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Hamelner Verein für Kultur- und Zeitgeschichte erforscht Gefangenen-Schicksale der NS-Zeit

Damals, im Zuchthaus

Aus der Geschichte lernen und Zukunft gestalten“ – dies ist eines der zentralen Motive der Europäischen Union für die Vergabe besonderer Fördermittel aus dem Programm „Europa für Bürgerinnen und Bürger“, das mittlerweile seit sieben Jahren besteht. Einer der Schwerpunkte ist dabei dem Programm „Aktive europäische Erinnerung“ gewidmet, mit dem die Erhaltung und Pflege der wichtigsten Stätten, Denkmäler und Archive im Zusammenhang mit Deportationen und Massenvernichtung zu Zeiten des Nationalsozialismus und des Stalinismus unterstützt werden. „Durch die Erforschung, Thematisierung und Visualisierung des Leidens und seiner Ursachen soll die Erinnerung der Menschen in Europa an diese Vergangenheit gewahrt und aufgearbeitet werden“, heißt es dazu in einer Broschüre der Europäischen Union. Insbesondere geht es der EU darum, „neue Formen der Geschichtsarbeit zu entwickeln, mit denen junge Menschen angesprochen und aktiviert werden können, sich mit diesem Teil europäischer Geschichte auseinanderzusetzen“.

veröffentlicht am 09.04.2014 um 18:16 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 15:21 Uhr

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Autor:

Wolfhard F. Truchseß
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Mit Erfolg hat sich jetzt der Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Hameln e.V. mit den beiden Hamelner Historikern Bernhard Gelderblom und Mario Keller-Holte für ein Projekt beworben, mit dem die Geschichte von Bürgern aus den Benelux-Staaten als NS-Verfolgte im Zuchthaus Hameln von 1942 bis 1945 erforscht und dokumentiert sowie im Gedenken an die Opfer, ihre Angehörigen und Nachkommen nach 70 Jahren erinnert werden soll.

Denn von den rund 800 Häftlingen aus Belgien, den Niederlanden und Luxemburg, die überwiegend als Widerstandskämpfer zwischen 1942 und 1945 im Hamelner Zuchthaus inhaftiert waren, starben rund 200 in der Haftanstalt und auf den vier Todesmärschen, die ihren Ausgang von Hameln und Celle nahmen. An Letzterem waren auch Häftlinge aus Hameln beteiligt, die zuvor in die Heidestadt verlegt worden waren.

Dass der Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte sich überhaupt um Fördermittel aus dem Programm „Europa für Bürgerinnen und Bürger“ bewarb, ist laut Keller-Holte dem Zufall zu verdanken, dass ein Kollege aus der Gedenkstättenszene ihn auf das Förderprogramm aufmerksam gemacht habe. Drei Wochen arbeiteten die beiden Historiker in der Folge daran, den mehr als 20 Seiten umfassenden komplexen Antrag mit einer genauen Beschreibung ihres Projekts auszufüllen. Am Ende wurden dem Verein 23 000 Euro bewilligt, mit weiteren 9000 Euro beteiligt sich die niedersächsische Stiftung Gedenkstätten an der aufwendigen Arbeit der beiden Historiker, 1000 Euro steuert der eigene Verein hinzu.

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  • Joseph van Megen, aufgenommen nach seiner Inhaftierung im Zuchthaus in Hameln Sammlung Gelderblom
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Da in Deutschland pro Jahr weniger als zehn Projekte für das Programm als förderungswürdig akzeptiert und vor allem institutionelle Historiker deutlich bevorzugt würden, wie Gelderblom die Lage schildert, betrachtet er die Projektgenehmigung als eine „unerhörte Auszeichnung“. Gleichwohl ist Gelderblom und Keller-Holte klar, dass trotz der Gesamtsumme von 33 000 Euro ohne einen „riesigen ehrenamtlichen Anteil“ das Forschungsprojekt, das in eine Wanderausstellung münden soll, nicht zu bewältigen ist, denn die Funktion der Zuchthäuser als Verfolgungsstätten durch die Nationalsozialisten sei bisher noch nicht ausreichend erforscht. Gelderblom: „Deutschland steckt bei der Erforschung dieses NS-Kapitels noch in den Kinderschuhen. Das fängt jetzt erst ganz langsam an.“

Der Historiker beschäftigte sich erstmals um das Jahr 1985 mit dem Zuchthaus in Hameln und seiner Funktion während der NS-Zeit. Resultat war damals eine Ausstellung, die im Hamelner Amtsgericht gezeigt wurde. Mario Keller-Holte stieß nach einer weiteren Ausstellung im Jahr 2004 hinzu und arbeitet seitdem intensiv mit Gelderblom auf den verschiedensten Feldern zusammen. Insbesondere forcierte das Historiker-Duo in der Folgezeit die Suche nach Überlebenden der Zuchthaus-Zeit. Gelderblom konnte bereits im Jahr 1994 Kontakt zu dem Belgier Gustav Vandepitte aufnehmen, ihn besuchen und ein Interview mit dem Zeitzeugen machen. Piet Matthijssen, ein in den Niederlanden hochgeehrter Widerstandskämpfer, lernten die beiden erst im Jahr 2011 kennen, als ein Film über Matthijssen gedreht wurde, in dem er seiner Enkelin die Stationen seiner Verfolgungsgeschichte zeigt.

Kontakte seien vor allem dadurch entstanden, dass ausländische Nachkommen NS-Verfolgter im Internet auf die Veröffentlichungen Gelderbloms gestoßen waren, schildern die beiden Historiker die Schwierigkeiten, sich mit Zeitzeugen oder ihren Angehörigen in Verbindung zu setzen. Darin unterschieden sich die Familien ausländischer Verfolgter von den Angehörigen Deutscher, die wegen geringfügiger Delikte zu Zuchthausstrafen verurteilt worden seien, erklärt Gelderblom. „Die Deutschen schämen sich offenbar noch heute, dass ihre Großväter oder Onkel als ,Schwerverbrecher‘ verurteilt waren, obwohl es sich bei ihren Vergehen nur um Kleinkriminalität wie Schwarzhören oder Schwarzschlachten handelte.“ Für Ausländer sei dagegen die Inhaftierung in einem Zuchthaus „politische Verfolgung“, das Zuchthaus eine „politische Verfolgungsstätte“ gewesen. Nicht umsonst habe es auch nach dem Krieg noch das deutsche Schimpfwort vom „Zuchthäusler“ gegeben.

Rekonstruktion

der Verfolgung im Heimatland

Von den rund 40 Kontakten, die Gelderblom und Keller-Holte zu Zeitzeugen und Angehörigen aus dem Ausland aufbauen konnten, betrafen allein rund 20 Menschen und Familien aus den Benelux-Staaten. Zum Teil habe es nur E-Mail-Anfragen gegeben, zum Teil seien die Kontakte durch Sprachbarrieren, wie im Falle Frankreichs, erschwert gewesen. „Das war für uns in den Benelux-Staaten leichter“, schildert Gelderblom den Weg der über die Jahre intensivierten Kontakte und Forschungsarbeiten. Während mehrtägiger Besuche in den Niederlanden und Luxemburg wurden Interviews filmisch dokumentiert, ehemalige Zuchthäuser und Konzentrationslager besucht, um die Verfolgungswege zu rekonstruieren und Dokumente zu sichern. Hilfreich seien dabei in den drei Ländern Archive mit Dokumenten zur Naziverfolgung gewesen, schildert Keller-Holte die Forschungsarbeit, bei der sich die beiden Historiker am Ende auf die Recherche des Schicksals von neun Personen konzentrierten: vier Niederländern, zwei Belgiern und drei Luxemburgern. Kriterium sei dabei die Intensität der Kontakte gewesen. Ihr Schicksal soll in diesem Jahr in einer weiteren Ausstellung als Ergebnis des Projekts großformatig in deutscher und englischer Sprache dargestellt und sowohl in Deutschland als auch in Belgien, den Niederlanden und Luxemburg gezeigt werden. Parallel hierzu habe es in Hameln Projekte mit zahlreichen Schülergruppen gegeben wie zum Beispiel die Erforschung der Geschichte des Gräberfeldes der Zuchthaustoten auf dem Friedhof „Am Wehl“ in Hameln und Überlegungen für eine angemessene zukünftige Gestaltung.

Bei seiner Erforschung der Geschichte des Zuchthauses in Hameln hat der Verein mit Unterstützung der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten in den vergangenen Jahren eine Datenbank aufgebaut, die vielfältige Angaben über knapp 10 000 Gefangene enthält, die zwischen 1933 und 1945 in den Zellen ihr Schicksal erdulden mussten. Auch der „Ehrenfriedhof“ der Opfer des Zuchthaus-Außenlagers Holzen bei Eschershausen ist Gegenstand von Schüleraktivitäten, die von dem Verein initiiert und begleitet wurden. Mehrfach gab es dazu in den vergangenen Jahren sowohl öffentliche Vorstellungen der Ergebnisse dieser Schulprojekte als auch öffentlich veranstaltete Begegnungen mit Zeitzeugen wie Piet Matthijssen, die im Zuchthaus in Hameln inhaftiert waren, oder aber mit Angehörigen verstorbener Nazi-Opfer aus dem Ausland.

Insgesamt will der Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte erreichen, dass NS-Zuchthäuser in Zukunft europaweit als Stätten des Terrors Beachtung finden und eine Erinnerungskultur entsteht, die auch die ausländischen Opfer in den Blick nimmt.

Die Luftaufnahme zeigt die Hamelner Strafanstalt in den frühen 1960er Jahren im Gebäude des ehemaligen Zuchthauses. Links ist das Hauptgebäude mit Ost- und Westflügel zu sehen. In der Bildmitte mit ihren hohen Fenstern erhebt sich die 1841 gebaute Anstaltskirche.

Stadtarchiv Hameln

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