weather-image
22°
Prozess im Fall Kader K. beginnt im Mai / Neue erschreckende Erkenntnisse

„… dann wird einer von uns sterben“

HAMELN. Am Morgen des 22. Mai wird Untersuchungshäftling Nurettin B. (39) – bewacht von Justizbeamten – in einen Gefangenen-Bus steigen und zum Gerichtsgebäude an der Berliner Allee in Hannover Mitte gebracht werden. Im Zellenkeller muss der Angeklagte noch ein paar Minuten warten, bis er kurz vor 9 Uhr im grellen Neonlicht auf einer schmalen Treppe nach oben in den Schwurgerichtssaal geführt wird. Dann beginnt der Prozess im Fall Kader K.

veröffentlicht am 04.04.2017 um 17:16 Uhr
aktualisiert am 04.04.2017 um 19:20 Uhr

270_0900_39379_hm101_Kader_pr_0504.jpg
Ulrich Behmann

Autor

Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
Weiterlesen mit Ihrem Digital-Abonnement
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

An dem Montag wird sich die fünfköpfige 13. Große Strafkammer des Landgerichts unter Vorsitz von Richter Wolfgang Rosenbusch erstmals mit einem „barbarischen Verbrechen“ (O-Ton Oberbürgermeister Claudio Griese) beschäftigen, das vor etwas mehr als vier Monaten weltweit für Entsetzen gesorgt hat.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann aus Eimbeckhausen versuchten Mord, vollendete gefährliche Körperverletzung und Bedrohung vor. Nurettin B. soll am Abend des 20. November die Mutter seines Kindes vor einem Mehrfamilienhaus an der Königstraße erst mit einem Messer niedergestochen und dann mit der stumpfen Seite einer Axt auf sie eingeschlagen haben. Das Werkzeug habe vor allem den Kopf und den Oberkörper der am Boden liegenden Hamelnerin getroffen, erzählt der Richter und Medienmanager des Landgerichts Hans-Christian Rümke. Danach soll Nurettin B. die lebensgefährlich verletzte Kader K. (28) an sein Auto, in dem auch der damals zweijährige Sohn des Paares saß, gebunden und über mehrere Straßen – teilweise über Kopfsteinpflaster – bis zur Kaiserstraße geschleift haben. Nach 208 Metern löste sich das Seil von der Anhängerkupplung, blieb das Opfer blutüberströmt liegen. Um ihren Hals hatte Kader K. einen Strick mit Galgenknoten. Nurettin B. fuhr direkt zur Polizei, sagte nach Angaben von Oberstaatsanwalt Klinge nur zwei Worte: „Ich war’s.“ Neben dem Kindersitz auf der Rücksitzbank fanden Ermittler die blutverschmierte Axt.

Kader K. musste seinerzeit mehrfach wiederbelebt werden. Sie hatte neben zwei Stichverletzungen und großflächigen Schürfwunden auch eine lebensbedrohliche Hirnblutung erlitten. Die Messerklinge soll den Herzbeutel eröffnet haben. Nach Angaben von Oberstaatsanwalt Thomas Klinge ist auch die Milz getroffen worden. Im Gespräch mit der Dewezet sagt Richter Rümke, das Opfer habe auch einen offenen Schädelbruch und ein Hirntrauma erlitten.

Die Opfer-Anwälte Roman von Alvensleben und Raban Funk werden der Hamelnerin, die lange Zeit im Koma lag und monatelang in Kliniken behandelt wurde, vor Gericht zur Seite stehen. Sollte Kader K. dazu gesundheitlich in der Lage sein, wird sie in ein paar Wochen als Nebenklägerin im Saal sitzen, wenn Nurettin B., den sie im Sommer 2013 nach dem islamischen Glauben geheiratet hatte, in Handschellen zur Anklagebank geführt wird.

Im Dezember hatte sich die junge Frau gegenüber unserer Zeitung geäußert und erklärt, dass das Motiv der Tat ihrer Meinung nach Geld war. Ihr Ex-Mann habe sie angegriffen, weil er den Unterhalt nicht bezahlen wollte. „Ich habe den Prozess gewonnen. Er hat bei meiner Rechtsanwältin angerufen und gedroht: ,Ich bringe dich und Kader um, wenn ich von dir noch einmal einen Brief bekomme.‘“

Der jungen Mutter geht es den Umständen entsprechend gut. Aber sie hat immer noch Schmerzen, leidet an Schlaflosigkeit. So schnell wie möglich möchte Kader K. mit ihrem kleinen Sohn Cudi in eine eigene Wohnung ziehen. „Ein paar Möbel, ein günstiges gebrauchtes Auto – das wünsche ich mir“, sagt sie.

Kader K.s Mutter und Bruder, aber auch Rechtsanwalt von Alvensleben, sind fest davon überzeugt, dass Nurettin B. den Vorsatz hatte, seine Ex-Frau zu töten. Messer, Axt, Seil habe er dabeigehabt, sagt der Opfer-Anwalt. „Der Beschuldigte hat keinesfalls spontan den Entschluss gefasst, meine Mandantin umzubringen. Warum sonst hätte er die Stich- und Schlagwaffen zu dem Treffen mitbringen sollen?“

Nurettin B.s Wahlverteidiger Matthias Waldraff teilt die Einschätzung des Nebenklage-Vertreters nicht. Er und Pflichtverteidiger Bastian Quilitz wollen nachweisen, dass ihr Mandant in einer Ausnahmesituation war, als er das Verbrechen beging. Planvoll und gezielt sei Nurettin B. seinerzeit nicht vorgegangen, meint Waldraff. Die Tat nennt der Star-Anwalt im Gespräch mit der Dewezet „extrem und grauenvoll“. Sie sei aber „nicht eiskalt ausgeführt“ worden. „Der seelische Zustand des Täters ist zum damaligen Zeitpunkt ebenso extrem gewesen wie die Tat selbst.“ Der Bluttat war ein langer erbitterter Streit vorausgegangen. Er wurde nicht nur mit juristischen Mitteln, sondern offenbar auch mit der Faust ausgetragen. Aus Liebe wurde Hass. Nach Angaben von Richter Rümke soll Nurettin B. seiner Ex-Frau bereits im Oktober gedroht haben: „Wenn die Unterhaltpfändung nicht bald aufhört, dann wird einer von uns bald sterben.“

Vor der Tat soll Nurettin B. auf einem Zettel notiert haben, was er bei diesem erbitterten Streit um Unterhaltszahlungen und den Goldschmuck der Braut als ungerecht empfunden hat. Frauen würden in Deutschland wie „heilige Kühe behandelt“. Die Familienrichterin, Kader K.s Anwältin und „die vom Jugendamt“ hätten das alles zu verantworten, schreibt er. Die angedrohte Gehaltspfändung hat wohl bei ihm „das Fass zum Überlaufen“ gebracht. Einige Sätze klingen so, als kündige der Mann das Verbrechen an: „Jetzt werde ich gepfändet von euch. Jetzt wird sie von mir gepfändet. Ich will in Frieden leben. Game over.“

Weiterführende Artikel
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare