weather-image
23°

Teile des Waldes aufgeben?

Borkenkäfer macht Forstämtern zu schaffen

HAMELN. Einfach laufen lassen, die Natur Natur sein lassen. So begegnet man im Nationalpark Bayerischer Wald und auch im Oberharz zwischen Brocken und Torfhaus den gefräßigen Borkenkäfern, die sich auch im Hamelner Stadtwald rasant ausbreiten und vor allem die Fichtenbestände dezimieren.

veröffentlicht am 15.04.2019 um 18:21 Uhr
aktualisiert am 15.04.2019 um 20:30 Uhr

Interessant anzusehen, aber eine Gefahr für den Wald: der Borkenkäfer. Foto: dpa
Dorothee Balzereit

Autor

Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Während die Käfer vor Ort mit allen Mitteln bekämpft werden, lässt man sie in Bayern und im Harz fressen: Sie werden dort als Teil der natürlichen Regeneration gesehen. Die hochspezialisierten Tiere machen aus Sicht der Naturschützer nur das, was sie besonders gut können – kranke Bäume erkennen, befallen und abtöten, um sie dem natürlichen Kreislauf zuzuführen. Auf diese Weise, schreibt der BUND auf seiner Website (www.bund-naturschutz.de), „sorgen die Borkenkäfer-Kalamitäten dafür, dass der Wald sich regeneriert und wieder näher an den Urwald-Zustand heranentwickelt – schneller als es der Mensch je könnte“.

Wäre ein solches Modell angesichts der enormen Probleme, die die Käfer bereiten, nicht auch in unserer Region denkbar? Die Methode, sagt Hamelns Forstamtsleiter Ottmar Heise, habe in Bayern zunächst zu ganz heißen Diskussionen geführt. Schließlich machen die Käfer nicht an der Grenze des Nationalparks halt, und außerhalb des Parks habe der Wald eben andere Funktionen. Er dient auch als Nutzwald, mit dem die verschiedenen privaten und öffentlichen Waldbesitzer Geld verdienen. Das ist der Grund, erklärt Heise, warum ein solcher Weg derzeit im Hamelner Stadtwald noch undenkbar sei. Die Verluste wären enorm, da könne man nicht einfach sagen, man macht gar nichts, erklärt der Forstamtsleiter, „das wäre rechtlich gar nicht möglich“.

Ganz will er aber nicht ausschließen, dass man irgendwann vielleicht gezwungen sein könnte, einen solchen Weg zu gehen. Aber eben nicht freiwillig. Dennoch: Kleinere Flächen werde man wohl bereits in diesem Jahr sich selbst überlassen müssen. Wo der Wald sich natürlich verjüngen darf und wo neu gepflanzt wird, ist noch nicht gänzlich entschieden.

Ein vom Borkenkäfer befallenes Stück Fichtenborke, in dem man die Larvengänge sieht. Foto: dpa

Die beim Händler gezogenen jungen Eichen, die eigentlich unterhalb der Riepenburg letzten Herbst angepflanzt werden sollten, waren leider noch nicht groß genug – auch ihnen hat die Sommerhitze Probleme gemacht.

An einigen ausgesuchten Stellen wurde bereits gesät, wie zum Beispiel am Mengerberg. Dort will man es mit Esskastanien versuchen. Vom Multimarkt aus sieht man die kahle, recht große Stelle gut, auf der früher viele Fichten standen. Sturm Friederike knickte sie im Januar 2018 um wie Streichhölzer. Überall dort, wo das Holz nach dem Sturm nicht schnell aus dem Wald geschafft werden konnte, war es ein gefundenes Fressen für den Borkenkäfer. Die guten Brutbedingungen im Winter und die Trockenheit und Hitze des Sommers ließen die Zahl der Nachkommen anschließend explodieren. Bis zu drei, in Extremfällen vier Generationen wachsen dann nach, erklärt Ottmar Heise. So kann ein Weibchen in einem Sommer mehrere Hunderttausend Nachkommen haben.

Eine solche Situation habe es zuletzt 1947/48 in der Nachkriegszeit gegeben. Auch damals kam man kaum hinterher, erzählt Heise. Den Boden für diese Situation hatten Kriegsschäden und die Zwangsnutzung des Waldes durch die Alliierten bereitet.

Heute sind es nicht Kriegsfolgen, sondern Klimaereignisse, die den Wald erschüttern, ihn kaum zur Ruhe kommen lassen. Und die werden nicht weniger, sondern mehr. Den Forstleuten bleibt nur der Versuch, den Wald zu stabilisieren, ihn quasi fit zu machen für das strapaziöse Wetter. Bereits nach Kyrill hat man angefangen, den Wald bunt zu mischen: Neben der natürlichen Verjüngung von Lärche, Douglasie, Fichte, Vogelbeere, Birke, Ahorn und Buche wurden auch Eichen, Buchen, Esskastanien und Kirschen gepflanzt. Auch die Weißtanne wird in Zukunft eine größere Rolle spielen. „Die kommt ebenso wie die Eiche besser mit dem Klimawandel klar“, sagt Heise. Grundsätzlich sieht auch Ottmar Heise für die Bedeutung des Waldes einen Paradigmenwechsel nahen. In Zukunft werde es weniger wichtig sein, dass man mit dem Wald viel Geld verdient. In Bezug auf den Klimaschutz werde seine Funktion als Kohlenstoffspeicher dagegen immer gewichtiger. Dann bleibt die Frage, wer die Waldbesitzer für diesen Beitrag zum Klimaschutz entschädigt.

Und auch das sei Fakt: „Die Menschen werden sich an andere Bilder im Wald gewöhnen müssen, wenn wir tote Käferbäume stehenlassen“, sagt Heise. Zehn bis 15 Jahre stehen die Bäume, die ihre kahlen Äste wie silbrig glänzende Spargel gen Himmel strecken, bevor sie umfallen.

Information

Hilfe von den Landesforsten?

Auch in diesem Jahr ist der Borkenkäfer bereits wach gewesen. Experten rechnen damit, dass rund 80 Prozent der Population den milden Winter überlebt haben, sagt Forstamtsleiter Ottmar Heise. Bei Temperaturen konstant um die 16 Grad werde er dem Wald erneut zusetzen. Für Mittel zur Bekämpfung hat das Land den Waldbesitzern deshalb Mittel in Höhe von 1 Million Euro zur Bekämpfung bereitgestellt. Gedacht sind sie unter anderem für Fangsysteme und mit Insektiziden besprühte Lockhaufen.doro



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?