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„Hippie sein hat nichts mit dem Alter zu tun“

Besucher im urigen Oldtimer

Hameln. Baujahr 1953, wuchtige gerundete Kotflügel, einen angeschweißten Bulliaufbau auf dem Dach und himmelblau lackiert. Peter Lustig hätte an diesem Fahrzeug sicher seine Freude gehabt. So urig eingerichtet ist selbst sein Wohnwagen aus der Fernsehserie „Löwenzahn“ nicht. Aber Löwenzahn als Blume passt schon. Denn inzwischen reif gewordene Blumenkinder – auch Hippies genannt – sind mit dem alten Gefährt – einem Mercedes L 3500 – auf Achse. In Hameln haben sie kurz auf dem Parkplatz des Südbades Station gemacht.

veröffentlicht am 02.04.2016 um 11:12 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:04 Uhr

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Frank Neitz

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Frank Neitz Reporter / Fotograf zur Autorenseite
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Johanna Schwanghart und Max Hirth sitzen in der gemütlichen Ecke ihres rustikal eingerichteten Wohnmobils – Bedlingtonterrier „Juckie“ liegt daneben. Frisurentechnisch liegen der wuschige Hund und sein Herrchen nicht weit auseinander – nicht nur aufgrund der grauen Farbe. „Das haben wir schon öfter gehört“, sagt der 62-Jährige und lacht.

Für Norddeutsche mag die Inneneinrichtung im historischen Fahrzeug das Flair einer urigen Almhütte haben. Dem widersprechen die Münchener sofort: „Almhütte? Nur weil wir Holz verarbeitet haben? Und mit Edelweiß können wir auch nicht dienen“, entgegnet der Bajuware. Wieder eine Blume. Auf den Fensterbänken im Wohnmobil stehen allerdings Kakteen. Zwei Miniaturöfen und eine Gasheizung sorgen im Wagen für wohlige Wärme. Das brauchen die Weltenbummler auch. Sie tingeln ausschließlich von November bis April durch die Gegend. Seit 28 Jahren. Den Sommer verbringen sie in der ungarischen Puszta.

„Einbeck hat uns besser gefallen“

Noch im alten Mercedes. Doch dessen Tage sind gezählt. Die Leute vom TÜV sind bei weitem nicht so ungezwungen wie die zwei Straßenmusiker. Beim letzten Prüftermin habe der Lkw die Plakette wohl schon eher aus Freundlichkeit bekommen, vermutet der Alt-Hippie. Er hat eine ganz besondere Verbindung zum Fahrzeug: Beide haben das gleiche Alter. „Im November 1953 sind wir praktisch beide geboren. Ich hoffe, dass wenn er den Geist aufgeben muss, ich dann nicht auch dran glauben muss. Uhren bleiben manchmal ja auch stehen, wenn jemand stirbt“, zeigt sich der Bayer ein wenig abergläubisch.

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  • Auf dem Dach des alten Mercedes thront der Aufbau eines VW-Bullis.

Noch haben sie ihr neues Zuhause – sprich Wohnmobil – nicht gefunden. „Wir haben welche angeschaut, aber die sehen alle so steril aus. Du musst alles rausschmeißen. Für was brauchen wir eine Duschkabine und solche Scherze. Wir waschen uns auch so dreimal am Tag, wie es uns die Großmutter beigebracht hat“, meinen sie.

Das musizierende Paar ist genügsam. Mit 270 Euro im Monat kämen sie gut aus, erzählen sie. Geld verdienen sie mit ihrer Straßenmusik. Mit Musik der 70er Jahre – Hippiemusik, aber auch Folksongs, Lieder von Bob Dylan, Joan Baez und John Denver. Mit Gitarre, Mundharmonika und Gesang. Sie spielen aber nicht im Duett. „Damit sind wir doch groß geworden – eine Musik, die Spaß macht, halt“, schwärmen Harth und seine 52-jährige Partnerin fast von vergangenen Zeiten.

Vor 20 Jahren hat das Paar schon einmal in Hameln Station gemacht – mit dem altehrwürdigen Mercedes. Am Vormittag hat sich Max in die Fußgängerzone gesetzt. Viel gesehen habe er von der Stadt aber nicht, sagt er. „Da waren Touristen-Trauben, das hat mich abgestoßen und daher habe ich noch nicht so genau hingeguckt“, will er vom Ambiente der Innenstadt nicht viel gesehen haben.

„In Einbeck hat es uns irgendwie besser gefallen. So schön da – wahnsinnig. Die Architektur mit den ganzen Farben und bemalten Schnitzereien. Das hat uns total an Indien erinnert“, schwärmen die Weitgereisten von der Bierstadt. In der kalten Jahreszeit reisen Schwanghart und Hirth lieber als im Sommer. „Im Winter ist es angenehmer und auch das Musikmachen ist einträchtiger. Die Menschen sind im Winter introvertierter“, haben die Straßenmusiker im Laufe der Jahre erfahren. „Im Sommer geht es so hektisch zu, da sind die Leute so unruhig“, meinen sie.

„Hippie sein hat nichts mit dem Alter zu tun. Man wird auch als Hippie alt“, stellt der 62-Jährige klar. Dass Deutschland mit Fahrzeugen wie ihrem Mercedes L 3500 einst Kurs auf das Wirtschaftswunder genommen hat, wird den beiden egal sein. Es scheint, als sei Geld nun wirklich nicht alles, um glücklich zu leben.

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