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Expertenrunde sieht Chance im Kampf gegen Fachkräftemangel / Appell für höhere Strafabgabe der Betriebe

„Behinderte wollen Arbeit statt Mitleid“

Hameln. Er sieht sich selbst als „freies Radikal“, will die alten Systeme aufbrechen: Für Raúl Aguayo-Krauthausen, Autor und Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande, wird über „Inklusion“ zu viel diskutiert – darüber, ob es klappen kann, sagt er im Dewezet-Interview: „Dabei ist das doch nicht mehr die Frage, es geht um das Wie.“ Die Deutschen würden immer an erster Stelle die Probleme sehen, dabei bringe Inklusion nicht nur den Behinderten etwas, sondern auch den Nichtbehinderten.

veröffentlicht am 12.02.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:04 Uhr

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Kerstin Hasewinkel

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Kerstin Hasewinkel Stv. Redaktionsleiterin zur Autorenseite
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Dass gerade die Arbeitswelt viele Vorteile aus der Inklusion, hier: der gleichberechtigten Beschäftigung von Behinderten, ziehen kann, darüber waren sich die Teilnehmer der Podiumsdiskussion im Hause der Dewezet einig. Das Kuratorium zur Förderung der Inklusion hatte gemeinsam mit dem Arbeitgeberverband AdU die Diskussionsrunde organisiert – bedauert wurde, dass vor allem die der Einladung gefolgt waren, die sich ohnehin mit dem Thema beschäftigen. Eigentlich habe man die zeitgleich stattfindenden Gesundheitstage des Landkreises „kapern“ müssen, hieß es zu Beginn der Veranstaltung, die Constantin Grosch moderierte.

Krauthausen, der selbst im Rollstuhl sitzt, kann Beschwichtigungsversuche, die Umsetzung von Inklusion brauche Zeit, nicht mehr hören. Er wehrt sich dagegen, dass das Thema Behinderte zum „Charitythema“ werde – und sieht sich zu deutlichen Forderungen veranlasst: „Wir brauchen radikale Thesen.“ Dazu gehört für ihn auch die Forderung nach einer drastischen Erhöhung der Zwangsabgabe für Unternehmen, die keine Behinderten einstellen. Es sind vor allem Scheu und Unwissenheit, die Arbeitgeber davon abhalten, hatte Dr. Jörn Hülsemann, Fachanwalt für Arbeitsrecht und spezialisiert auf Fragen rund um das Thema Arbeitnehmer „mit und trotz Behinderung“, in seinem kurzen Referat eingangs deutlich gemacht. Es gelte, die eigenen Barrieren im Kopf zu überwinden. Hülsemann wandte sich gegen Begriffe wie „behindertengerecht“ und „leidensgerecht“: Zwar müssten einige zur Ausübung ihres Berufs eine „behinderungsgerechte“ Ausstattung des Arbeitsplatzes haben, aber das gelte eben nicht für alle und es gebe Fördermittel. Behinderte würden nicht automatisch leiden. „Behinderte wollen kein Mitleid, sie wollen Arbeit“, so Hülsemann. Wie genau ein Arbeitsplatz behinderungsgerecht gestaltet werden könne, darüber gebe es in einer Broschüre entsprechende Informationen und ausführliche Beispiele.

Der Fachanwalt gab einen weiteren Punkt zu bedenken: den vielfach dignostizierten Fachkräftemangel. Auch Gabriele Lösekrug-Möller, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, sieht hier „eine Ressource, vor der viele die Augen verschließen“. Obwohl ein Rückgang der allgemeinen Arbeitslosenzahlen zu verzeichnen sei, gelte dies nicht entsprechend bei den Behinderten. „Daran müssen wir arbeiten.“ Die Quote der Arbeitslosen mit Behinderung ist doppelt so hoch wie bei der übrigen Bevölkerung. Zwei Fünftel der schwerbehinderten Menschen sind 55 Jahre und älter und besitzen zahlreiche Qualifikationen.

Die heimische Bundestagsabgeordnete, die federführend das Bundesteilhabegesetz vorbereitet – das eine Vielzahl von Veränderungen und Verbesserungen im Sozialrecht für Menschen mit Behinderungen bringen soll – hält eine Erhöhung der „Strafabgabe“ für die Unternehmen für den falschen Weg. Sie möchte die Zahl der Beschäftigten unter den Behinderten „nicht durch Druck, sondern durch Einsicht“ der Arbeitgeber erhöhen. Das sei mühsam und koste Zeit.

Zeit, die Krauthausen nicht mehr länger verstreichen lassen will: „Den Satz hören Frauen auch seit hundert Jahren.“

Zustimmung erhielt Krauthausen in seiner Kritik an Vermögens- und Einkommensgrenzen für Behinderte: „Da brauchen wir andere Sichtweisen“, so die Abgeordnete. Außerdem hält sie es für unglücklich, dass Betroffene auf „eine Landschaft jeder Menge Zuständigkeiten“ treffen. Sei die Schwelle, den ersten Menschen mit Behinderung im Unternehmen zu beschäftigen, erst einmal überwunden, würden viele merken, dass es keine Probleme gibt und weitere Beschäftigte folgen. Die Deutschen, so die Sozialdemokraten, würden nun mal Kommoden mögen: „Je mehr Schubladen, desto besser…“ Bislang sei separiert worden – doch Inklusion meine das genaue Gegenteil.

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