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Pfandsystem in Hameln gestartet

Coffee to go: Welcher Becher ist der beste?

HAMELN. Im neuen Pfandbecher, dem „FairCup“, in der eigenen Tasse oder gar im Wegewerfbehälter? Wie können Kaffeetrinker ihre Koffeindosis mit einigermaßen gutem ökologischem Gewissen durch Hameln tragen? Wir haben verglichen …

veröffentlicht am 31.05.2019 um 15:26 Uhr
aktualisiert am 31.05.2019 um 20:20 Uhr

Foto: Wal
Frank Henke

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Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite
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„Einen Kaffee zum Mitnehmen, bitte.“ Die freundliche Dame hinterm Bäckertresen greift zum Becher und ... „Nein! Ich wollte einen Pfandbecher.“ Dummerweise hat die Pappvariante schon den ersten Schluck abbekommen – und wird nun wohl weggeworfen. Die Ökobilanz ist im Eimer. Buchstäblich. Es dauert wohl eine Weile, sich an das neue Mehrwegbecher-System zu gewöhnen. Allerdings ist dies nur ein winziger Unfall kurz nach dem Start, denn die erste Bilanz der Beteiligten fällt positiv aus. „Für so eine kleine Stadt gut“, bewertet FairCup-Geschäftsführerin Sibylle Meyer die ersten Wochen. „Die Becher laufen bei uns gut“, sagt auch Anna Brügger aus den Filialen der Bäckerei Wegener, einer von zwei beteiligten Hamelner Bäckereiketten. „Wir bekommen ein positives Feedback.“ Doch die einzige Möglichkeit, Kaffee oder Tee „to go“ zu genießen ist das natürlich nicht:


Pappbecher: Die bequemste Variante ist auch die umweltschädlichste. 2,8 Milliarden Heißgetränke in Einwegbechern – aus kunststoffbeschichteter Pappe oder auch Plastik – werden jährlich verkauft, lautet eine verbreitete Schätzung. Das macht eine Menge Müll: 40 000 Tonnen im Jahr, laut Deutscher Umwelthilfe (DUH). Zudem: „Für die Pappbecherherstellung werden jährlich 64 000 Tonnen Holz, 29 000 Tonnen Papier, 11 000 Tonnen Kunststoff, 1,5 Milliarden Liter Wasser und 320 Millionen Kilowattstunden Energie verbraucht“, so die DUH. Der beschichtete Pappbecher steht also schon allein ökologisch schlecht da. Papier und Kunststoff sind unrecycelbar zusammengefügt, werden so zu einem Fall für die Müllverbrennung. Noch schlechter wird die Ökobilanz durch Plastikdeckel.


Bioplastik: Das klingt nach dem Ende aller Müllsorgen: Ein Wegwerfbecher, der nicht die Müllberge, sondern – als Kompost – die Blumen wachsen lässt. Perfekt? Nicht ganz. Denn das, was als „kompostierbarer Biokunststoff“ verkauft wird, verrottet nicht einfach auf dem heimischen Komposthaufen oder im normalen Biomüll, sondern um einiges langsamer als dieser und letztlich nur unter Zuführung von Hitze – was wieder Energie frisst. „Coffee-to-go-Becher mit Biokunststoffbeschichtungen belasten die Umwelt ähnlich stark wie normale Wegwerfbecher“, schreibt die Umwelthilfe. So würden Biokunststoff „aufwendig aus Nutzpflanzen hergestellt“. Häufig werden für Biokunststoffe Polylactide genutzt, gewonnen aus Zuckerrüben, Zuckerrohr oder Mais.


Eigener Becher: Eine gute Sache. Diverse Cafés und Co. bieten kleine Preisnachlässe für Kaffee in mitgebrachten Tassen an. Allerdings ist Becher nicht gleich Becher: Porzellan, Edelstahl, Plastik, Bioplastik, Kunststoff – ja, was denn nun? Ein Material verabschiedet sich schnell aus der Liste: Becher „aus Bambus“ klingen zwar ökologisch, sind es aber nicht. „Bambus-Geschirr besteht nicht nur aus Bambus, sondern aus Kunststoffen wie Melaminharz“, erklärt die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, „Bambusholzpulver und Maisstärke werden lediglich als Füllstoffe verwendet.“ Recycelbar ist das nicht. Zusätzliches Problem: Die Becher geben Melamin und Formaldehyd ans Heißgetränk ab. Nur bis 70 Grad gilt Melaminharz als „stabil“, frischer Kaffee ist im Optimalfall heißer. Formaldehydgas gilt als „wahrscheinlich krebserregend“, Melamin kann Nierenschäden verursachen. Die Verbraucherschützer empfehlen Becher aus Edelstahl, Glas, Porzellan und Polypropylen. Damit sie ihren umweltschonenden Zweck erfüllen, müssen diese allerdings auch oft benutzt werden. Wer die Ökobilanz verbessern will, spült seinen Becher zudem eher selten, aber das ist dann wohl auch Geschmackssache …
Pfandbecher: In diesem Monat ging es in Hameln los: Die Bäckereien Schmidt und Wegener sind beim FairCup mit von der Partie, die Gesamtschule, das Schiller-Gymnasium und schon bald die Sumpfblume ebenso. Die Stadt spendet noch weiteren Interessenten Starterpakete aus je 40 Bechern. Die Becher aus weichmacherfreiem Polypropylen gibt es nun für 1 Euro Pfand, weitere 50 Cent Pfand kostet der Deckel. Zurückgenommen werden sie von jedem teilnehmenden Unternehmen. Dort wird der Becher gespült und geht in die nächste Runde – 500 bis 1000 Einsätze seien möglich, sagt Geschäftsführerin Meyer. Danach sei beides vollständig recycelbar. Entscheidend für den ökologischen Nutzen: Die Pfandbecher müssen tatsächlich wiederverwendet werden, dürfen also nicht im Schrank oder in der Landschaft landen. Die hohe „Verlustquote“ von Bechern verhagelt andernorts – etwa in Freiburg – Pfandsystemen die Ökobilanz, so berichtet es eine neue Studie des Umweltbundesamtes. Ansonsten urteilt diese 194-Seiten-Arbeit recht positiv, wenn auch nicht euphorisch, über Pfandsysteme. Diese seien „in der Regel mit positiven Umwelteffekten verbunden“. Entscheidend: der Strom. Zum Wohle der Ökobilanz müssten die Spülmaschinen mit einem „zertifizierten Grünstromprodukt“ betrieben werden, heißt es. „Wünschenswert“ sei das natürlich, sagt die FairCup-Chefin, vorgeschrieben wird es den Teilnehmern jedoch nicht.


Fazit: Mehrweg ist der Weg, das zeichnet sich ab. Bei der genauen Ökobilanz ist dann das Spülen ein Knackpunkt: Wie viel Strom verbraucht die Spülmaschine? Und ist es Ökostrom? Beim Pfand- wie beim eigenen Becher gilt zudem: Nur wenn die Kunden engagiert mitspielen, hat es einen Effekt.



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