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Zweite Auflage der „SpätLeseNacht“ bietet mit Songs und Kabarett große thematische Vielfalt

Bob Dylans Affäre und Pariser Flaneure

Hameln. „Sicher kann man nicht alles mitnehmen, aber die Vielfalt begeistert uns“, stellt Astrid Bölter fest. Mit einigen Freundinnen hat es sich die 58-jährige Hamelnerin im Eingangsbereich der Buchhandlung Matthias bei einem Gläschen Rotwein gemütlich gemacht. Gleich gegenüber lässt Fritz Riedel aus seiner Drehorgel Musette-Klänge und den „Bruder Jakob“ erschallen. Bei der zweiten „SpätLeseNacht“ präsentierten Peter Matthias und seine Mitarbeiter eine Lesung aus Léon Paul Farques „Der Wanderer“ durch Paris.

veröffentlicht am 04.03.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 04.11.2016 um 12:21 Uhr

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Autor:

Ernst August Wolf
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Die 28-jährige Claudia Mehnert arbeitet seit elf Jahren bei Matthias und hat den Abend in Szene gesetzt. „Deko, Wein, Snacks, Musik – alles à la française“, so die Buchhändlerin. Im eleganten stilechten Pariser Outfit las die Übersetzerin Ulrike Bennemann aus Farques Buch. „Der war Zeitgenosse der Großen der 30er Jahre“, erklärt sie.

Statt französischer Chansons hatte der gleichwohl in dieser Gattung versierte Walter Hedemann zuvor in der Stadtbibliothek Texte eines hierzulande weitgehend unbekannten Schweizer Kabarettisten vorgestellt. „Franz Hohler war vor langer Zeit einmal mit Hanns Dieter Hüsch hier im Theater“, erinnert sich der 80-jährige Hedemann. Für seine gut 20 Gäste hatte er Auszüge aus drei Büchern Hohlers ausgewählt. „Zum einen die etwas düstere vom ´Rand von Ostermundigen´, dann ein Märchen und eine Quasi-Reportage“, so der Rezitator. Das Damentrio Susanne Butte, Kerstin Wittig und Dagmar Lange lauschte amüsiert den „phantastischen Geschichten“, die Hedemann in seiner ruhigen doch pointierten Art vortrug. „Wir wollen dann noch unbedingt ins Café Relax“, kündigten die Damen an.

Dort war es mittlerweile schon brechend voll. Während draußen das große Mittelalterspektakel die durch Fackeln erleuchteten Straßen zu einem Gesamtkunstwerk werden ließ, schallten aus dem „Relax“ am Pferdemarkt die alten Liebes- und Protestsongs der 68er. Drinnen präsentieren Ilka Voss und Cornelie von Wedemeyer allerlei Biographisches zu den Ikonen der Musikgeschichte: von Paul Anka, James Taylor über Rod Stewart bis hin zu „Sting“. „Ach. der ist doch wirklich süß“, entfuhr es Cornelie von Wedemeyer ganz unvermittelt bei der Betrachtung eines Fotos des blutjungen Bob Dylan. Seine kurze Affäre mit Joan Baez versetzt dabei das Publikum ebenso in Erinnerungsträume wie die vom Duo der „Stanley Park Band“ als musikalische Illustration der Texte vorgetragenen Songs jener Ära. „Es geht um das Buch ‚Das Mädchen aus dem Song‘“, erklärte von Wedemeyer, die überrascht und erfreut war von der Publikumsresonanz.

Die Frage, was ein fehlender Zeh, ein Grab unterm Schneehaufen und ein in die Weser geratenes Motorrad mit einer Kleingartenkolonie zu tun haben, beantworteten derweil die beiden Kriminalschriftsteller Nané Lénard und Günter von Lonski im Lesecafé der Dewezet. „Es geht um das Grauen unterm Schnee“, verriet Nané Lénard, die ganz im Stil von Particia Highsmith‘ Tom Ripley ihre Heldin Else ungesühnt davonkommen ließ. „Der Schnee deckt alles zu, aber wenn er schmilzt, dann tritt das Grauen wieder zutage.“

Günter von Lonski stellte seinen neuen, mittlerweile vierten Wesemann-Krimi vor, der demnächst erscheinen wird. Spannend und wie immer mit einer reichlichen Prise Ironie versetzt, dringt von Lonski dabei ein ins Hamelner Kleingartenmilieu. Auch dort lauert das Grauen. Kein Wunder also, dass es dem „SpätLeseNacht“-Flaneur gruselte, als er dann durch die von allerlei düsteren mittelalterlichen Gestalten bevölkerten Gassen Richtung „Sumpfblume“ zum finalen großen Kabarettabend mit „Team und Struppi“ eilte.

Und das anspruchsvolle Wort-Kabarett lebt noch, ist nicht im Meer mainstreamiger Comedy-Blödeleien ertrunken. „Team & Struppi“ schaffen es, mehr als einhundert überwiegend jugendliche Besucher in der „Sumpfblume“ sowohl zum Lachen als auch zum Nachdenken zu bringen.

„Team & Struppi“ sind Jasper Diedrichsen und Moritz Neumeier, ein Schauspieler und ein Autor aus dem hohen Norden, ein Duo voller Wortgewalt, mit einer unüberhörbar anarchischen Ader. Wo ist die Grenze? Kurzes Nachdenken, dann eine eindeutige Antwort: „Die ist bei jedem von uns unterschiedlich, im Prinzip aber gilt Tucholsky, Satire darf alles, wenn es einen Sinn macht. Wir gehen mit unseren Themen dahin, wo´s wehtut“, stellt Neumeier klar.

Sie wollen Anstöße geben, ihr Publikum zu einem gemeinsamen Denkprozess motivieren. In langen, spontan wirkenden Dialogen dringen sie in die Abgründe unserer Gesellschaft ein, greifen sie die Aufreger der Zeit auf, sinnieren etwa die Folgen der Überqualifizierung, der Jobsuche und des Kampfes um Arbeitsplätze. Damit treffen sie den Nerv des Hamelner Publikums, das direkt reagiert und mit den beiden in Dialog tritt.

Nein, infantil ist das nicht, was die beiden abliefern. Sie machen bitterböses Kabarett, das einem mitunter im Halse stecken bleibt und sind gleichzeitig auf der Suche nach den Werten ihrer Generation. „Formal haben wir uns eindeutig positioniert. Keine Comedy, sondern Wortkabarett“, stellen beide unmissverständlich klar – und sind damit nicht nur auf einem steilen, von Preisen eingerahmten Weg nach oben, sondern schließen an die Großen des Genres wie Dieter Hildebrandt, Wolfgang Gruner, Hans Jürgen Diedrichs oder Werner Schneyder an.

Walter Hedemann bei seiner Lesung in der Hamelner Stadtbibliothek. eaw



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