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Neues städtisches Betreuungsangebot ebnet den Weg zu einer demenzfreundlichen Kommune

Demenz-Café: Zeitreise gegen das Vergessen

Hameln (ww). Wissen Sie noch, was ein Henkelmann ist? Dieser ovale oder achteckige Behälter aus Blech, in dem Arbeiter bis in die 60er Jahre hinein ihr zu Hause zubereitetes Essen zum Arbeitsplatz transportierten, wo sie es im heißen Wasserbad aufwärmen konnten? Damals, als es noch keine Tupper-Partys gab? Einige werden das mit dem begriffsbildenden Henkel verschlossene Geschirr noch selbst untertage getragen haben, andere kennen es vielleicht noch von ihren Vätern. In jedem Fall werden die Älteren unter Ihnen diesen einfachen Alltagsgegenstand mit einer ganz bestimmten Zeit ihres Lebens verbinden – und jede Menge Erinnerungen.

veröffentlicht am 09.10.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 10:21 Uhr

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In Kooperation mit den Sozialen Diensten Hameln (SDH) und dem Seniorenservicebüro Hameln-Pyrmont hat der Treffpunkt für die zweite Lebenshälfte „A.R.A.“ das „Café Zeitraum“ ins Lebens gerufen, einen offenen Treffpunkt für altersvergessliche und demenzerkrankte Männer und Frauen und deren Familienmitglieder. An jeweils einem Vor- und Nachmittag im Monat gibt es hier die Möglichkeit, Zeit mit anderen Betroffenen zu verbringen, sich mit anderen pflegenden Angehörigen auszutauschen oder sich einfach eine wohltuende Pause zu gönnen und ein paar Stunden durch die Fußgängerzone zu bummeln, während man seinen Schützling in guten und vor allem kompetenten Händen weiß.

Jeder Termin steht unter einem Oberthema, welches den Prozess des Erinnerns anregen und zum Erzählen einladen soll. Die gestrige Eröffnung des Cafés stand voll und ganz im Zeichen der 50er Jahre: In einem liebevoll hergerichteten und dekorierten Wohnzimmer konnten die rund 40 geladenen Gäste, unter ihnen Stadträtin Gaby Willamowius und Alzheimer Gesellschaft-Vorstand Dr. Willmut Wolf, sich auf eine Zeitreise in die Vergangenheit begeben. Zwischen Retro-Radios und Blümchen-Dekor, Fliegenpilz-Eiern und „Kaltem Hund“ wurde das Konzept des „Café Zeitraum“ bald deutlich: Fast jeder der Anwesenden verband mit der gewohnt ungewohnten Umgebung eine Erinnerung, erkannte das Geschirr seiner Kindheit wieder oder das Kristallglas, mit dem zur Hochzeit angestoßen wurde.

„Es sind die fast verschwundenen Gegenstände und Begriffe, die man schon lange nicht mehr gesehen oder gehört hat, zu denen jeder Demenzkranke eine Geschichte erzählen kann“, berichtet Marion Sterner, Leiterin des „A.R.A.“ – obwohl sich die Betroffenen oft nicht einmal mehr an die Ereignisse des Vortages erinnern können. In einem Umfeld wie dem „Café Zeitraum“, in dem getanzt, gesungen und gelacht werden darf, können Erkrankte und ihre Angehörigen neue Kraft schöpfen, für einen Moment die Last des Alltags vergessen. Dies ist das erklärte Ziel der Kooperationspartner auf dem Weg zu einer demenzfreundlichen Kommune.

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„Viele Leute haben Hemmungen, ihre demenzkranken Angehörigen in Tageseinrichtungen zu geben oder fremde Pfleger zu sich nach Hause zu holen, die eigenen Bedürfnisse und Freiräume kommen dann oft zu kurz“, erklärt Christina Wahmes von der Tagespflege der SDH. Im „Café Zeitraum“ könne man für ein paar Stunden im Monat testen, wie es sich anfühlt, die Betreuung seiner Angehörigen aus der Hand zu geben, die freie Zeit für sich zu nutzen oder gemeinsam mit anderen Betroffenen zu verbringen. „Dies kann ein erster Schritt sein, Hilfe anzunehmen“, sagt Wahmes.

Das „Café Zeitraum“ ist jeweils am 2. Montag eines Monats von 9.30 bis 11.30 Uhr im „A.R.A.“, Alte Marktstraße 2, geöffnet; an jedem 3. Samstag im Monat wechselt das Angebot von 14.30 bis 16.30 Uhr in die Räume der Tagespflege der SDH in der Sandstraße 4. Beim nächsten Zusammentreffen am 20. Oktober heißt das Thema „Goldener Oktober“, es folgen „Herbstgeschichten“, „Kaffee, Tee und Sammeltassen“, „Advent“ und „Weihnachtszeit“. Nach einem kostenfreien Schnuppertag kostet die Betreuung für Demenzkranke acht Euro pro Stunde, Angehörige sind eingeladen. Von dem Beitrag wird eine kleine Aufwandsentschädigung für das ehrenamtliche Betreuungspersonal finanziert. Das Geld kann anschließend als zusätzliche Betreuungsleistung bei der Pflegekasse abgerechnet werden. Zur besseren Planung wird um vorherige Anmeldung unter der Nummer 05151/923435 gebeten.

Zwischen Retro-Radios, Fliegenpilz-Eiern und Blümchen-Dekor erzählen Demenzkranke Geschichten aus ihrer Erinnerung – obwohl sie sich oft nicht einmal an den Vortag erinnern können. Fotos: ww

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