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Idee der Piraten: Hameln soll eine „essbare Stadt“ werden

Brombeeren aus dem Bürgergarten

veröffentlicht am 08.08.2016 um 12:18 Uhr
aktualisiert am 05.12.2017 um 14:25 Uhr

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Autor:

Birte Hansen

Urban Gardening, Guerilla Gardening, Stadtgärten – die Begriffe sind vielfältig, die Idee dahinter immer ähnlich. Im öffentlichen Raum wird gepflanzt und gesät, was reif ist, kann geerntet werden, und zwar von jedem. In Mengen für den Eigenbedarf, nicht säckeweise und zum Horten, mit Bedacht und Rücksicht auf andere, die auch naschen wollen. Beete auch in Hameln mit Essbarem zu füllen, hat sich die „Piraten“-Partei auf ihre Fahnen geschrieben. Oliver Frome greift das Motto auf, das schon die Vorreiterstadt Andernach am Mittelrhein, gewählt hatte: „Pflücken erlaubt statt Betreten verboten“. Er und seine Mitstreiter wollen – so sie denn im September in den Rat der Stadt gewählt werden – prüfen lassen, wie öffentliche Flächen mit Beeren, Obst, Kräutern bepflanzt werden könnten. Frome denkt dabei, wie er sagt, an Flächen, die zurzeit brachliegen, wie die ehemaligen Britengelände an der Weser oder auch an das Schulzentrum Nord. In einem ersten Schritt, so Frome, solle erreicht werden, dass dort, wo ohnehin Neuanpflanzungen anstehen, dann eben auf Essbares gesetzt wird. „Anstatt ’ner Linde“ könnte eine Reihe Salate gesetzt werden. Oder Beeren, oder Kräuter.

60 Kilometer weserabwärts befindet sich bereits eine „essbare Stadt“, die erste Nordrhein-Westfalens. In Minden hat sich vor drei Jahren ein Verein gegründet, der mittlerweile auf acht Beete verweisen kann, aus denen sich jeder bedienen darf. Mitten in der Altstadt, aber auch etwas abseits, wurden Pflanzkästen aufgestellt. Diese Hoch-Variante statt ebenerdiger Beete hat einen überzeugenden Vorteil: So hoch kann kein Hund das Bein heben. „Speiseräume“ nennen die Mindener ihre Pflanz-Ecken, für die das städtische Grünflächenamt sofort Feuer und Flamme gewesen seien, wie Mit-Initiatorin Bettina Fuhg erzählt. Die Mitarbeiter helfen, wenn Kästen samt Pflanzen (bio!) überwintern müssen und stellen benötigtes Equipment zur Verfügung. Einmal habe die Stadt das Saatgut für das Anlegen einer „Insekteninsel“ gespendet. Bargeld fließt allerdings keines von der Stadt, die Finanzierung der Idee erfolgt durch Mitgliedsbeiträge und Spenden. „Noch reicht das Geld“, sagt Fuhg. Überlegungen, sich bei bundesweiten Förderprogrammen zu bewerben, die das Gärtnern in der Stadt unterstützen, würden aber auch angestellt.

Schlechte Erfahrungen mit Vandalismus oder überbordendem Ernteeifer haben die Mindener bisher nicht gemacht. Lediglich Salatpflanzen seien mal eingegangen, weil sie zu tief abgeschnitten worden waren, erzählt Fuhg. Ansonsten gehen die Bürger offenbar pfleglich mit dem Essbaren um. Kleine Schilder inklusive QR-Code geben mehr Informationen über das, was dort wächst inklusive Rezepttipps. Teekräuter, Heilkräuter, Salatkräuter, aber auch Mangold und Brokkoli sowie Mirabellen-, Zwetschen- und Kirschbäume seien von „dem harten Kern“ von acht bis zehn Leuten schon angepflanzt worden. Jüngstes Projekt ist eine Grabelandfläche, die von der Stadt für Kartoffelanbau bereitgestellt wurde.

Ziel der Mindener Initiatoren ist, ein Bewusstsein für Lebensmittel zu schaffen, erklärt Fuhg, und eine höhere Wertschätzung zu erreichen. Auch Oliver Frome aus Hameln erhofft sich eine höhere Lebensqualität für Hameln. Die Piraten setzen darauf, dass Einwohner mit in die Verantwortung genommen werden können, und dass Vereine mitarbeiten. „Irgendwie macht das eine Stadt doch auch liebenswert“, so Frome über den Zusatz Label „essbare Stadt“. Auf jeden Fall macht es eine Stadt leckerer.

Schon jetzt gibt es einige öffentlich zugängliche Stellen, an denen genascht werden darf. Auf mundraub.org wurden beispielsweise Kirschbäume eingetragen, gute Plätze, um Maronen zu sammeln oder Brombeeren. Auch ein Walnussbaum ist dort eingetragen.

Info: Andere „essbare Städte“:Andernach, nördlich von Koblenz, wird gerne als Vorbild genannt, wenn es um das Projekt „Essbare Stadt“ geht. Geschützt ist dieser Begriff übrigens nicht, feste Kriterien, die erfüllt werden müssen, um diesen Beinamen zu tragen, sind nicht definiert. Seit 2010 nennt Andernach sich „Essbare Stadt“ und wurde damit schon als Sieger des Wettbewerbs „Lebenswerte Stadt“ von der Deutschen Umwelthilfe und der Stiftung „Lebendige Stadt“ für die nachhaltige Umgestaltung der Grünanlagen ausgezeichnet. Preisgeld: 15 000 Euro. Auch Freiburg, Halle, Heidelberg und Kassel reihen sich in die Liste der essbaren Städte ein. In England gilt die Stadt Todmorden mit 15 000 Einwohner als die Essbare Stadt schlechthin. Dort sind um die 70 private und öffentliche Grundstücke mit Gemüse und Obst bepflanzt worden, mit der Vision, sich als Gemeinde selbst versorgen zu können.

bha



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