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Newaf Miro betreibt tagsüber das Steakhouse Cheyenne – nachts schreibt er Bücher und Kolumnen

Der Gastronom, der eigentlich Schriftsteller ist

Hameln. Noch trägt Newaf Miro die Kochmütze, schwirrt durch die vom Restaurantbereich aus offen einsehbare Küche, schneidet Gemüse, brät Steaks. Ein Mitarbeiter ist ausgefallen, das Interview muss warten. Zur Überbrückung gibt es Tee und einen Snack. Schließlich leert sich das „Steakhouse Cheyenne“. Miro zieht sich um, kommt an den Tisch, entschuldigt sich für die Verspätung und breitet seine Bücher vor sich aus. Um Kochbücher handelt es sich dabei allerdings nicht.

veröffentlicht am 20.03.2012 um 17:10 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 18:41 Uhr

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Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Wenn Newaf Miro spät am Abend sein Restaurant schließt und die meisten zu Bett gehen, fängt die Arbeit für ihn zu Hause erst richtig an. Er setzt sich an seinen Computer und beginnt zu schreiben: Gedichte, Romane und Kolumnen, die in Verlagen und Zeitungen veröffentlicht werden. Oft schreibt er bis in die frühen Morgenstunden, sodass er noch schläft, wenn seine Frau den Kindern das Frühstück zubereitet und sie zur Schule schickt. „Ohne meine Frau, die mich voll unterstützt, wäre das nicht möglich“, betont Miro.

Er war schon immer ein Nachtmensch, sagt der 42-Jährige. Und wäre er das nicht, wer weiß, ob er heute schreiben würde. Schon als Jugendlicher las er bis tief in die Nacht, während die Familie schlief. Als er 1987 im Alter von 17 Jahren mit seinen Eltern aus der Türkei nach Deutschland kam, wurde aus der Leidenschaft zu lesen eine Pflichtaufgabe. „Ich musste ja dafür sorgen, in Deutschland klarzukommen. Also las ich und lernte Deutsch gut genug, um mich hier zurechtzufinden“, erzählt Miro.

Seine Passion fürs geschriebene Wort ist nicht selbstverständlich. Seine Eltern waren einfache Bauern, Bücher waren ihnen fremd. Während sie in Bramsche arbeiteten, kümmerte er sich um seine Geschwister, motivierte sie zum Lernen. „Für gute Noten habe ich sie belohnt, für schlechte bestraft“, sagt er. Heute sind seine Geschwister Richter, Rechtsanwälte, Unternehmer. Und obwohl er damals selbst kaum Deutsch konnte, saß er schon bald im Ausländerbeirat von Bramsche.

In dieser Zeit machte Miro, der inzwischen eine Arbeitserlaubnis erhielt und fortan in Fabriken und in der Gastronomie arbeitete, eine Entdeckung. „Ich entdeckte den anderen Newaf. Den, der nicht nur arbeitet und im Leben klarkommt. Sondern den, der sich weiterentwickelt, der sich für Kultur und Geisteswissenschaften interessiert.“

Diese Entdeckung führte ihn zum Schreiben. „Mir wurde klar: Was gestern war, ist wie ein Traum und verschwindet irgendwann. Aber was ich heute aufschreibe, das bleibt. Der Rest geht verloren.“ Zuerst schrieb er Gedichte, über die Liebe und die Natur. Zuerst auf Türkisch, später in seiner Muttersprache, dem kurdischen Kurmandschi. 1998 zog er nach Hameln, arbeitete als Taxifahrer. Dadurch hatte er viel Zeit zu lesen, aber auch zu schreiben, wenn er nachts auf Kunden wartete. Aus den Gedichten wurden Romane. Nebenbei begann er, für verschiedene kurdischsprachige Internetzeitungen zu schreiben.

2005 kaufte er das Cheyenne. Den Grundstein für die Gastronomie hatte er in den späten 80er Jahren gelegt, als Tellerwäscher und Küchenhilfe, wie er sagt. Die Nächte blieben weiterhin dem Lesen und Schreiben vorbehalten. Seine literarischen Vorbilder sind die Dengbej, kurdische Sänger, die die Geschichte der Kurden mündlich überliefern, sowie Yasar Kemal, Mehmed Uzun und Halim Yusuf, aber auch Günther Grass und deutsche Klassiker wie Goethe, Schiller oder Novalis.

Newaf Miros Gedichte sind gleichermaßen sinnlich und bildhaft: „Soll der Dichter Liebesgedichte dichten / Unsere Liebe soll / Erde, Wasser, Wind und Feuer werden / und sich verewigen / Mein Herzstück / Lass uns leben / Soll der Tod den Sterbenden vorbehalten bleiben“ („Lass unsere Körper sprechen“ aus dem Gedichtband „Dilop“).

Dilop ist Kurmandschi und bedeutet Tropfen. Es ist Miros drittes Buch, erschienen über einen Verlag in Berlin. „Manchen Menschen fehlt es nur an einem einzigen Tropfen: Dem einen fehlt ein Tropfen Liebe, dem anderen ein Tropfen Blut. Ich hoffe, dass meine Bücher auch ein Tropfen sind in diesem Meer aus Liebe, Gerechtigkeit und Frieden“, erläutert Miro.

„Kelese res“ – „Ein nackter Held“ heißt der erste 2009 erschienene Roman des Hamelner Gastronomen. Er handelt davon, wie ein Mensch zum Mörder wird, etwa dadurch, „dass er keine eigenen Ziele hat“. Hier ist es ein Junge, dessen Mutter ihn stets lobt, was auch immer er tut. Er wird ein berühmter Dieb und tritt in die Armee des Königs ein, um dessen Tochter zu gewinnen. Als er ihr jedoch eines Tages gegenübersteht, gibt sie ihm einen Korb, da er nicht in der Lage ist, sich auszudrücken und noch dazu ein Mörder ist.

Erst letztes Jahr erschien sein Roman „Bend“ (Mauer), dessen Handlung in der Türkei beginnt, aber zum Großteil in Hameln spielt. Es geht um eine muslimische Familie, in der es zu einem sogenannten Ehrenmord kommt. Die einzige Lösung für solche Verbrechen könne der Einsatz des gesunden Menschenverstandes und Bildung sein, glaubt Miro. „Ohne seinen Verstand besteht der Mensch nur aus Kraft und Brutalität. Der Mensch ist erst Mensch durch seinen Verstand.“

Ob er als gläubiger Ezide (auch: Jeside) keine Bedenken habe, über Muslime zu schreiben? Zumal es auch unter Eziden zu Ehrenmorden kommt, wie erst vor wenigen Wochen in zwei Fällen offenbar wurde (wir berichteten). „Nein“, sagt er bestimmt. „Auch unter Christen im Nahen Osten passieren Ehrenmorde. Alles, was in dieser Welt geschieht, geht mich an. Ich bin zuallererst Mensch!“ Inzwischen, führt er aus, sei er nicht nur Ezide, sondern trage auch christliche, islamische, alevitische und buddhistische Elemente in sich .

Gerade „Bend“ würde er gern ins Deutsche übersetzen lassen. „Ich bin sicher, dass es gut ankommen würde“, sagt Miro. Leben kann er von seinen Büchern nicht. „Ich zahle drauf, um die kleinen Verlage, die meine Bücher veröffentlichen, überhaupt am Leben zu erhalten.“ Zurzeit arbeitet Miro an seinem fünften Buch. Und für den „Nackten Helden“ würde er gerne noch einen zweiten Teil schreiben. „Ich muss ihm etwas anziehen. Er tut mir sonst leid“, sagt er schmunzelnd.



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