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Verrottet die historische Substanz?

Der leise Verfall der Hamelner Altstadt

HAMELN. Das Förderprogramm städtebaulicher Denkmalschutz ist nicht viel mehr als ein Zuschuss, als ein Tropfen auf den heißen Stein. Um die historische Substanz der Altstadt vor dem Verfall zu retten, bräuchte es mehr als 225 000 Euro. Bei der letzten großen Sanierung standen 60 Millionen Euro zur Verfügung.

veröffentlicht am 08.08.2017 um 16:25 Uhr
aktualisiert am 08.08.2017 um 17:10 Uhr

Keine Rettung in Sicht: Das Domeierhaus an der Neuen Marktstraße verfällt seit vielen Jahren. Foto: Dana
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Hamelns Altstadtsanierung gilt bis heute als beispielhaft. Knapp 60 Millionen Euro standen von 1964 bis 1991 zur Verfügung, um die historische Substanz zur retten. Weitere 256 Millionen Euro an privaten Investitionen bewirkten öffentliche Förderungen. Heute, viele Jahrzehnte nach der großen Sanierung, nagt der Zahn der Zeit deutlich an vielen Häusern: Faulende Balken, abblätternde Farbe und bröckelnde Gefache allenthalben.

Gut 60 Prozent der etwa 550 Gebäuden in der Altstadt sind Baudenkmale, der Stadt gehören neun. 30 bis 50 Prozent der alten Substanz, so schätzt Immobilienmakler Christoph Ziercke grob, seien sanierungsbedürftig, vor allem in den kleineren Straßen.

Verspielt die Stadt nach der vorbildhaften Sanierung etwa ihr historisches Erbe? Es ist kein Geheimnis, dass oft schlicht das Geld fehlt. Sowohl bei Hausbesitzern, als auch im Haushalt der Stadt. Die Entwicklung ist zudem eng mit dem demografischen Wandel verknüpft, der seine Spuren immer deutlicher in der Altstadt hinterlässt. Die Zahl der Leerstände im Einzelhandel steigt trotz gegensteuernder Konzepte. Unsanierte Wohnungen oder Häuser sind kaum mehr vermietbar, 3,50 bis 4 Euro pro Quadratmater ließen sich dann höchstens noch in der Altstadt erzielen, so Ziercke. Bei sanierten Häusern liege der Preis bei 5,50 bis 6 Euro.

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Verfallenes Haus an der Großen Hofstraße. Foto: Dana

Ein weiteres Problem: Immer weniger Eigentümer wohnen vor Ort, Eigner sind oft europaweit agierende Organisationen oder Fonds. Die zunehmend schwierige Situation hat die „Abteilung Stadtentwicklung und Planung“ bereits 2013 beschrieben. Ziel war die Aufnahme ins Förderprogramm städtebaulicher Denkmalschutz.

Der Plan ging auf. Seit 2014 und noch bis 2020 unterstützen Bund, Land und Kommune Hausbesitzer mit insgesamt 225 000 Euro. Wie viel der Einzelne bekommt, hängt von der Anzahl der Bewerber pro Jahr ab und davon, wieviel derjenige investieren will. Baudenkmale werden mit maximal 20 000 Euro bezuschusst.

31 Maßnahmen konnten seither auf den Weg gebracht werden. Genaue Zahlen dazu, wie viele Hausbesitzer in den letzten zehn Jahren Geld in ihre Häuser investiert haben, konnte die Stadt auf Anfrage nicht zur Verfügung stellen. Mehr seien es durch das Förderprogramm nicht geworden, sagt Hamelns Denkmalpfleger Michael Voss. Im Gegenteil: Es gab vorher vereinzelt sogar aufwendigere Maßnahmen. Mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein scheint der Zuschuss für die Sanierungswilligen also nicht zu sein.

Derzeit wirkt die Situation umgekehrt: Das kleine Schild der Städtebauförderung, das im Programm befindliche Häuser sichtbar auszeichnen muss, fehlt oft dort, wo es besonders notwendig scheint. Zum Beispiel am Domeierhaus in der Neuen Straße (Bild oben), das seit Jahren verfällt. Ein anderes trostloses Beispiel ist ein kleines Haus in der Großehofstraße 47. Es steht seit Jahren leer, hinter der eingeschlagenen Scheibe steht nur ein Brett. Die Stadt hat die Besitzer mehrfach kontaktiert, auch, um sie am Förderprogramm zu beteiligen, eine Reaktion kam nie. Wer aufmerksam durch die Straßen geht, kann sehen, dass viele alte Häuser nicht bewohnt sind. Eine Zahl kann man bei der Stadt nicht nennen.

Sanierungsbedürftig ist auch das Haus Nr. 9 in der Alten Marktstraße. Es wird von der Capera Immobilien Service GmbH verwaltet. Angeblich besteht Interesse, etwas zu tun. Sagt der Hausmeister. Gegründet wurde Capera von der Corestate Capital, einem Schweizer Immobilieninvestor. Die Kontaktaufnahme verläuft im Sande. Realität ist: Immobilienfonds haben selten Interesse an Sanierungen. Dem Unternehmen gehören dem Vernehmen nach mehrere Objekte in der Altstadt.

Doch auch vielen Eigentümern vor Ort schrecken vor einer Sanierung zurück – ob mit oder ohne Zuschuss. Schon manch ein Bauherr hat Abstand von der Fassadensanierung genommen haben, als klar wurde, dass es mit einem Neuanstrich nicht getan ist.

Doch welche Möglichkeiten, wenn der Besitzer beschließt, sein Haus verfallen zu lassen, anstatt zu verkaufen oder zu sanieren? Nicht all zu viele.

„Dem Recht der Kommune, notfalls zu enteignen, steht der im Grundgesetz verankerte Schutz des Eigentums entgegen“, erklärt Michael Voss. „Da kann man als Verwaltung schnell in einen rechtlichen Konflikt geraten.“ Erhaltungsmaßnahmen können nicht verlangt werden, wenn es den Verpflichteten wirtschaftlich unzumutbar belastet, so steht es im Gesetz. Solche Fälle gab es auch schon in Hameln. Was der Behörde bleibt: „So weit wie möglich auf die Leute zugehen“, sagt Voss, „bei einigen immer wieder“. Der Erfolg sei unterschiedlich. „Manchmal fruchtet es, einige reagieren gar nicht.“

Die Eigentümer des Domeierhauses hätten den Zuschuss abgelehnt. Voss schätzt, dass der hintere Teil des Hauses abrissreif ist. Dort hat die Stadt bereits Abstützmaßnahmen eingefordert. „Die Vorderseite, zumindest die tragende Konstruktion, ist ganz ordentlich“, so Voss.

Wenn die Sanierung in die Hunderttausende gehe, seien 20 000 Euro am Ende auch egal, sagt Christoph Ziercke. Sinnvoller fände er es, wenn die Stadt ein zinsgünstiges Darlehen vergeben würde. Das dürften die Hausbesitzer nicht auf die Mieter umlegen. „Dann hätte die Stadt Zinseinnahmen und die Leute würden sanieren“, glaubt er.

Mein Standpunkt
Dorothee Balzereit
Von Dorothee Balzereit

Die Altstadt ist das dickste Pfund, mit dem Hameln wuchern kann. Dieses Erbe zu verspielen wäre fahrlässig. Die Suche nach Fördermöglichkeiten darf nicht nachlassen. Ein höherer Anreiz zieht auch höhere Privatinvestitionen nach sich.



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