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Trendforscher Dr. Eike Wenzel ist überzeugt: Zeitungen haben Zukunft – und die ist digital

„Der größte Umbruch seit Gutenberg“

Hameln. Das Magazin „Business-Punk“ bezeichnete ihn als den „Trendforscher mit dem niedrigsten Blabla-Faktor“: Dr. Eike Wenzel gilt als einer der renommiertesten deutschen Zukunftsforscher. Der Gründer und Leiter des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung beschäftigt sich auch mit der Zukunft der Zeitung. In dieser Woche war er zu Gast bei der Dewezet.

veröffentlicht am 08.12.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 01:41 Uhr

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Frank Henke

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Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite
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Herr Dr. Wenzel, der „Frankfurter Rundschau“ geht es schlecht, die „Financial Times Deutschland“ wurde gerade eingestellt. Sogar „Spiegel“ und „Bild“ haben Probleme. Sind gedruckte Medien ein Auslaufmodell?

Klar ist Print letztlich ein Auslaufmodell, aber man sollte das nicht so kommunizieren. Zeitung als Institution, die uns Orientierung gibt in der Welt, hat definitiv Zukunft. Das ist sicherlich auch vielen Menschen in den vergangenen Wochen klar geworden. Es ist aber nicht mehr zu negieren, dass das Geschäftsmodell so nicht mehr funktioniert, dass die Auflagenzahlen und die Anzeigenerlöse zurückgehen. Das tun sie aber auch schon seit Jahren. Ich glaube, dass das Modell der anzeigengetriebenen, auflagenorientierten Zeitungen ausläuft, aber wer jetzt als Zeitung sein Schicksal selbst in die Hand nimmt, sich auf die richtige Weise digitalisiert, der wird eine Zukunft haben.

Digitalisierung ist das Stichwort. Auch wenn Verlage über Probleme klagen, ist über das Internet die Nachfrage nach Informationen zugleich immens hoch …

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Das ist sie. Wir sind in den 70er, 80er Jahren in einer Zeit aufgewachsen, da gab es nur drei Fernsehkanäle, aber fast schon die gleiche Zahl an Zeitungen wie heute. Wir waren damals definitiv nicht überladen mit Informationen, heute haben die meisten Menschen dieses Gefühl. Und sie sehen, dass sie einen Selektionsmechanismus brauchen, der nicht nur berichtet und Nachrichten produziert, sondern erklärt. Es gibt heute noch nicht die perfekte Form, wie

Zeitung im Netz funktionieren sollte. Aber dieses „Welt erzählen“ wird irgendwann auch das Alleinstellungsmerkmal der Zeitungen im Internet sein. Darauf sollte man bauen.

Sie prophezeien, dass etwa im Jahr 2030 die Ära der gedruckten Zeitung endet. Was heißt das konkret?

Das Print-Produkt wird dann in vielen Bereichen nur noch ein Sahnehäubchen sein. Gesamtgesellschaftliche Mega-Trends wie die Digitalisierung kommen mit der Wucht eines Tsunamis. Wer sich nicht frühzeitig darauf einstellt, kommt um. Ab 2030 wird auch das Butterbrot-Geschäft der Verlage digital ablaufen. Ich sehe für diesen Zeitpunkt noch nicht die komplette Wende im regionalen Tageszeitungsbereich, aber national wird es in hohem Maße so sein. Digital wir dann eine im Grunde mehrtürige Struktur angeboten: Ich finde dann auf einem Portal auf dessen Oberfläche ich bestimmte Inhalte finde. Da werden dann viele individualisierte Recherche-, Erzähl- und Analysepfade dahinterstehen – so, wie wir es heute über Verlinkungen bereits an vielen Stellen im Internet haben. Seiten wie „Spiegel Online“ funktionieren ja im Grunde wie ein Blog, in dem man sich durchklicken kann in andere Bereiche. Die Tageszeitungen werden dabei auf ihrem Grundmodell des hochwertigen Journalismus – vor Ort sein, mit Leuten reden, den Telefonhörer in die Hand nehmen – beharren müssen. Aber da ist in den vergangenen Jahren auch gar nicht so viel falsch gemacht worden. Print liefert nach wie vor Qualität und das sollte man ganz selbstbewusst sagen. Es kommt jetzt nur darauf an, dass man die Schwellenangst vor dem Digitalen möglichst schnell überwindet. Letztlich werden die einzelnen Formate und Gattungen nicht mehr so wichtig sein, es wird darum gehen, Inhalte zu liefern, die die Menschen in ihren verschiedenen Lebenssituationen, ihren besonderen Lebensstilen, gerade haben wollen. Zeitungen, die gut funktionieren, wissen immer sehr genau, wer ihre Zielgruppe ist. Daran muss mehr gearbeitet werden.

Viele Zeitungen – so auch die Dewezet – werden ihre Inhalte im Internet künftig nicht mehr komplett kostenlos anbieten. Ein richtiger Schritt?

Es gibt keine andere Möglichkeit, keinen anderen Weg. Wir haben derzeit die Debatte über das Leistungsschutzrecht. Google sieht gleichsam die Kultur der freien Welt dahingehen, wenn sich Verlage für ihre Leistungen etwas bezahlen lassen möchten. Doch das macht auch jeder Google-Mitarbeiter – hier stimmen die Verhältnisse nicht. Aber man wird sich da irgendwie einigen. Es wird sicher in den nächsten Jahren so sein, dass die Menschen sich ihre Informationsquellen suchen werden – und es gibt Anbieter von Apple bis Dewezet. Hier gilt es für die Verlage, die Nerven zu behalten und wirklich auf Qualität zu setzen. Ich glaube, dass das klassische Arbeiten, die klassische Recherche in der Redaktion durchaus zukunftsfähig sind. Und dafür wird der Leser auch Geld bezahlen. Neue digitale Inhalte – und ich glaube, die Dewezet macht das in ihrem neuen Online-Auftritt sehr gut – können die Leser stärker an ihre Zeitung binden als früher, als sie nur die gedruckte Ausgabe in ihrem Briefkasten hatten.

Noch vor einigen Jahren hieß es: „Das Internet kann keine wirkliche Konkurrenz für Tageszeitungen sein – wie soll man schließlich am Frühstückstisch oder im Bus Internet-Texte lesen?“ Heute sind Smartphones und Tabletcomputer, mit denen genau das möglich ist, alltäglich. War das der Urknall?

Der Urknall ist die Digitalisierung selbst. Das war nach Gutenbergs Buchdruck der nächste große Wandel. Die Informationen suchen sich nun ihre Kanäle selbst. Als Tageszeitung habe ich quasi keine exklusiven Inhalte mehr. Tablets und Smartphones machten das Internet mobil. Das war die nächste Revolution. Aber das Internet ist radikal dezentral organisiert, es wird deshalb auch nicht das eine zentrale, selig machende Geschäftsmodell für Verlage geben.

Wir haben über Redaktionen, über Verlage gesprochen – was erwartet denn der Leser der Zukunft?

Die Zeitungen müssen sich, wie gesagt, auf ihre alten Qualitäten, auf das „Welt erzählen“, besinnen. Außerdem wollen die Leute mitgenommen werden, sie wollen in die Zeitung rein. Dafür braucht es ein Portal, dafür braucht es Blogs. Hier können Tageszeitungen sich noch stärker profilieren.

Am Montag startet die neue Version von dewezet.de. In unserer (gedruckten) Montagsausgabe erfahren Sie alles über die neuen Seiten.

„Die Informationen suchen sich nun ihre Kanäle selbst“, sagt Zukunftsforscher Eike Wenzel. Zum Beispiel über Tablet-PCs.

Fotos: Wal/Medien 31



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