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Warum Hamelner auf „Fair-Trade“-Produkte schwören

Der faire Preis sorgt für bessere Lebenschancen

Hameln. „Q’Antati“ heißt der Weltladen im Haus der Kirche, der ausschließlich fair gehandelte Produkte anbietet. In der Sprache der bolivianischen Indios bedeutet der Name „Sonnenaufgang“ oder auch „Hoffnung“. Eine Hoffnung, die Produzenten und Kunden eint: Den einen sollen durch den fairen Preis für ihre Artikel bessere Lebenschancen ermöglicht werden, die anderen bauen darauf, dass sie mit dem Kauf der Produkte etwas Gutes tun. „Ich helfe lieber auf diese Art, als für etwas zu spenden, bei dem ich nicht weiß, wo es landet“, sagt Lieselotte Eberhard, Stammkundin bei „Q’Antati“. Seit zehn Jahren kaufen sie und ihr Mann Hans-Jürgen in dem Weltladen ein: „Kaffee, Kekse, Bonbons, Säfte, Honig und Reis“, listet das Ehepaar auf. Doch auch bei dem angebotenen Kunsthandwerk wird sie schwach: „Die Ketten und die Taschen sind wunderschön“, findet Lieselotte Eberhard. Und bei den Waschnüssen gerät sie geradezu ins Schwärmen: „Die sind toll. Die kommen in ein Säckchen und dann in die Waschmaschine.“ „Die Nüsse enthalten einen hohen Saponin-, das heißt Seifen-Anteil“, klärt Gabi Raabe auf, die seit 13 Jahren in dem Weltladen für die Bestellungen zuständig ist.

veröffentlicht am 10.04.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 12.11.2016 um 03:21 Uhr

Finger- und Sorgenpüppchen aus Guatemala sind ein Renner.

Autor:

Karin Rohr
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„Fair Trade“ – der Name ist Programm, steht für gerechte Löhne, fairen Zwischenhandel und bessere Lebensbedingungen für Menschen in der Dritten Welt. Mit dem Label, das bei den Weltläden seit 35 Jahren gang und gäbe ist, schmücken sich auch zunehmend Supermärkte wie Rewe und Kaufland oder Discounter wie Lidl: „Fair Trade“ dokumentiert wie „Bio“ eine Lebenseinstellung, spiegelt eine Bewegung, ist Trend. Den Gabi Raabe mit zwiespältigen Gefühlen zur Kenntnis nimmt: „Wenn Konzerne kurzfristig große Mengen fair gehandelter Lebensmittel abnehmen, ist das zwar auf den ersten Blick sehr schön, aber die Langfristigkeit ist hier nicht gegeben“, gibt sie zu bedenken. Krass formuliert: Ist das Käuferinteresse gering oder schwindet es irgendwann, fliegen die Produkte wieder raus. Gängiges Prinzip der Marktwirtschaft.

Das ist bei den rund 800 Weltläden, die es in Deutschland gibt, anders: „Die Langfristigkeit ist uns wichtig. Nur dann zahlt es sich für die Menschen in der Dritten Welt aus“, sagt Gabi Raabe. Eine idealistische Einstellung, die sich meist nicht rechnet. Raabe: „Die Weltläden werden fast alle ehrenamtlich betrieben, weil der Umsatz nicht so groß ist, dass man noch jemanden beschäftigen könnte.“

„Die Wertschätzung der Arbeit gibt Würde“

Das gilt auch für den Hamelner Weltladen: Seit 1996 kümmern sich dort elf Frauen und zwei Männer ehrenamtlich um Einkauf, Verkauf, Schaufenster-Deko, Buchhaltung und Organisation. Träger ist der Verein „Aktion Eine Welt e.V.“, der 1976 in Hameln aus der Arbeit des Evangelischen Jugenddienstes heraus gegründet wurde. „Für alle Weltläden sind die Einkaufskriterien nach einer Konvention festgelegt“, sagt Gabi Raabe und zählt deren wichtigste Grundsätze neben der Langfristigkeit auf:

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Ingrid Stenzel aus Hameln kauft möglichst nur Fair-Trade-Produkte – wie diesen Osterhasen.

Der Einkauf erfolgt bei wirtschaftlich und sozial benachteiligten Menschen wie Kleinbauern, Selbsthilfegruppen, Genossenschaften von Handwerkern in Afrika, Asien und Südamerika.

Die gezahlten Preise müssen die Produktionskosten decken und darüber hinaus Spielraum lassen für Entwicklungs- und Gemeinschaftsaufgaben.

Ziel ist es, die wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen in den Dritte-Welt-Ländern zu verbessern.

„Fair Trade“, ist Gabi Raabe sicher, führe darauf hinaus, dass die Menschen in ihren angestammten Lebensräumen bleiben und nicht aus der Not heraus in wirtschaftlich bessergestellte Länder flüchten. Nicht auf Rohstoffe oder Einzelteile zur Weiterverarbeitung käme es an, sondern auf das fertige Produkt: „Wenn ich dieses einem Menschen abkaufe, zeige ich Wertschätzung für seine Arbeit und Leistung und gebe ihm seine Würde“, so Raabe. Das sei letztlich besser als eine Spende, gibt sie dem Ehepaar Eberhard recht.

Ingrid Stenzel sieht das genauso: „Ich kaufe nach Möglichkeit nur Fair-Trade-Produkte,“ sagt die Hamelnerin und begründet: „Mit einem fairen Preis ermöglicht man Lebensperspektiven.“ Milchprodukte, Brot, Kaffee und Tee, aber auch biologisch abbaubare Reinigungsmittel stehen auf ihrer Liste. Auch wenn sie im Supermarkt einkaufe, achte sie auf das „Fair Trade“-Siegel, sagt Ingrid Stenzel, bei der ein Vortrag von Gabi Raabe beim „Gesprächskreis“ der Volkshochschule zum Umdenken geführt hat.

Das bekannteste „Fair Trade“-Label ist das von der Hamburger GEPA, der Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt. Aber auch das Gütesiegel der Hildesheimer „El Puente GmbH“, der Organisation des partnerschaftlichen Handels, findet man auf vielen Waren. Andere Fair-Trade-Partner sind der „globo fairshop“ (Bad Nenndorf), der Contigo Weltmarkt (Göttingen) oder AKAR, die Behindertenwerkstätten Nepal mit Vertrieb in Deutschland.

Die Einbindung einer nicht profitorientierten Einkaufsorganisation wird als sinnvoll erachtet. Gabi Raabe: „Hier werden die Einkäufe zentral gesteuert, und jeder Weltladen sucht sich aus dem Sortiment heraus, was für ihn passend ist.“ In Hameln umfasst das nicht nur Lebensmittel, sondern auch Kunsthandwerk aus Dritte-Welt-Ländern, wie Handtaschen aus Indien, Sorgenpüppchen aus Guatemala und vieles mehr. „Zu jedem Produkt gibt es eine Geschichte“, erzählt Gabi Raabe. Und die ist meistens genauso spannend wie das Produkt selbst: „Denn wir wollen nicht nur verkaufen, sondern auch informieren.“ Über das Mango-Projekt auf den Philippinen, zum Beispiel, wo der Erlös aus einem einzigen Baum dafür reicht, ein Kind zur Schule zu schicken. Oder das Straßenkinder-Projekt in Kolumbien, das zum Teil aus dem Verkauf von witzigen Wand- und Standuhren aus Altmetall finanziert wird. „Da zahle ich gern für ein Produkt etwas mehr“, bringt es Ingrid Stenzel auf den Punkt, die an diesem Tag zum fair gehandelten Rattenfänger-Kaffee greift. Die kleine Fingerpuppe aus Guatemala in Form einer Ratte gibt’s dazu.

„Absolut lecker“ findet Lieselotte Eberhard (li.) die fair gehandelte Limetten-Marmelade mit dem Siegel der der Hamburger GEPA, der Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt. Die Hamelnerin ist Stammkundin in dem Weltladen „Q’Antati“, der ehrenamtlich geführt wird und nur Fair-Trade-Produkte im Sortiment hat. Hans-Jürgen Eberhard (unten, re.) schaut sich bei den vielen Tee-Sorten um. Es gibt aber auch eine reiche Auswahl an Kunsthandwerk.

Fotos: Dana



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