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Gut definiert – und voll an der Zielgruppe vorbei

Das passt, fast

Die Szene ist immer dieselbe: Eine Frau, supersportlich, perfekt gestylt, ähnlich Florence Griffith-Joyner (die mit den langen Fingernägeln auf der Tartanbahn), aber mehr „business“, sprintet mit wehendem Haar elegant an mir vorbei zu der Gruppe, die am „City“ in Hameln auf den Bus wartet, reißt zwei jungen Frauen die Hosen an den Beinen herunter (nicht gewaltsam, nur zielstrebig), zieht dem jungen Mann daneben die Schuhe von den Füßen und ruft energisch: „Du nicht! Du nicht! Du auch nicht!“

veröffentlicht am 14.12.2019 um 08:00 Uhr
aktualisiert am 23.01.2020 um 13:16 Uhr

Birte Hansen

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Reporterin zur Autorenseite

Jeden Tag spielt sich diese Szene ab, in meinem Kopf. Jetzt können Sie sagen, die hat sie doch nicht alle! Ja, auch, aber vor allen Dingen wurde mir zuerst im BWL-Studium und danach in diversen Stationen immer wieder eingebläut, wie wichtig es ist, seine Zielgruppe möglichst exakt zu definieren, bevor ein Unternehmen auf den umkämpften Markt prescht, um seine Produkte an den Mann zu bringen.

An dieser Stelle kommt die Eingangsszene zum Tragen: Zum einen muss ich an die Gebrüder Dassler denken, die einst ein klares Ziel vor Augen hatten: beste Sportschuhe für Athleten (!) zu produzieren. Zum anderen sehe ich gut gekleidete, ebenso bezahlte, intelligente Marketing-Experten in Kreativrunden vor Whiteboards oder zurückgezogen, um in Ruhe beste Ideen zu produzieren.

„So Leute“, (Chef klatscht erwartungsfroh in die Hände), „wer ist unsere Zielgruppe?“ – Mitarbeiter-Team, freudig zuversichtlich, ruft ihm entgegen: „Sportliche, junge, gut trainierte und geformte, so was von fitte, sauschlanke, hübsch anzusehende, Bewegung liebende und Aktivität vergötternde Menschen mit ausreichend Geld für unsere Klamotten.“

Und dann: Hameln, City-Bahnhof. Um Anfeindungen vorzubeugen: Menschen sollen anziehen, was sie wollen. Die Jogginghose hat ihren Namen eh längst nicht mehr verdient, auch der Turn-/Sport-Schuh nicht. Meinetwegen. Aber: Wie viel Zeit in Marketing-Abteilungen vergeudet wird! Ich kann’s mir nicht ausmalen. Und wie frustrierend!

Nehmen wir den Marlboro-Mann. War der sexy, oder was? Und – wie oft sehe ich den mit Cowboyhut und Lasso über der Schulter an all den Lagerfeuern sitzen, die in der Stadt entzündet werden? Stattdessen Falten, fahle Haut, gelbe Finger. Ja, o. k., Werbung lebt vom Blenden. Dann die Kaugummi-Industrie. Cool, lässig, gut riechend, da bin ich sicher, sollen sie sein, die, die ein erfrischendes, entspannendes Kaugummi kauen. Nicht wie stumpfsinnig mit halb offenem Maul kauende Kühe. Das war ganz sicher nicht der Plan.

Oder den hier: „Mit E-Rollern kriegen wir die SUV-Fahrer dazu, ihr Auto mal stehenzulassen …“ – „Uahaahaa“, lacht der Fußgänger, der jetzt viel schneller in der Stadt unterwegs ist.

Noch einer: Feine italienische Schuhe für die elegante Dame von Welt – „ach was, das,  … na los …, passt!“ Für das Überquellen von Platt-Spreiz-Senkfüßen über den Lederrand gab’s bei uns im Norden früher das selbstironische geflügelte Wort auf plattdeutsch: „Pommernsche Feut und italienische Schooh.“

Und dieses eine Beispiel noch. Gott so: „Hier  – lange, spitze Krallen für die Tiere, die sie brauchen, um Beute zu machen“  – Frauen im Nagelstudio so: „Pah“!

Was ich sagen will? Ich sag’s Ihnen: Die Leute machen allzu oft, was sie wollen, egal, wie exakt die Zielgruppe vorher definiert wurde und ob sie dazugehören, oder eben nicht. Im Ergebnis nicht schlimm, aber auch nicht immer schön, siehe Anfangsbeispiel: Burger in der einen Hand, Kippe in der anderen, BMI von weit-jenseits-von-gesund, aber Lauftights von Nike oder Adidas an den gar nicht sooo durchtrainierten Beinen. 

So, und meine Zielgruppe für diesen Artikel? Habe ich mir natürlich vorher genau überlegt: Sie. Und Du. Prima, passt doch genau. Glück gehabt.



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