel Hiva Oa seine letzte Bestimmung zu suchen.

Wie schon in seinen Biografie über Bob Dylan, Hans Werner Henze, Kurt Weill und zuletzt in seiner vielbeachteten Hommage an Édith Piaf spürt Rosteck dem Provokateur Brel mit literarischen Mitteln nach. Jenem wie Camus sagt „Mensch in der Revolte“, dem Rebell gegen Spießbürgertum, Bourgeoisie, und auch gegen sich selbst.

Das Thema Brel

hat ihn schon viele Jahre begleitet

„Ich wollte“, sagt Rosteck, „einen Menschen zeigen, der sich absichtlich in der zweiten Hälfte des Lebens zurückzieht, und der, dem Tod geweiht, nach dem Glück fragt, um am Ende auf seiner Insel zu einem humanen Menschsein zu finden.“

Die Chansons Brels durchwehen Rostecks Text mit all ihrer Rauheit, ihrer beißenden Kritik, aber auch ihrer zarten, oft verzweifelten Melancholie und Sehnsucht – nach Ferne und Liebe.

Es sind vor allem Rostecks zwischengeschaltete „Liedkapitel“, in denen alles, was Brel so faszinierend macht, widerklingt. „Dans le port d’Amsterdam“, „Ne me quitte pas“, „Accelerando“ bis hin zur Chronik eines angekündigten Todes „Avec élégance“.

Das Thema Brel habe ihn schon viele Jahre begleitet, so Rosteck. „Da gab es nichts Vernünftiges auf deutsch“, stellt er fest. Ein Jahr lang habe er an dem Buch geschrieben, sich vor allem mit Brels „performances“ befasst, jenen Auftritten, in denen sich der Sänger binnen Minuten völlig verausgabte. „Da hat er, wie er selbst sagte, Minidramen aufgeführt, in denen er Blut und Wasser geschwitzte, und trotzdem seinem Publikum tiefgründige Texte mit literarischen Qualitäten fernab jeglicher Protestsong-Kultur präsentierte.“ Ist einer wie Brel im heutigen Medienbetrieb vorstellbar? Für Rosteck ist das kaum denkbar. „Seine Texte sind einfach zu anspruchsvoll, da muss man zuviel zwischen den Zeilen hören. Außerdem war er ein Rebell und Provokateur, dessen Unbequemheiten die heutige political correctness sicher schnell glattgebügelt hätte. Und mit ihm endete dann ja auch die französische Tradition der tour de chant.“

Mit seinem Buch über den „Magier – Mahner – Insulaner“ Jacques Brel, so die erste Kapitelüberschrift, ist Rosteck ein weiteres Mal ein glänzendes Beispiel dessen gelungen, was man literarische Biografie nennt. Kenntnisreich und unendlich reich an Fakten einerseits, vor allem aber einfühlsam und mit sensiblem Blick auf das Leben und Werk eines Getriebenen, dem am Ende sogar Paris zu eng wurde, und der die innere und äußere Freiheit auf einer Paradiesinsel und beim Fliegen suchte. Auf der Insel Paul Gaugins und im Element des Antoine de Saint Exupery. Am Ende steht mit dem Lied „Les Marquises“ ganz nach existentialistischer Manier die Einsicht, sich und die Welt zu akzeptieren. So wie sie ist. Nach Berlin, Paris und Nizza lebt Rosteck jetzt in Offenburg. „Von da aus bin ich jetzt schnell wieder in Frankreich, kann aber auch in Deutschland bequem auf Lesereisen gehen“, erklärt der frankophile Autor.

So wie am 12. Juni in der Hamelner Bibliotheksgesellschaft. Dann wird Rosteck in seiner Geburtsstadt bei der Matinée um 11.15 Uhr in der Pfortmühle aus seiner bemerkenswerten Brel-Biografie lesen.

Jens Rosteck: Brel – Der Mann, der eine Insel war. Mare Verlag, Hamburg 2016. 240 Seiten, 24 Euro.



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