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Rundweg, Café, Kunst, Sport, Hochgarten - vieles ist für die Eisenbahnbrücke denkbar

Brückenschlag zu neuem Leben

Hameln. Manche halten sie nur noch für einen rostigen Riegel, andere jedoch für die längste Praline der Stadt. Eine Kostbarkeit, die zwar eine frische Füllung benötigt, dann aber von den Hamelnern und ihren Gästen täglich genossen werden könnte. Die Eisenbahn-Weserbrücke steht an einer der pittoreskesten Stellen der Stadt und der Region, sie hat jedoch vor vielen Jahren den Anschluss ans Leben verloren. Dabei ist das Bauwerk nach Aussage der Experten längst nicht tot, der Schneidbrenner nicht die einzige Option. Die Brücke könnte wieder Brücke sein – und sogar noch viel mehr. Ausgerechnet der Methusalem hat das Potenzial, um sich herum neues Leben zu schaffen, zum Magneten für Einheimische und Touristen zu werden, Hamelns „Leben am Fluss“ zu befördern.

veröffentlicht am 08.09.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 18.05.2017 um 15:53 Uhr

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Marc Fisser

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Marc Fisser Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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Obwohl ein Zweckbau, hat die Weserbrücke mehr als 80 Jahre die Menschen, die sie benutzten, in den Bann gezogen. Etwa damals, Ende des 19. Jahrhunderts, als für Fritzchen und Frieda aus Aerzen die Einfahrt nach Hameln dem Nervenkitzel in einer Geisterbahn gleichkam. Hinter Wangelist verschwand der Zug im dunklen gebogenen Klüttunnel, es folgte der kurze Stopp im tiefen Einschnitt des Berges und dann als wahrer Höhepunkt die Überquerung der Weser auf der riesigen stählernen Gitterkonstruktion. Es boten sich Panoramablicke zum Münster und zum Ohrberg. Der 316 Meter lange Tunnel und die 320 Meter messende Brücke wurden mit so viel Aufwand und Schweiß geschaffen, dass sie für die Ewigkeit gebaut schienen. Nachdem deutsche Soldaten 1945 auf dem Rückzug Hamelns Flussqueren gesprengt hatten, erfolgte – erneut unter großen Schwierigkeiten – der Wiederaufbau. Die Bahnbrücke wurde 1949 wiedereröffnet; die Stadt versah sie auf eigene Kosten mit einem Fußgängersteg. Doch 1980 legte die Bundesbahn die Strecke still. Und nachdem sich 1996 eine Passantin auf der maroden Zugangstreppe verletzt hatte, schloss die Stadtverwaltung auch den Fußweg über der Weser. Die Ratsmitglieder wollten weder 5 Millionen Mark (2,5 Mio. Euro) für den Neubau einer Fußgänger- und Radfahrerbrücke aufbringen, noch für 0,5 Millionen Mark einen Bohlenweg im bisherigen Gleisbereich installieren. 2003 wurden mit dem Abbau der Überführung an der Pyrmonter Straße – Metallteile waren heruntergefallen – weitere Fakten geschaffen.

Heute steht das mächtige Bauwerk ohne Funktion in der Landschaft. Es ist aber ein beliebtes Fotomotiv. Denn durch den Stau des Wassers am Hamelner Wehr kommt der Fluss an dieser Stelle ganz groß raus. Hameln – fixiert auf Rattenfänger und Altstadt – nutzt diese andere Schokoladenseite, die am Wasser, jedoch merkwürdig zurückhaltend. Wer auf der Terrasse von „Sumpfblume“ und „MeLounge“ oder an Deck der „Pluto“ bei einem Eis oder Cocktail die Szenerie genießt, spürt zugleich, dass etwas fehlt: promenierende Menschen. Kein Wunder, denn der eigentliche Spazierweg – teilweise zugleich Weser-Radweg – endet stumpf am Parkplatz auf dem früheren Gelände der Holzhandlung König – und vor dem mächtigen östlichen Brückenpfeiler. Könnte man dort hinaufkommen und die Weser überqueren, ginge es an der Schleuse entlang und über eine der Straßenbrücken oder dem Werder zur Altstadt zurück – Hameln verfügte auf einen Schlag über einen auch touristisch wertvollen Rundweg. Dieser ließe sich auch von Joggern oder Skatern nutzen, sagt der Architekt Fabian Lippert. Aber die Brücke könnte noch viel mehr. „Gäbe es dort oben eine Gastronomie in einem filigranen transparenten Gebilde, einem ,Café Weserblick‘, dann wäre das eine ganz besondere Destination“, ist Stadtbaurat Hermann Aden überzeugt. Mit einer solchen Idee für Hameln, die sie in ihrer Diplomarbeit entwickelte, hat die damals junge Architektin Claudia Bruker 1999 einen Sonderpreis des Bundes Deutscher Baumeister gewonnen. Schon sie meinte, das Industriedenkmal könnte eine Perle der Stadt werden, eine „begehbare Vitrine“, eine Art Ponte Vecchio, ähnlich wie sie in Florenz Läden mit Kunsthandwerk tragen.

Auf einer alten Hochbahntrasse in New York wachsen jetzt Bäume, Gras und Blumen. Der 2009 eröffnete High-Line-Park hat es bereits in die Reiseführer geschafft. Auch Hamelns Eisenbahnbrücke könnte zum grünen Band werden mit Pflanzen, Spazierweg, Sitzplätzen, Kunstobjekten und Infotafeln. Die Pflege könnte parzellenweise an Interessierte vergeben werden; das „Urban Gardening“ hat in größeren Städten viele Freunde, gerade unter jungen Leuten. Und wer genau hinschaut, erkennt: Die Natur hat auf dem westlichen Teil der Hamelner Brücke schon vorgelegt!

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Die Brücke als Feuerwerksträger: Tausende waren begeistert beim „Tag der Niedersachsen“ vor fünf Jahren. Dana/Archiv

Der Bau von Rampen, Treppen und Liften wäre teuer. Eine Alternative könnte es sein, die Brücke als Tragwerk für eine von Enthusiasten betriebene Schwebefähre zu nutzen. Der Bau eignete sich auch als Kletterparadies. Einmal im Jahr könnte sie Mittelpunkt einer Feuerwerksshow sein. Jemand, der solche Pläne verwirklichen möchte, hat sich bislang nicht gefunden. Die Stadtverwaltung verweist auf ihre leere Kasse. Gleichwohl: „Wer eine geeignete Idee hat, kann mit unserer Hilfe rechnen“, sagt Aden. „Die Brücke ist uns nicht egal.“ Für die DB als Eigentümerin versichert Sprecherin Sabine Brunkhorst: „Wenn ein Interessent auf uns zukommt, sind wir gesprächsbereit.“ Ob der Kaufpreis bei dem symbolischen einen Euro oder beim Metallwert liegen würde, darüber „müsste dann gesprochen werden“.

Die Eisenbahnbrücke – 1897 gebaut und 1980 stillgelegt – würde als spektakulärer Teil eines Promenaden-Rundwegs an und über der Weser Hamelns Lage als Stadt am Fluss eine ganz neue Geltung verschaffen. Und sie könnte viel mehr sein als eine bloße Verbindung von Ufer zu Ufer.



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