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Berührend und erschütternd –Jugendliche machen mit Lesung auf Schicksal jüdischer Kinder aufmerksam

Das Unfassbare wird greifbar

HAMELN. Es sind Bilddokumente und Texte, die erschüttern, den Zuhörern die Tränen in die Augen treiben. Auch die 16-jährige Emma Zielonka ist ebenso berührt wie die ein Jahr ältere Schülerin Joana Nolte. Beide sind Mitglieder der von Silvia Büthe geleiteten evangelischen Jugend und lesen an diesem Abend zusammen mit anderen Jugendlichen im Münster Berichte, Dokumente und Lebensgeschichten von sieben jüdischen Kindern.

veröffentlicht am 13.11.2021 um 15:00 Uhr

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Reporter

Zusammengetragen hat die Dokumente und deren Geschichte der Hamelner Historiker Bernhard Gelderblom. „Wir hatten noch gar nicht angefangen, zu leben“ ist sein durch die Lesung begleiteter Vortrag überschrieben.

Den tiefen Eindruck verstärken die Kompositionen des 46-jährigen, aus Australien stammenden Pianisten Ashley Hriar. „Ich habe versucht, Improvisationen zu schreiben, die den visuellen Eindruck der Bilder vertiefen“, erklärt er. Dankenswerterweise wurde sein Honorar vom Landesverband der jüdischen Gemeinden von Niedersachsen getragen.

Unter der Regie von Dierk Rabien lassen die Jugendlichen in drei großen Kapiteln ein beschämendes und tragisches Kapitel der Hamelner Geschichte lebendig werden. „Wem die Flucht gelang“, „Wer verantwortlich war“, „Wer deportiert wurde“, so lauten die Überschriften.

2 Bilder

„Für die Mehrzahl der Hamelner Juden lag es 1933 nicht nahe, auszuwandern“, so Gelderblom. Die ersten, die gingen, waren junge Leute, deren Bindung an Deutschland geringer war als die der älteren. Sie sahen und erlebten frühzeitig die Anzeichen des Antisemitismus. Gelderbloms Hintergrundinformationen werden durch Bilder ergänzt. Hoffnungsfrohe Schulkinder auf Klassenfotos, Gebäude, die in Hameln jeder kennt, die Zeichen der wachsenden Ausgrenzung, „Juden sind hier unerwünscht!“, am Ende Deportation und der Weg in den Tod. Einzelschicksale geraten in den Blick, wie die nach dem Terror der Reichspogromnacht.

Auch Emma ist betroffen: „Im Vergleich zu heute ist das unvorstellbar.“ Emma liest Dokumente zum Leben von Hannelore Zeckendorf aus Hemmendorf. Das Bild der Fünfjährigen mit dem schwarzen Wuschelkopf von 1931 ist das einzige, das es von ihr gibt. 1941 noch einmal eine Spur von ihr, danach verliert sich ihr Weg im Warschauer Ghetto.

Auch die Täter werden gezeigt. Sie hatten viele Helfer: Nachbarn, die von den Versteigerungen des jüdischen Hausrats profitierten, die, die auf die jüdischen Wohnungen spekulierten, wenn ihre Mitbürger erst in die beiden „Judenhäuser“ Marktstraße 13 und Pferdemarkt 8 gezwungen und später deportiert wurden. Gelderblom: „Das Verschwinden der Juden signalisierte deutlich, was vor sich ging. Man konnte es nicht ignorieren.“ Eine Schuld, die heute noch tief sitzt. Immer noch wird etwa eine Plakette zur Erinnerung an den „Judenhäusern“ verweigert.

Arisierung, Entrechtung und Deportation wurden durch die Stadtverwaltung aktiv unterstützt.

Das Unfassbare wird greifbar, bekommt ein Gesicht. Durch Namen, Orte, Schicksale. Silvia Büthe treibt das Schicksal der Ingrid Friedheim Tränen in die Augen. „Ich, Ingrid Friedheim, war sieben Jahre alt, als man mich nach Auschwitz brachte.“

Ruth Binheim gelang die Flucht, als sie 13 war, Grete Birnbaum war 15, Susanne Herzberg 11 Jahre alt; Helene Dina Hammerschlag wurde mit fünf Jahren deportiert, Hanna Kornberg war bei ihrer Deportation 12, Hannelore Zeckendorf 17.

Am Ende der Lesung Stille, Betroffenheit und Tränen. „Wir hatten noch nicht einmal angefangen zu leben.“


Online: Die Lesung ist auf dem YouTube-Kanal der Evangelischen Jugend nachzuschauen.



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