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Mit der Modernisierung des Museums öffnen sich Zeitfenster in die Vergangenheit

Dem Chaos liegt eine Ordnung zugrunde

Hameln. „Chaos“ denkt der unbedarfte Betrachter und fragt sich, wie aus dem Durcheinander von Brettern und halben Wänden, Bruchsteinmauern und Balken, Löchern im Boden und Durchbrüchen in der Decke jemals wieder eine Ordnung werden kann. Nichts ist mehr da von dem einst so heimeligen und ein bisschen verstaubten Museum – nur noch Baustelle, auf der man sich ohne Kompass nicht zurechtfindet. Hans Jäger und Burghardt Sonnenburg tragen diesen Kompass sozusagen in sich. Architekt der eine, Mitarbeiter des Museums der andere, können sie jede Stelle deuten, an der hinter abgeschlagenem Putz oder unter aufgebrochenem Boden ein Stück Vergangenheit sichtbar wird.

veröffentlicht am 10.11.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 09.11.2016 um 16:41 Uhr

Baustelle Leisthaus: In einem Teil des Eingangsbereichs sind die

Autor:

Brigitte Niemeyer
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„Hier“, erklärt Sonnenburg und zeigt auf ein rechteckiges, mit Metallrahmen eingefasstes Loch unter der Treppe im Erdgeschoss des Leisthauses, „hier öffnen wir ein Zeitfenster und zeigen den alten Bodenbelag“. Eine dicke Glasplatte wird später von dem Rahmen gehalten und das „Loch“ darunter beleuchtet, damit das kleinteilige Kopfsteinpflaster aus der Zeit der Renaissance zu erkennen ist. Es ist bei der archäologischen Untersuchung des Gebäudes ans Licht gekommen und soll den künftigen Museumsbesuchern nicht vorenthalten werden. Genauso wenig wie das alte Fenster im ältesten Teil des Museums: dem Wohnturm aus der Gotik, dem das Leisthaus erst später vorgebaut wurde. Von außen ist dieser Wohnturm ebenfalls zu erkennen. Er setzt sich mit seinem dunkleren Anstrich auf der Fassade farblich vom Rest des Gebäudes ab.

Das Haus „entkernen“ und sein gesamtes Inneres mit glatten Leichtbauwänden neu gestalten – so einfach konnte und wollte Architekt Hans Jäger sich seine Arbeit nicht machen. Das Haus steht unter Denkmalschutz, hat im Laufe der Jahrhunderte einige Veränderungen erfahren und soll im Zuge des jetzigen Umbaus „möglichst viel von seinem Urzustand“ wieder preisgeben. Zeitfenster, wie das Renaissance-Kopfsteinpflaster, werden sich darum auch an den Wänden öffnen. Etwa im ersten Obergeschoss, wo der Putz an einigen Stellen vorsichtig abgetragen und die dahinter verborgene Wandbemalung aus der Renaissance wieder freigelegt wurde. Das dunkle Grau mit den zinnoberroten Sprenkeln – „so als hätte der Maler seinen Pinsel ausgeschüttelt“ – wiederholt sich auf dem Holz der Türrahmen und „sagt viel über das ästhetische Empfinden der Menschen damals aus“, so Sonnenburg. Indem spannende Befunde der archäologischen Untersuchung sichtbar bleiben, die in den Putz geschlagenen Löcher nicht wieder zugestrichen, bemalte Balken nicht wieder hinter glatten Verkleidungen verborgen werden, „erfahren die Besucher des Museums das Gebäude als begehbare Geschichte“, erklärt Sonnenburg das Prinzip, dem die Sanierung des Museums folgt. Dazu gehört auch, dass alles, was nach dem Umbau neu ist, sich auch als solches zu erkennen gibt. Auf Rekonstruktionen nach altem Vorbild, die dem Laien nur vorgaukeln, er habe es mit historischen Schätzen zu tun, „verzichten wir bewusst“, so Sonnenburg.

Je länger der Rundgang über die Baustelle dauert, desto mehr verflüchtigt sich der erste Eindruck des heillosen Durcheinanders und um so erkennbarer wird dank der Erläuterungen von Sonnenburg und Jäger die dem vermeintlichen Chaos zugrunde liegende Ordnung. Im künftigen Eingangsbereich hat sie sich schon ein kleines Revier erobert: eine freie Fläche, mit hellroten Ziegeln belegt, die inmitten des staubigen Ambiente fast unwirklich anmutet. „Das sind original Handstrichziegel“, erklärt Jäger das Besondere dieses Bodenbelages. Ihren Namen verdanken sie der Herstellung, bei der der Ton in einen Holzrahmen gedrückt und überstehende Ränder mit einem Holz abgestrichen werden. Zwei Wochen müssen die Ziegel trocknen, bevor sie in den kalten Brennofen kommen, in dem sie zehn Tage gebrannt werden. Die raue Oberfläche „nimmt im Laufe der Zeit Patina an, dunkelt nach und wird immer schöner“, sagt Jäger. Als Belag für den Eingangsbereich ausgewählt wurden diese Ziegel, weil sich ganz ähnliche bei der archäologischen Grabung im Leisthaus gefunden haben – unter den Sollinger Sandsteinplatten, die zuletzt dort lagen, und über dem Kopfsteinpflaster, das in die Anfänge des Leisthauses zurückreicht.

Während die Handwerker im Leisthaus noch an allen Ecken und Enden werkeln, haben sie ihre Arbeit im benachbarten Stiftsherrenhaus schon weitgehend getan. Hier erhält das Museum endlich den klimatisierten Raum, der zum Schutz vieler Exponate unerlässlich ist und ohne den hochwertige Leihgaben nicht nach Hameln geholt werden könnten. 25 Grad und 55 Prozent relative Luftfeuchtigkeit, möglichst konstant und vor allem ohne plötzliche Abweichungen nach unten oder oben, sind die Standardwerte, die mithilfe rundum laufender Klimakanäle in dem Raum über dem Museumscafé garantiert werden. Der gläserne Verbindungsgang zwischen Leist- und Stiftsherrenhaus soll laut Jäger zur Eröffnung des Weihnachtsmarktes fertig sein. Das für die zentimeterdicken Glasplatten steht bereits; die Platten selbst müssen für jede Etage passgenau angefertigt werden. Denn keine Wand, an die sie anschließen, ist gerade: Beim Leisthaus wölbt sich die Fassade im Erdgeschoss nach außen, beim Stiftsherrenhaus neigen sich die oberen Stockwerke in Richtung Michaelishof. Architekt Hans Jäger rechnet damit, die Umbauarbeiten bis zum Jahresende weitgehend abschließen zu können. Danach geht es darum, die renovierten Räume wieder als Museum herzurichten – mit Vitrinen und Regalen für die Präsentation der Ausstellungsstücke nach einem neuen Konzept. Wie lange es noch dauert, bis sich die Tür in die Hamelner Vergangenheit für Besucher wieder öffnet? „Ende des Jahres können wir mehr dazu sagen“, verspricht Sonnenburg.



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