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Schlager gegen das Vergessen im Seniorenheim Riepenblick / Remmi-Demmi-Orchester gegründet

Das Herz wird nicht dement

Hameln. Im Seniorenheim Riepenblick bringen aus den 50er Jahren, die die Erinnerungen der dementen Menschen, dem Projekt Klang und leben lauschen, zurück.

veröffentlicht am 11.02.2016 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:06 Uhr

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Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Hameln. „Kann den Liebe Sünde sein?“. Während Oliver Perau singt, beugt er sich hinab zu Frau Dohme und schaut sie mit diesem gewissen Blick an. Die Augen der alten Dame beginnen zu leuchten. Es ist, als sei ein Fenster aufgegangen, das Licht, Klarheit und Freude bringt. Das wohlige Gefühl verbreitet sich weiter bei Liedern wie „Bel Ami“ oder „Ich brech‘ die Herzen der stolzesten Frauen“. Es sind Songs aus den 50er Jahren, die an diesem Nachmittag die Erinnerungen der dementen Menschen zurückbringen, die im Seniorenheim Riepenblick für eine Stunde dem Projekt Klang und leben lauschen. „

Ich heiße Marlene“, sagt eine Seniorin auf die Frage, ob es eine Marie gebe. Dann überlegt sie, wie das Lied mit Marlene ging, und plötzlich ist das Bild von der Frau an der Laterne wieder da: „Lilli Marleen“, ruft sie und strahlt.

Es ist Musik für den Moment, die Oliver Perau, Graziano Zampoli (Gitarre, Mundharmonika), Andreas Meyer (Piano), Karsten Kniep (Schlagzeug und Percussion) und Jens Eckhoff (Gitarre, Cajon) mit kollektiven Erinnerungen einer ganzen Generation spicken. Es sind Lieder und Geschichten von früher, wie die Reise mit dem VW-Käfer und was da alles rein passte, alte Schallplatten, Gedichte von Heinz Erhardt und die Zeiten, als ein Aschenbecher im Wohnzimmer noch normal war.

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  • Tanzen gehört auch zum Besuch.
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  • Es ist offensichtlich: Die alten Schlager wecken Lebensfreude.
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„Kaffeeklatsch“ nennt Demenzcoach Zampolin diese Art der Biografiearbeit. Dazu gehört auch, dass Frontmann Perau – er ist übrigens Gründer der hannoverschen Kultband Terry Hoax – die Demenzkranken animiert, mitzusingen, oder als Chor zu fungieren. Weil die Musik ein Seelenöffner ist, funktioniert die Strategie ganz wunderbar und manch einer lässt es sich nicht nehmen, imaginäre Netze auszubreiten, wenn „Bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt“.

Zampolin kommt aus der Krankenpflege, hatte 20 Jahre lang ein Weiterbildungsinstitut in Hannover, das er verkauft hat, um das Projekt „Klang und Leben“ zu verwirklichen. Als er vor drei Jahren Rainer Schumann, Ex-Drummer von „Fury in the Slaughterhouse“, von seiner Idee erzählte, habe der spontan zugesagt. Schumann hat inzwischen eigene Projekte, doch Klang und Leben läuft überaus erfolgreich weiter. Mehr als 150 Konzerte hat die Band seither gegeben, auf der Warteliste stehen über 100 Heime, die auf einen Besuch der Musiker warten. Prominente Schirmherren gibt es außerdem: Bill Mockridge (Erich Schiller aus der Lindenstraße), Jan-Josef-Liefers, Wolfgang Niedecken, Eckhart von Hirschhausen und Gerd Delling sind begeisterte Fans. Delling hat zudem das Vorwort für Zamponis Buch „Die Demenz kann uns mal“ geschrieben, dessen Erlös in den gemeinnützigen Verein fließt. Denn Geld verdient die Gruppe nicht mit dem Projekt. „Dann wäre der Spirit weg“, sagt Zampolin. Die Gruppe finanziert sich allein durch Sponsorengelder.

„Wir wollen nicht nur den Demenzkranken ein Stück Lebensqualität zurückbringen, sondern auch die Betreuungskräfte inspirieren und Leute in Workshops aufladen für das Thema“, sagt der Musiker. Denn Fakt sei: „Musik ist besser als Pillen“. Die meisten könnten sich am nächsten Tag zwar nicht an die musikalische Zeitreise erinnern, aber das gute Gefühl halte lange vor: „In der Nacht nach dem Konzert schlafen die dementen Patienten in der Regel sehr gut“.

Die Musik soll möglichst Teil des Arbeitsalltags der Betreuer werden, – so wie singen früher für die Menschen dazugehörte. „Es gab ja nichts anderes“, sagt Zampolin. Heute würden junge Leute meist singen, um berühmt zu werden. Doch die Konsumorientiertheit trage wenig Nachhaltigkeit in sich.

Im Seniorenheim Riepenblick hat das Projekt „Klang und Leben“ bereits Früchte getragen. Mitarbeiterin Sabine Schwarz hat das „Remmi-Demmi-Orchester“ gegründet. Zwei Mal im Monat treffen sich fünf bis zehn Senioren, um mit ihr Musik zu machen. Mit selbst gebauten Percussion-Instrumenten und einer Mappe mit Songs aus den 50er, 60er und 70er Jahren. Für Sabine Schwarz, die in den 80er Jahren selbst in einer Band gesungen hat, ist die Musik bereits Element ihrer Arbeit, dass ihr ungemein viel Freude bereitet. Eine Sache fehlt allerdings noch zum Glück: Ein Gitarrist oder Pianist, der Lust hat, die Gruppe zweimal im Monat am Dienstag, jeweils für eine Stunde zu begleiten. „Die Senioren sind jedes Mal total traurig, wenn die Stunde ausfällt, sagt Schwarz. Wer also Lust hat, kann sich hier melden: Seniorendomizil Riepenblick, Zinngießerstraße 19, Tel. 05151/823890, e-mail: info@riepenblick.de

Sänger Oliver Perau in seinem Element: Wenn er Lieder aus den 50ern singt, kommen die Erinnerungen zurück – weil die Musik mitten ins Herz trifft.

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