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Hamelner und Quedlinburger begründen Städtepartnerschaft – und feiern gemeinsam das Zusammenwachsen

„Das Gefühl, etwas geben zu können“

Es war das Gefühl, etwas geben zu können“ – so beschreibt Manfred Klostermann die Aufbruchstimmung, mit der die Hamelner bereits vor dem Mauerfall ihrer Partnerstadt Quedlinburg unter die Arme greifen wollten. Doch so groß die Euphorie auf Hamelner Seite, so kompliziert war es auf der anderen – hatte die DDR doch die Partnerschaften auf 40 Städte begrenzt. Briefe an die Stadt waren Ende der 1980er Jahre unbeantwortet geblieben, erst später wurde klar: Sie erreichten Quedlinburgs Bürgermeister, Rainhard Lukowitz, gar nicht, sondern wurden abgefangen.

veröffentlicht am 01.11.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 03:41 Uhr

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Autor:

Andrea Tiedemann und Marc FISSER
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Doch Klostermann, damals Hamelner VHS-Chef, gab nicht auf: Mit einem 20-D-Mark-Schein bestach er den Pförtner, wurde zu Quedlinburgs Bürgermeister vorgelassen und stieß bei ihm auf offene Ohren. Als die Grenze offen war, kam Lukowitz nach Hameln gefahren. „Bei Nacht und Nebel, mit seinem Trabi“, erinnert sich der 72-jährige Klostermann. „Abends saßen wir dann zusammen im Rattenfängerhaus.“ Gemeinsam mit dem damaligen Oberbürgermeister Dr. Walter-Dieter Kock und Oberstadtdirektor Dr. Eduard von Reden-Lütcken wurden erste Details der Partnerschaft festgelegt. Schon im Herbst 1989 reisten die ersten Ostdeutschen nach Hameln, am 27. Januar 1990 kam dann erstmals eine offizielle Delegation der Stadt Quedlinburg. „Begeisterte Besucher – jetzt will Quedlinburg die Union mit Hameln“, berichtet die Dewezet. Die Gäste staunten über die sanierte Altstadt – und wollten von den Erfahrungen der Rattenfängerstadt zehren. Im März 1990 folgte eine organisierte Reise: Mit einem Sonderzug, 17 Bussen und zahllosen Trabis und Wartburgs kamen Tausende Quedlinburger nach Hameln. Mit Bigbands, Trachtenmodenschau, Schiffsrundfahrt und Kinderbetreuung wollten die Hamelner ihre neuen Freunde aus dem Osten empfangen. Das Problem: Es goss wie aus Kübeln. „Abenteuerlich“ sei das gewesen, erzählt Klostermann. Auch die heimischen Händler hätten sich zwar mit niedrigeren Preisen auf die ostdeutschen Besucher eingestellt – dennoch: Für viele war es zu teuer. Die Stimmung sei nicht so ausgelassen gewesen wie erhofft. Ganz im Gegensatz dazu das Fest in Quedlinburg zwei Monate zuvor: 50 000 Westler, darunter 220 Hamelner, kamen nach Quedlinburg, um zu feiern. Mit Glühwein, Kartoffelpuffer und Clowns.

Am 21. April war es soweit: Die Städteunion wurde offiziell besiegelt. Denn es war nicht Hameln allein, das um die Gunst der ostdeutschen Stadt buhlte – auch Celle, Hannoversch Münden und Herford suchten Kontakt. Am Ende gab es eine einvernehmliche Lösung – die Verwaltungshilfe wurde auf mehrere Schultern verteilt: Celle kümmerte sich vor allem um das städtische Finanzwesen, Herford um den Personalbereich und Hannoversch Münden um die Altstadtsanierung. Hameln schulterte mit dem Bauwesen den größten Brocken, bestätigen Beteiligte.

Quedlinburg will

die Städteunion wiederbeleben

„Die Freundlichkeit und Zuverlässigkeit der Quedlinburger hat mich beeindruckt, auch der Umgang der Jugendlichen mit den Erwachsenen“, beschreibt Wilfried Schwark seine ersten Begegnungen. Er hatte vor dem Mauerfall keine größeren Kontakte in die DDR gehabt – danach als damaliger Leiter des Amtes für Jugend und Sport umso mehr. Schwark fuhr von 1990 bis 1992 einmal pro Woche nach Quedlinburg, um dort beim Aufbau der Stadtverwaltung zu helfen. Oft übernachtete er bei seinem dortigen Kollegen Fritz Zernecke. Der Bürgerrechtler und Biologe war nach der Wende zum Jugend- und Sportleiter ernannt worden.

Das hatte Quedlinburg noch nicht erlebt: Menschenmassen beim ersten deutsch-deutschen Stadtfest im Januar 1990. Archiv

Was ist heute noch übrig von dem Wunsch des Zusammenwachsens? Die gegenseitige Fremdheit ist größtenteils verflogen, die Städtepartnerschaft verblasst von Jahr zu Jahr wie die Erinnerungen. Im Hamelner Rathaus ist das Interesse an dem Kontakt nach Sachsen-Anhalt abgekühlt: „Es war damals das Gebot der Stunde, dort zu helfen“, sagt ein Sprecher, „aber jetzt ist die Zeit eine andere.“ Weitere Hilfe werde von Quedlinburg nicht benötigt. Klostermann ärgert es, dass die Partnerschaft so vernachlässigt wird. „Es gibt eine Verpflichtung der Verwaltung, das zu pflegen“, sagt er, „nicht als Ostalgie, sondern um es jungen Menschen zu vermitteln.“ Und ist wirklich alles so angeglichen wie erhofft? Schwark, der zuletzt im Dezember 2013 in Quedlinburg war, erschreckt dort die hohe Arbeitslosigkeit unter den jungen Menschen. Die Stadt habe zudem zu wenig Geld für die Jugendarbeit. Schwark setzt nun auf den neuen Oberbürgermeister in Hameln, hofft, dass „der Gedanke mitgetragen wird, die Partnerschaft fortzuentwickeln“. Genau dies hat Quedlinburgs scheidender Oberbürgermeister Dr. Eberhard Brecht jüngst vorgeschlagen, als er Claudio Griese in Hameln nach dessen Wahl zum Stadtoberhaupt gratulierte. Er regte an, „im November ein Treffen der fünf Unionsstädte Celle, Herford, Hameln, Hannoversch Münden und Quedlinburg zu organisieren und die Städteunion wiederzubeleben“.

„Nun muss zusammenwachsen, was zusammengehört.“ Die Worte des ehemaligen Bundeskanzlers Willy Brandt am geöffneten Brandenburger Tor in Berlin hallten bis ins Weserbergland. Schon vor dem Mauerfall buhlte Hameln um die ostdeutsche Partnerstadt Quedlinburg, nach dem Fall wurde die deutsch-deutsche Freundschaft mit Stadtfesten gefeiert. Was ist übrig von der Euphorie des Aufbruchs?



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