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Wahrheit oder Legende? Was der Historiker Dr. Daniel Sich zum Fall Johanna herausgefunden hat

Dem Geheimnis der Päpstin auf der Spur

Hameln/Mainz. In der offiziellen Kirchengeschichte wird sie bis heute mit keinem Wort erwähnt. Immerhin aber gibt es in über 500 Chroniken Hinweise auf sie: Päpstin Johanna, die Frau in Männerkleidung, die Papst Leo IV. 855 auf den Heiligen Stuhl gefolgt sein soll. Hat sie wirklich gelebt? Ist dem Vatikan vor über 1000 Jahren tatsächlich eine Frau durchgeschlüpft? Oder ist alles nur eine fesselnde Legende, der Stoff, aus dem man Bestseller macht? Und Filme. Oder das Musical „Die Päpstin“, das in Hameln vom 18. August bis 16. September zum Höhepunkt des Münsterjubiläumsjahres wird. Der Historiker Dr. Daniel Sich hat sich intensiv mit dem Fall Johanna beschäftigt, ist so tief eingetaucht in die Geschichte, dass ein Drehbuch daraus wurde. Es bildet die Basis für die ZDF-Dokumentation „Das Geheimnis der Päpstin“, die Ostermontag um 19.30 Uhr ausgestrahlt wird. Gemeinsam mit Christel Fomm hat Daniel Sich auch Regie geführt.

veröffentlicht am 19.03.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 18:41 Uhr

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Autor:

Karin Rohr
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Herr Dr. Sich, was hat Sie an dem Fall Johanna so sehr fasziniert?

Ich selber wusste nicht, stimmt diese Geschichte oder stimmt sie nicht. Natürlich kannte ich den Roman und den Film, aber ich wollte gern herausfinden, ob es auch eine reale Person Johanna gab, die wissenschaftlich belegbar ist, oder nur die Legende.

Das klingt nach aufwendiger Recherche. Wie sind Sie denn vorgegangen?

Angefangen habe ich im Februar 2011: Als Historiker bin ich natürlich erst mal in eine Bibliothek gegangen und habe dort nach Veröffentlichungen gesucht. Was wurde geschrieben? Welche Zugänge zu dem Thema gab es? Welche Sekundärliteratur zu dem Roman ist vorhanden? Natürlich konnte ich das nicht alles lesen. Ich musste filtern, was wissenschaftlich sauber gearbeitet und was fabulierend ist, und dann schauen, was ich auf Quellen zurückführen kann. Aber der Stoff hat Hand und Fuß. Und je mehr ich gebuddelt habe, umso mehr kam heraus. Alles rief förmlich danach: Erzähl mich!

Wo stießen Sie denn auf entscheidende Hinweise?

Das waren zwei Männer: Zum einen der Dominikaner-Mönch Martin von Troppau, zum anderen – und fast noch wichtiger – Bartolomeo Platina. In Troppaus Papst- und Kaiserchronik findet man 20 bis 30 Zeilen über die Päpstin Johanna. Aber woher hatte er seine Informationen? Nach Johannas Pontifikat haben 400 Jahre lang die Quellen geschwiegen. Da klafft eine Riesenlücke. Und dann ist bei diesem Mönch plötzlich die Rede von Päpstin Johanna. Woher wusste Troppau von ihr?

Und Bartolomeo Platina?

Platina hat sogar mit päpstlichem Siegel von Sixtus IV. Päpstin Johanna als Nr. 106 in seiner Papstreihe aufgeführt. Dieses Dokument bestätigt: Es gab eine Zeit, wo es die Johanna gegeben haben kann. Es gibt viele, viele Hinweise, dass sie in der Kirchengeschichte eine ganz große Rolle spielte, obwohl dies offiziell kein Thema ist.

Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen? Gab es die Päpstin Johanna?

Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass es Johanna historisch als Faktum nicht gegeben hat, aber als Vorstellung, als Projektionsfläche für Wünsche an die Kirche. Und den Gegnern der Papstkirche diente Johanna natürlich als Vehikel für Kritik an Rom. Und so hat sie auch 1000 Jahre Kirchengeschichte überdauert. Es gibt immer noch eine diffuse Angst der Kirche, sich souverän mit dem Thema Päpstin auseinanderzusetzen. Ihre Geschichte steht für viele Themen, die von der katholischen Kirche nach wie vor nicht diskutiert werden, wo sie die Schotten dichtmacht.

Bei Luther finden sich Hinweise auf die Statue einer Päpstin in Rom. Wie glaubwürdig ist das?

Ja, es gab eine Statue, die in Rom gestanden haben soll, an einem ganz konkreten Platz. Dort soll die Päpstin ihre Sturzgeburt gehabt haben, die sie enttarnt und zu ihrem Tod geführt hat. Tatsächlich haben die Päpste ihren Zug durch Rom danach geändert und eine andere Route genommen. Wir gehen davon aus, dass es diese Statue gegeben hat. Martin Luther hat sich das nicht ausgedacht. Aber es gibt für diese Statue, die eine Frau mit Kind gezeigt haben soll, auch alternative Erklärungen. Zum Beispiel, dass es sich um die Darstellung der Göttin Juno aus noch vorchristlicher Zeit handelte und dass diese Statue später zur Päpstin umgedeutet wurde.

Warum ist der Fall Johanna auch heute noch ein Thema?

Weil Johanna immer noch ein Tabu-Thema ist. Und ihre Geschichte viele Rätsel birgt. Fast jeder hat schon mal das Wort Päpstin gehört, aber was dahinter steckt, weiß kaum jemand. Wenn man fragt, was heute noch wichtig ist, dann drängt sich die Frage nach der Rolle der Frau in der Kirche auf. Bis heute hätte eine Päpstin noch enorme Signalwirkung. Der Vatikan denkt in Jahrhunderten. Ich werde wohl nicht mehr erleben, dass es eine Päpstin gibt – aber in 200 Jahren?

Stimmt die Geschichte von der Päpstin oder stimmt sie nicht? Der Fall Johanna hat Dr. Daniel Sich ein Jahr lang beschäftigt. Herausgekommen ist eine ZDF-Dokumentation, die Ostermontag ausgestrahlt wird. Sich hat in Münster, Amsterdam und Berlin Germanistik und Geschichte studiert und ist u.a. auch Drehbuchautor der ZDF-Dokumentationen über Barbarossa, Luther und Friedrich, den Großen.

Foto: pr



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