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… und ein Kunde in Brasilien

Beim Online-Geschäft mischen heimische Händler längst mit

Seit Jahren erklingt immer wieder dasselbe Lied: Der Online-Handel macht die lokalen Händler kaputt. Gut 11 Prozent Wachstum meldete der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel im vergangenen Jahr. Insgesamt bestellten die Verbraucher in Deutschland für 65,1 Milliarden Euro Waren im Internet. Wie soll der Handel vor Ort da noch mithalten? Doch „die Online-Händler“ und „der Handel vor Ort“ sind nicht unbedingt Gegensätze. Wir haben Hamelner Händler besucht, die selbst im Netz aktiv sind – in unterschiedlichen Stadien und mit unterschiedlichen Erfolgen.

veröffentlicht am 13.02.2019 um 16:21 Uhr
aktualisiert am 14.02.2019 um 10:50 Uhr

Experten in Sachen Ballsport: Robert Nitschke Versand sport-life.de. Foto: fh
Frank Henke

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Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite
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Wer sich bei E-Bay für Volley- oder Handball ausstatten möchte, hat gute Chancen, früher oder später in Hameln zu landen. „Sport-Life“ steht dann dort als Händler, mehr als 11 000 Bewertungen – über 98 Prozent davon positiv. Robert Nitschke (55) ist der Kopf des Sportartikelhandels mit Sitz an der Hamelner Reichardstraße. Die Anfangstage des Unternehmens liegen – wie die des World Wide Web – in den 1990ern. Heute ist der globale Online-Basar Ebay einer der vier Kanäle, auf denen der Volleyballer Nitschke und seine sechs Mitarbeiter Sportartikel an Mann, Frau und Vereine bringen.

Der eigene Internetauftritt – sport-life.de – samt eigener geschlossener Shops für Vereine und der Versandriese Amazon sorgen für Umsatz im Netz, im eigenen 200 Quadratmeter großen Laden an der Reichardstraße wird – ein vergleichsweise kleiner Posten – ganz klassisch analog verkauft: Schuhe, Bälle, Trikots, Knieschoner – was der Hallen- und Rasensportler halt so braucht. 18 000 Artikel seien vor Ort im Sortiment, für die Kunden können sogar bis zu 200 000 besorgt werden.

Nitschke kennt die Licht- und Schattenseiten des Onlinehandels: Preise, die den Einkaufspreis unterbieten, werden da in seiner Branche geboten. Der Kunde vergleicht und kauft online das Billigste – was sonst? „Feste Accounts, bei denen Leute bleiben, gibt’s nicht mehr.“ Es sei denn, es geht um den Giganten „Amazon“, der sei gewohnt mit seiner „vorgegaukelten Sicherheit“, wie Nitschke sagt, dort seien die Kunden nicht wegzubekommen.

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Die Seite der Buchhandlung Matthias nutzen vor allem Kunden, die ihre Bestellung im Laden abholen. Foto: dana

Am Anfang haben wir die Produkte noch selbst fotografiert und ins Netz gestellt.

Holger Wellner, wellner.modehaus.de

Wie sich also behaupten? Individualität sei ein Weg: Also bietet Sport Life aufgedruckte Namen und Nummern nicht nur auf Trikots, sondern zum Beispiel auch auf Schuhen oder auf Knieschonern für Volleyballer. Eigene Designs zum Thema Handball und Volleyball hat Sport Life ebenso im Angebot. Mit neu entdeckten Marken will er der großen Preisvergleichsmühle im Netz zuvorkommen. Nitschkes Fazit klingt zufrieden: „Klar, es könnte immer noch besser laufen, aber: Es läuft.“

Sven Kessels steht in Sachen E-Commerce erst am Anfang. Seit August läuft der Online-Shop für Weinstrecke im Hefehof – zunächst noch in der „Testphase“. Das Geschäft kommt allmählich in Gang: „Ich habe schon Wein nach Ostdeutschland verschickt und an einen See in Bayern“, berichtet der 49-Jährige. Weintrinker googelten bestimmte Weingüter. Der Händler, der sie im Sortiment hat, bekommt die Bestellung. Auf Sparflamme soll das Thema Onlinehandel jedoch nicht bleiben. „Ein bis zwei Arbeitsplätze zusätzlich“ würde dieses Geschäft bei Weinstrecke mittelfristig bedeuten. Das Online-Angebot läuft zweigeteilt: Die eine Abteilung zeigt den klassischen Ladenkunden, was gerade im Sortiment ist und in Hameln vor Ort gekauft werden kann, die andere bedient die Versandhandel-Kunden.

Auch der Online-Weinhandel wird von großen Platzhirschen dominiert. Zu punkten hofft Kessels nun unter anderem mit seinem Shop-Konzept: So ist es möglich, auf weinstrecke.de nach bestimmten Wein-Aromen zu suchen. Rotwein mit einer Note von grünem Paprika gefällig oder mit einem Hauch von Schokolade? Der Shop liefert Vorschläge.

Holger Wellner (45) indes ist nicht nur durch die Seite seines Hamelner Modehauses tief drin im Thema Onlinehandel. Er zählt zu den Mitbegründern von modehaus.de. „Digitalisierung für Modehäuser – gemeinsame Lösungen im Partnernetzwerk“, werden auf dieser Seite in großen Buchstaben versprochen. 35 Modehauslogos sind dort zu sehen. So werden etwa die Entwicklungskosten für die Online-Shops auf mehrere Schultern verteilt. „Gemeinsam bieten wir den großen Pureplayern die Stirn“, heißt es dort. „Pureplayer“, das sind die ausschließlichen Onlinehändler. So ein Pureplayer möchte Wellner mit seinem Hamelner Modehaus und weiteren Stores unter anderem in Berlin gar nicht sein. „E-Commerce ist nur ein Zusatz zum normalen Verkaufskanal“, sagt er. Und „normal“, das ist eben noch immer das Modehaus an der Ritterstraße. Seit 2012 verkauft Wellner auch im Internet. „Am Anfang haben wir die Produkte noch selbst fotografiert und ins Netz gestellt“, erzählt Wellner. „Aber wir haben dann sehr schnell gemerkt, wie aufwendig das ist.“ Nun liefern die Hersteller Bilder und Produktdaten für den Onlineshop gleich mit. Etwa die Hälfte des Wellner-Angebots sei so aktuell auf wellner.modehaus.de zu haben – „knapp unter 20 000 Artikeln“. Auch über Amazon verkauft Wellner, weitere Marktplätze sollen ausprobiert werden. Ein eigenes Online-Lager gibt es nicht. Die Mitarbeiter flitzen mit Pickzetteln durch das Modehaus und sammeln Online-Bestellungen ein. 15 bis 20 Prozent des Wellner-Umsatzes wird inzwischen im E-Commerce generiert.

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Onlinehandel boomt

Nach mehreren Jahren mit zweistelligen Wachstumsraten macht der Internet-Handel rund ein Siebtel des deutschen Einzelhandels aus. Klamotten, Elektro- und Computerartikel bleiben die Renner, Uhren und Schmuck, Tierbedarf und Blumen sind im Kommen. Mit einem Wachstum von 11,4 Prozent wurde 2018 das durchschnittliche Wachstum der drei Vorjahre noch übertroffen, teilte der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel kürzlich mit. Mit Dienstleistungen sowie klassischem Versandhandel lag das Umsatzvolumen bei 85,5 Milliarden Euro. Damit entfallen rund 14 Prozent des deutschen Einzelhandels auf den Versandhandel, so viel wie nie zuvor. In diesem Jahr erwartet der Verband abermals ein zweistelliges Wachstum und damit einen Online-Umsatz von rund 72 Milliarden Euro mit Waren. dpa

Gleichgültig sind Holger Wellner, zumal als Sprecher der Hamelner Einzelhändler, die Auswirkungen des großen Onlinegeschäfts auf den Handel vor Ort aber keineswegs. „Die Innenstädte leiden, weil die stationären Läden immer weniger werden.“ Das beträfe Hameln wie andere Städte, „da brauchen wir jetzt andere Konzepte“. Für die Händler ist eine Überlebensstrategie die digital-stationäre Zweigleisigkeit.

Auf diesem Pfad ist die Buchhandlung Matthias schon seit den 1990er Jahren unterwegs. Die Seite heißt bookies.deund ermöglicht den Kunden, direkt in den Beständen der Großhändler nach Titeln zu suchen. Das konnte am Anfang schon mal schiefgehen, wenn die Rechnung für die Lieferung in die Niederlande nie beglichen wurde, erinnert sich Geschäftsführer Stefan Matthias (48). Rund 90 Prozent der Kunden bestellten ihre Bücher aber ohnehin lieber zur Abholung in der Buchhandlung an der Bäckerstraße, als es vom Paketdienst an die Haustür bringen zu lassen. „Die Kunden möchten bei der Gelegenheit noch stöbern oder sich beraten lassen“, sagt Matthias. „Fachkompetenz und Beratung“, das seien eben die großen Pluspunkte des stationären Buchhandels gegenüber der Online-Konkurrenz. So kämen weiterhin „wesentlich mehr“ Kunden in die Buchhandlung spaziert als online orderten. Ein wichtiger Aspekt sei bookies.de dennoch, nicht zuletzt als Rechercheplattform.

Und zum ganz kleinen „Global Player“ macht es Matthias dann auch: „In Brasilien haben wir auch einen Kunden“, erzählt der Chef. Es handele sich allerdings um jemanden mit persönlichem Bezug zu Hameln.



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