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Denn das Sterben gehört zum Leben dazu

veröffentlicht am 26.06.2010 um 00:14 Uhr
aktualisiert am 05.12.2017 um 14:33 Uhr

Peters Hände halten eine Rose fest. Foto: rom

Peter Hamann ist tot. Mit 45 Jahren stirbt er im Hospiz Mutter Anselma in Bad Pyrmont. 200 Menschen sterben jährlich in dem Haus. Fast eine Woche lang kämpft Peter gegen den Tod. Er hat Hoffnung. Über den Tod will er nicht sprechen. Bis zuletzt.

 

Von Robert Michalla

Peters letzter Wunsch geht nicht in Erfüllung. "Mein Ziel ist es, hier nicht in der Waagerechten rauszugehen", sagt Peter Hamann (Name geändert). In seinem blauen Baumwollschlafanzug liegt er in seinem Bett, die Arme auf der weißen Decke. In die Ärmel seines Schlafanzuges würden vier seiner Arme passen. Seine Beine sind unter der Decke nur zu erahnen. Seine Haut spannt sich über seine Knochen. Peter wiegt 50 Kilo. Früher waren es 80.

Mit der Hand kratzt sich Peter am Hinterkopf, wie er es immer tut, wenn er nachdenkt. Seine blaugrauen Augen suchen die Zimmerwände ab. Peter sucht den Haken am Hospiz, doch es gibt keinen. "Die Schwestern sind wunderbar hier", sagt er. "Sie lesen mir jeden Wunsch von den Lippen ab." Im Krankenhaus ist das anders. "Dort gab es jeden Morgen dieselben drei Scheiben Käse." Doch Käse mochte Peter nie. "Hier im Hospiz bekomme ich sogar nachts um fünf noch ein Eis, wenn ich will." Im Krankenhaus ist das anders. "Dort war ich nur eine Nummer." Die Ärzte schauen nur bei der Visite kurz nach Peter. Im Hospiz aber haben die Schwestern Zeit für ihn und Peter hat Zeit für sich. Er kann aufstehen, wann er will. Er kann ins Bett gehen, wann er will. Er kann essen, wann er will. Im Hospiz steht der Wille des Patienten an erster Stelle. Patient statt Profit. Nach drei Tagen im Hospiz Mutter Anselma hegt Peter einen Wunsch. "Ich wollte mal wieder baden." Sein Wunsch geht in Erfüllung. Drei Schwestern heben ihn in die Wanne, weil der Lift kaputt ist. "Den werd ich mir mal anschauen", sagt Peter. Doch dazu wird es nicht mehr kommen.

Seit seinem 15. Lebensjahr kannte Peter nur seine Arbeit. Er verkaufte Hebemaschinen. Fast 30 Jahre lang arbeitete er in einer Firma, bis ein neues Management kam und ihn vor gut einem Jahr rauswarf. Es war der Anfang vom Ende. Nach dem Rauswurf machte er sich selbstständig. Die Firma ging pleite. Seine Frau verließ ihn. Den Sohn nahm sie mit. Peter war am Boden zerstört. Er lebte fortan allein in einer kleinen Wohnung in der Nähe von Hameln. Er war das erste Mal in seinem Leben einsam. Aber er war es nicht das letzte Mal. Nach der Trennung verlor er seinen Hunger, hinzu kam die Krankheit. Sie zerfraß seinen Körper. Am Ende versagten seine inneren Organe.

Das Hospiz Mutter Anselma liegt in Friedensthal im Pyrmonter Ortsteil Löwensen. Trägerinnen des Hauses sind die Franziskanerinnen aus Thuine im Emsland. Im Weserbergland ist es das erste und einzige Hospiz der Franziskanerinnen. Ein anderes Hospiz steht in Bad Münder. Das Haus Anselma bietet Platz für acht Patienten. Die Schwestern nennen sie Gäste. 15 Menschen im Hospiz begleiten die Gäste auf dem Weg in den Tod. Rund 200 sind das im vergangenen Jahr, 2000 seit der Gründung des Hospizes vor zehn Jahren.

Von den rund 844000 Toten bundesweit im Jahr 2008 starben knapp 19000 in Hospizen. Das sind rund zwei Prozent. In Deutschland gibt es 160 Hospize, wie aus der Studie "Hospizliche Begleitung und Palliative-Care-Versorgung" der Deutschen Hospiz Stiftung hervorgeht. In Niedersachsen stehen 15 stationäre Hospize, in denen 2008 rund 1740 Menschen starben. Hinter dem dreistöckigen Haus blüht ein Rapsfeld. Bis zum grünen Waldrand erstreckt sich das gelbe Meer.

Peters Hand sucht auf dem Nachttisch nach einer Tüte Fruchtbonbons "Nimm zwei", die isst er am liebsten. "Dann hab ich mal einen anderen Geschmack im Mund", sagt er und steckt sich das süßgelbe Bonbon an den Bartstoppeln vorbei in den Mund. Peters Hände sind übersäht mit blauen Flecken. Sie bedecken seinen ganzen Körper. Sie scheinen durch seine Haut hindurch, so dünn wie Pergament. Seine Hände steckt Peter wieder zur Wärmflasche unter die Decke. Sie sind in den letzten Tagen oft kalt. Warm werden sie nie wieder.

Die Ärzte im Krankenhaus geben Peter irgendwann auf. Seine Blutwerte verschlechtern sich von Tag zu Tag. Ein Krankenwagen bringt ihn ins Hospiz. Seine Eltern möchten das so. Bei ihnen kann er als Pflegefall nicht wohnen. Von seiner Einlieferung ins Hospiz weiß Peter nichts. Er will davon nichts wissen. Anfreunden mit dem Hospizgedanken kann er sich nicht. Mit dem Sterben auch nicht. Noch nicht. "Ich hatte anfangs Angst hier", erinnert sich Peter und kneift die Augen zusammen. An seinem ersten Tag im Hospiz findet er einen Flyer, darauf steht: "In Würde Abschied nehmen". Peter erschrickt. Abschied nehmen will er nicht. Er greift zum Telefon, ruft seinen Vater an und sagt: "Ich will hier raus."

Gelb lacht der Raps. Eine Schwester bringt Peter eine Brühe ans Bett. Auf der Tasse liegt ein Teller, er soll die Brühe warmhalten. Peter bittet die Schwester noch um eine Cola. "Den Multivitaminsaft kann ich nicht mehr sehen", sagt er. "Das ist dann aber die letzte Cola für heute", sagt die Schwester. "Ich hatte doch erst eine", antwortet Peter. "Und was ist mit der von heute Mittag? Die haben Sie wohl schon vergessen, was?" Beide lächeln sich an.

Peter hat in den letzten Tagen Gedächtnislücken. Er verliert oft den Faden. Mit der Hand fährt er sich dann durch sein kurzes, schwarzes Haar, so dünn wie Katzenhaar. Die Augen über seinen eingefallenen Wangen schauen dann in die Ferne. Über seinen Augenbrauen wirft seine Pergamenthaut dann Fältchen. Peters Augen bleiben an einem Foto hängen. Es steht in einem goldenen Rahmen auf einem Tisch. Auf dem Bild kniet Peters Sohn und lacht, daneben sitzt Hund Henry. Peter ist einsam. Sein Vater und seine Mutter besuchen ihn oft, auch seine Geschwister kümmern sich um ihn. Mehr Menschen aber will er nicht sehen. Die Schwestern fragt er manchmal nach anderen Patienten, doch Kontakt zu ihnen hat er nicht. "Also, ich bin hier ja der Jüngste. Die Anderen sind alle 80 oder 90. Die kommen ja nur aus einem Grund hierher." Zum Sterben. Doch aussprechen will er das nicht. Noch nicht. Die Brühe ist kalt. Die Schwester bringt ihm später eine neue.

Wolken bedecken den Himmel. Nur das Gelb hinter dem Haus leuchtet. Peter weiß, dass er bald sterben wird. Doch er will es nicht wahrhaben. Zwei Monate gibt er sich im Hospiz, dann will er raus. "Meine Schwester sucht gerade eine neue Wohnung für mich", sagt er. Die Schwestern und auch sein Arzt nehmen ihm die Hoffnung nicht. Denn sie ist das Letzte, was Peter hat. "Das ist eine normale Reaktion des Gehirns", sagt Dr. Hans-Hermann Zimny, Allgemeinmediziner in Bad Pyrmont und Palliativmediziner. Seine Aufgabe ist es, den Patienten im Hospiz die Schmerzen zu nehmen und die Symptome ihrer Krankheit zu lindern. Nahezu täglich ist Dr. Zimny im Hospiz. Nahezu täglich schaut er dem Tod ins Gesicht. Rund 1500 Menschen begleitete er in zehn Jahren beim Sterben. An die Wand gelehnt steht er auf dem Flur vor Peters Zimmer. "Sein Tod ist Schicksal", sagt der Arzt. "Das will ich nicht bewerten, und ich kann es nicht. Ich bin nicht sein Richter."

Hinter dem Haus streicht der Wind mit seiner unsichtbaren Hand über den Raps. Das gelbe Meer schlägt Wellen. Peter sitzt in seinem Rollstuhl auf dem Balkon. Die Tür ist angelehnt. Im Zimmer läuft der Fernseher. Peter zieht an seiner Zigarette. Der Wind zerzaust sein Haar. In den letzten Tagen geht es Peter schlechter. Plötzlich muss er husten. Es ist ein Anfall. Peters Leber versagt. Flüssigkeit sammelt sich in seinem Körper, auch in der Lunge. Doch Peter ist zu schwach zum Abhusten. Es ist ein lautes, langes Atmen. Peter bläst die Backen auf und presst die Luft gurgelnd durch die dünnen Lippen. Er nimmt einen Zug von der Zigarette. Seine Hände zittern. Sein Kopf wippt auf dem dünnen Hals. Seine Muskeln werden schwächer. Er verliert seine Kraft.

"Man kann das ja von zwei Seiten sehen", sagt er geduldig. "Nee also, Millionen Menschen erreichen das zehnte Lebensjahr nicht. Sie sterben bei Verkehrsunfällen oder so." Es ist das erste Mal, dass Peter über den Tod spricht. "Nee, also ich muss sagen: Ich bin ja jetzt 45 und..." Ein Sonnenstrahl fällt plötzlich auf sein Gesicht, seine Mundwinkel heben sich. Peter schaut sich um und sieht sein Spiegelbild im Fensterglas. Ihm stockt der Atem. Dann wendet er sich langsam ab, kneift seine Augen zusammen und schaut über den Balkon in die Ferne. "Es gehört ja dazu", sagt er nach einer Weile. "Das Sterben gehört zum Leben ja dazu." Hinter dem Haus ruht das Meer.

Peter schlägt sich den Bademantel zu. Er möchte zurück in sein Bett. Zum Laufen ist er zu schwach. Sein Rollstuhl muss geschoben werden. Es kostet ihn viel Kraft, wieder ins Bett zu kommen. Er schnappt nach Luft. Nach einer Weile sagt er: "Nee also. Jetzt geht es wieder." Die Hilflosigkeit macht ihm zu schaffen. "Ich fühle mich wie ein Käfer auf dem Rücken." 15 Jahre lang war er bei der Freiwilligen Feuerwehr. Eine gute Ausdauer hatte er zwar nie. "Einen Marathon hätte ich nicht laufen können", gesteht er. Doch er war fit, "wie man es für die Dienste bei der Feuerwehr eben sein muss". Mit der Hand wischt er sich über die schweißige Stirn. Peter denkt an seine Endlichkeit, seinen bevorstehenden Tod, sein Sterben. "Wo kann es besser sein als hier?", fragt er sich. Seine Mundwinkel heben sich leicht. In der folgenden Nacht schläft er wegen zu viel Cola schlecht.

Am Morgen strahlt die Sonne. Nur der Raps leuchtet nicht. Peters Zimmer ist dunkel, die Jalousien sind heruntergezogen. Es wird ein schöner Tag, doch Peter wird ihn nicht mehr erleben. Er liegt in seinem frisch bezogenen Bett, die Hände liegen gefaltet auf seinem Bauch. Sie halten eine Rose. So kalt waren seine Hände nie zuvor. Eine Kerze brennt auf dem Tisch, wo sonst die Fruchtbonbons liegen. Ein Kreuz steht dort, wo sonst die Colaflaschen stehen. Auf dem Tisch direkt am schneeweißen Bett steht das Foto von Peters Sohn. Dr. Zimny betritt das Zimmer. Die Totenflecken sind kaum von den blauen Flecken auf Peters Körper zu unterscheiden. Dr. Zimny greift nach dem rechten Arm von Peter und zieht ihn nach oben. Peters Hände umklammern die Rose. Am Tisch unterschreibt Dr. Zimny den Totenschein. "Name: Peter Hamann. Geboren: November 1964. Todeszeitpunkt: 8.15 Uhr." Der Umgang mit dem Tod ist für Dr. Zimny alltäglich.

Neben dem Totenschein liegt Peters Ausweis. Dr. Zimny schaut das Passbild an. "Kaum zu glauben, so hat er mal ausgesehen, so jung." Der Tod ist für Dr. Zimny nichts Alltägliches. "Früher", sagt der Mediziner, "da war Sexualität das große Tabu, die Beschäftigung mit dem Tod gehörte zum Alltäglichen. Heute ist es umgekehrt." Dabei sei die Begleitung Sterbender nicht schwierig, wenn man sich nur mit der eigenen Endlichkeit auseinandersetze - und diese akzeptiere. Die Begleitung Sterbender werde auch belohnt, "nicht finanziell, sondern durch die Dankbarkeit der Patienten und Angehörigen".

Auf dem leeren Flur unterhält sich eine Frau leise mit einer Schwester. Es ist Peters Mutter. Sie weint. Die Schwester greift nach ihrem Arm. "Ich wünsche ihnen alles Beste", sagt die Schwester. Peters Mutter schluchzt. Die Familie nimmt Abschied von Peter. In Würde. Hinter dem Haus beginnt der Raps zu welken.

 



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