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In manchen Orten kaufen die Einwohner wieder im Ort ein – weil es Leben bringt und die Qualität stimmt

Comeback der Dorfläden

Ein Bäcker, ein Schlachter, eine Dorfkneipe, ein kleiner Supermarkt: Damit waren in den 70er Jahren viele Dörfer bestückt. Dann kam das große Sterben. Inzwischen regt sich vielerorts in Form von Hof- oder Dorfläden wieder Leben. Und noch etwas bringt die Bewegung mit: mehr regionale Artikel, mehr Bio, mehr Gemeinschaft.

veröffentlicht am 11.02.2016 um 07:15 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:05 Uhr

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Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Eines der Dörfer im Landkreis, in denen man heute vielleicht sogar besser einkaufen kann als früher, ist Flegessen. Gemeinsam mit Klein Süntel und Hasperde hat das Dorf im Januar den Titel „kerniges Dorf“ bekommen – unter anderem, weil es in Flegessen nun das „Süntellädchen“ gibt (www.suentellaedchen.de.) Der Preis, der im Rahmen eines bundesweiten Wettbewerbs verliehen wird, wurde unlängst auf der Grünen Woche, der größten Landwirtschaftsmesse der Welt, in Berlin übergeben. Dort war gut zu beobachten, wie die Mini-Läden sich zunehmend und auf ganz unterschiedliche Weise organisieren. Dorfläden hätten das Zeug zu einem Katalysator der „Ernährungswende“ hieß es dort von Ausstellern. Es sind zwar noch relativ wenige – rund 200 soll es in der gesamten Republik geben – doch, die Zahl steigt. Oft werden sie von Seiteneinsteigern geführt, nicht selten tun sich die Dörfler zusammen.

In Flegessen waren es zunächst einige Freunde, die 2010 einen kleinen, aber feinen Dorfladen als Einkaufsgemeinschaft gründeten. Der Wunsch nach einem größeren Dorfladen entstand bei der ersten „Ideenwerkstatt Dorfzukunft“ in 2012: Als die Schule im Dorf geschlossen werden sollte, fanden sich ungefähr 120 Leute zusammen und fingen an, darüber nachzudenken, wie sie die Lebensqualität in ihrem Dorf bewahren können. Heraus kamen ungefähr 85 Projektideen, 20 davon sind bereits umgesetzt, unter anderem das Süntellädchen.

Für den haben 300 Einwohner eine Mini-GmbH gegründet, ein Grundstück gekauft und 2015 den Laden gebaut. In dem Neubau aus Stroh und Lehm im Herzen des Dorfes gibt es nun rund 1200 hochwertige regionale oder Echt-Bio-Produkte. Zum Vergleich: In einem normalen Supermarkt gibt es rund 25 000. Viele Produkte bekommt der als Verein geführte Laden aus der Region: Obst, Gemüse Milch, Käse und Honig. Die Bio-Produkte sind von Demeter, Bioland und Naturland. Das Angebot im Süntellädchen ist günstiger als das vieler anderer Bioläden. „Das können wir nur, weil wir ehrenamtlich arbeiten und keinen Gewinn machen wollen“, sagt Henning Austmann, , einer von vielen Dorfladen-Gründern. Außerdem zahlen die Mitglieder einen monatlichen Beitrag von 10 Euro.

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  • Im Einsatz: Matthias Lindemann berät Kundin Beatrix Nehmann. doro
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  • Von den Einwohnern aus Lehm und Stroh selbst gebaut: Das Süntellädchen in Flegessen. doro
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Wenn Austmann erzählt, wie alles begann und was das Engagement mit dem Dorf gemacht hat, könnte man meinen, dass Sozialismus doch funktioniert. Rund 80 Mitglieder schmeißen den Laden, einen Chef gibt es nicht, „es funktioniert alles basisdemokratisch“, sagt Austmann. Und so soll es bleiben. Damit die Lust nicht verloren geht. Gerade für die Älteren sei die Arbeit ein Pluspunkt, einige sagen: „Das ist das Gespräch, was ich mir immer gewünscht habe“. Damit alles rund läuft, sind drei von zehn Organisatoren ausschließlich damit beschäftigt, den Einsatzplan zu koordinieren. Pro Tag liegt der Umsatz bei 750 Euro, 50 bis 60 Kunden kommen, davon sind 80 Prozent Mitglieder. Sie kaufen im Zwei-Preissystem deutlich günstiger ein.

Und kann der Laden auch ein Katalysator für eine Ernährungswende sein? ? „Wir wollen hier nicht dogmatisch oder belehrend sein. Unser gemeinsamer Nenner war und ist ein Dorfladen mit hochwertigen aber günstigen Lebensmitteln. Viele Bewohner unserer drei Dörfer lassen sich darauf ein - das freut alle Beteiligten“, sagt Austmann. „Ich würde einfach sagen, wir sind eine außergewöhnliche Ansammlung von engagierten Menschen, das Ganze ist von unten gewachsen.“

Das Süntellädchen ist nur ein Beispiel von vielen, das eine Trendwende auf dem Land andeuten könnte. Auch in Grohnde haben Einwohner 2014 einen Laden nach einem ähnlichen Modell gegründet (dorfladen-in-grohnde.de), der sogar Mitglied in der Bundesvereinigung multifunktionaler Dorfläden ist (dorfladen-netzwerk.de).

Ein anderes, aber nicht minder erfolgreiches Laden-Modell gibt es auch in Hachmühlen. Dort betreiben Uta und Christian Herbst einen gut gehenden Hofladen. Hauptmagnet für die Kunden ist das frische Puten- und Hähnchenfleisch aus eigener Aufzucht, aber es gibt auch selbst gebackenes Brot, saisonal Kürbisse, selbst gemachte Fertiggerichte und Marmeladen. Zu Weihnachten und auf Bestellung auch Enten und Gänse. Aus der Region kommen Kartoffeln, Möhren, Rote Beete, Milch und Bio-Eier, weiteres Obst und Gemüse wird zugekauft.

Der Laden ist über die Jahre gewachsen. So sehr, dass Uta Herbst heute manchmal an Grenzen stößt. Angefangen hat sie in den 90er Jahren mit dem Verkauf von Puten, ein bisschen Obst und Gemüse im Keller. Dann kam ein kleines Holzhäuschen auf dem Hof, danach eine großes. Weiter expandieren will sie sich nicht, obwohl die Nachfrage es wohl abdecken würde. Es sei gut so, wie es ist, sagt sie.

Anders als viele andere landwirtschaftliche Betriebe in der Region wollte Uta Herbst schon immer Geflügel ab Hof verkaufen. Ihr Vater hatte in den 60er Jahren eine Geflügelzucht und vermarktete Puten bereits 1972. „Als ich hier auf den Hof gekommen bin, war für mich klar, dass ich das weitermache“. Dass mal ein gleichwertiges Standbein daraus erwachsen würde, sei nicht vorhersehbar gewesen. Anfangs sei die Kunden gezielt und eher von außerhalb gekommen, sagt sie. Inzwischen kauft das halbe Dorf vor dem Wochenende bei ihr ein, und auf dem Hof reicht der Platz in Stoßzeiten kaum zum Parken.

Am Mittwoch zuvor wird geschlachtet, donnerstags zerlegt und etikettiert, Freitag und Samstag hat der Laden geöffnet. Der gesamte Dienstag geht inzwischen für das Kochen der Fertiggerichte drauf, „da komme ich kaum hinterher“, sagt Uta Herbst. Zweimal in der Woche steht sie bereits um zwei Uhr nachts auf, um die Arbeit zu schaffen. Uta Herbst macht es Freude.

Trotz des Ladensterbens hat sich die Verkaufsfläche im Lebensmitteleinzelhandel von 26,1 Millionen Quadratmetern (2000) auf 28,9 Millionen Quadratmetern erhöht – ausschließlich bei den Discountern und Verbrauchermärkten. Während einem Bundesbürger in den Städten laut Edeka 1,7 Quadratmeter Verkaufsfläche zur Verfügung stehen, stehen einer 10 500 Einwohner zählenden Gemeinde mit 17 Dörfern mitten in Niedersachsen nur 0,20 Quadratmeter Verkaufsfläche pro Einwohner zur Verfügung.

„Eigeninitiative statt Unterversorgung” lautet deshalb immer öfter das Motto – und aktive Bürgergesellschaften gründen ihr eigenes Lebensmittelgeschäft. Durch dieses Engagement sind in Deutschland bereits mehr als 200 Bürger-Dorfläden gegründet worden und werden nach Angaben des Bundesverbandes des Deutschen Lebensmittelhandels überwiegend erfolgreich betrieben.

Internet: www.bvlh.net/ www.dorfladen-netzwerk.de



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