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Norbert Grell macht aus Musikinstrumenten Unikate

Der Gitarrenschnitzer von Hameln

HAMELN. Er verewigt Affen und Drachen auf Gitarren und Bässen, veredelt sie mit Gold, verpasst ihnen einen Industrial-Look: „Carving“, zu deutsch „Schnitzen“, heißt das ungewöhnliche Hobby, dem Norbert Grell nachgeht. Auf einem Instrument hat er sogar ein Stück Stadtgeschichte verewigt: den Rattenfänger von Hameln.

veröffentlicht am 23.02.2018 um 10:48 Uhr
aktualisiert am 23.02.2018 um 11:30 Uhr

Ein Stück Hamelner Stadtgeschichte auf einer Gitarre verewigt: Rattenfänger, Kinder, mittelalterliche Häuser, Weser und Ratten hat Norbert Grell mit einer Handfräse auf der Gitarre verewigt. Foto: ww
Wiebke Kanz

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Wiebke  Kanz Reporterin (in Elternzeit) zur Autorenseite
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Irgendwie klingt das bei Norbert Grell alles ganz einfach: Eines Tages habe er einfach zur Handfräse gegriffen und angefangen. Als hätte man einfach so eine Handfräse zu Hause. Und als wüsste man dann auch noch, wie man so eine Handfräse benutzt. Norbert Grell aber hatte eine Handfräse zu Hause – „irgendwie findet sich bei mir jedes Werkzeug an“, sagt er –, und mit dem Gedanken, wie man diese benutzt, hielt er sich gar nicht lange auf.

So war das schon immer: Weil er als Kind so oft krank war und viel Zeit zu Hause verbringen musste, brachte er sich schon mit sechs Jahren selbst das Malen bei. Durch seinen Vater, selbst Landschafts- und Porträtmaler, war Grell zuvor zwar bereits mit der Ölmalerei in Kontakt gekommen. An Technik und Material aber tastete sich der heute 51-Jährige selbst heran.

Auf ähnlichem Wege entdecke Grell vor rund 35 Jahren seine Liebe zur Musik. Klavier, Schlagzeug, Gitarre, Ukulele – um nur einige zu nennen –, der Autodidakt brachte sich das Spielen selbst bei. Und, ganz wichtig: Bass. Dieser nämlich war es, der Grell darauf brachte, Kunstwerke in Holzinstrumente zu schnitzen.

Norbert Grell spielt auf seiner Rattenfänger-Gitarre. Foto: ww
  • Norbert Grell spielt auf seiner Rattenfänger-Gitarre. Foto: ww
„Ich glaube, das Carving wird mein neues Hobby“: Grells Sammlung geschnitzter Gitarren und Bässe wächst. Foto: ww
  • „Ich glaube, das Carving wird mein neues Hobby“: Grells Sammlung geschnitzter Gitarren und Bässe wächst. Foto: ww

Lange Jahre spielte Grell nämlich Bass in der Band Drunk Monkeys On Crack, in der er auch sang. Eines Tages, nebenbei, auf einem ganz kleinen Zettelchen, entstand mit einer ersten Skizze die Idee, sein Instrument zu personalisieren. Den Korpus sollte ein Affe zieren – „wegen der Drunk Monkeys“, sagt Grell –, mit viel Struktur, sodass das Fell erkennbar sei. Selbst für die Klangregler hatte Grell bereits die Idee, kleine gelbe Bananen zu schnitzen. „Eigentlich wollte ich mit dem Monkey auf der Bühne spielen“, sagt Grell – doch dann hängte der Musiker seinen Bass buchstäblich an den Nagel und verließ die Band. Das Instrument landete für zwei Jahre in der Ecke.

Erst vor wenigen Wochen holte der Musiker und Künstler, der eigentlich als Schulhausmeister an der Grundschule Bisperode arbeitet, seinen Bass wieder hervor und setzte seine Idee um. „In Erinnerung an eine gute Zeit mit den Drunk Monkeys On Crack“, sagt er. „Ich glaube, das Carving [englisch für „Schnitzen“, Anm. d. Red.] wird mein neues Hobby“, schrieb er am 20. Januar auf seiner Facebook-Seite. Und genau so kam es dann auch.

Inzwischen hat Grell insgesamt sechs Gitarren und Bässe in Kunstwerke verwandelt. Neben dem Affen hat er einer Gitarre einen Industrial-Look verpasst, einen Bass ziert ein Drache, eine Gitarre wurde komplett mit Blattgold veredelt – und auf einer weiteren ein Stück Hamelner Stadtgeschichte verewigt: den Rattenfänger von Hameln samt Kindern, mittelalterlichen Häusern, Weser und, klar, Ratten. Gebeizt und mit Gitarrenlack versiegelt, bekommt jedes Instrument so seine ganz eigene Optik, jedes ist ein Unikat. Über Facebook ließ der Künstler seine Freunde und die Öffentlichkeit am Entstehungsprozess teilhaben, mit den vielen begeisterten Reaktionen hätte selbst er nicht gerechnet, sagt er. Dennoch: Schnitzaufträge zum Beispiel von Musikern für deren Instrumente entgegenzunehmen, davor schreckt Grell noch zurück: „Ich schnitze lieber meine eigenen Gitarren, und wenn jemand an denen Interesse hat, kann er sich melden.“

Natürlich, sagt Norbert Grell, würde er sich nicht auf einer Fender Stratocaster austoben: „Die meisten Instrumente kaufe ich extra, um auf ihnen zu schnitzen.“ Spielen könne man jedes einzelne der Instrumente trotzdem. Auch wenn Grell das gar nicht vorhat: Die Bässe und Gitarren sollen, eingerahmt, in seinem Haus aufgehängt werden. Dieses – ein ehemaliger Lebensmittelladen in Rohrsen, 280 Quadratmeter groß, von Grell eigenhändig um- und ausgebaut, auch hier hat er „einfach mal gemacht“ – ist Wohnhaus für seine Familie, Atelier, Galerie, Werkstatt und Kneipe in einem. Und: „Es wird langsam zu klein für meinen ganzen Kram.“ So ist das, wenn man umtriebig ist.



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