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Bauern liefern Brot für die Stiftsherren

Das Kanonikerstift wirkte nicht nur im Geistigen und nach innen. Viele Menschen arbeiteten, um die Existenz des Stiftes zu ermöglichen, und gleichzeitig profitierten auch etliche von dieser Institution, denn sie bildete einen wichtigen Wirtschaftsfaktor. Es waren die Bauern, die mit ihren Erzeugnissen die Stiftsherren versorgten und den Bau des prächtigen Münsters ermöglichten.

veröffentlicht am 26.03.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 17:41 Uhr

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Autor:

Dr. Thomas Küntzel
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Klöster und Stifte waren im Mittelalter immer auch Großgrundbesitzer, denn sie benötigten umfangreiche Einkünfte, um die Mönche und Stiftsherren mit Lebensmitteln zu versorgen sowie den Bau der prächtigen Kirchen- und Klostergebäude zu finanzieren. In der Regel erhielten die Klöster ihren Besitz bei der Gründung durch ihren Stifter, im Fall des Hamelner Münsters also des Grafen Bernhard und seiner Frau Christina. Als Vorfahren der sächsischen Herzöge gehörten sie dem Hochadel an und waren sehr vermögend. Ihren Besitz übertrugen sie zu großen Teilen dem Kloster Fulda sowie der Kirche, die sie auf ihrem Hof in Hameln errichtet hatten. Als Gegenleistung verpflichteten sich die Mönche, jährlich Seelmessen für die Stifter zu lesen. Spätere Wohltäter taten es dem Gründerehepaar gleich. Sie übereigneten dem Stift weitere Ländereien, aus deren Überschüssen Gottesdienste, Altäre, Kerzen und andere Dinge bezahlt wurden, die im Zusammenhang mit den geistlichen Aufgaben des Stifts erforderlich waren. Um 1600 verfügte das Stift schließlich über Besitz in 111 Ortschaften, die sich etwa zu je einem Drittel im Hamelner Becken und um Süntel und Deister gruppieren. Weitere Besitzkonzentrationen befinden sich in den Tälern von Humme und Emmer sowie an der unteren Aller. Der Umfang der Ländereien wurde von Klaus Nass auf 250 bis 300 Hufen geschätzt, das sind etwa 750 bis 900 Morgen.

Wie erwähnt, ging der Grundbesitz des Stifterpaares zunächst an das Kloster Fulda. Hameln bildete jedoch in den ersten vier Jahrhunderten seiner Geschichte eine Filiale dieses bedeutenden Klosters und verwaltete dessen entlegene Außenposten im rauen Sachsen. Viele Klöster hatten im Mittelalter Probleme, ihre manchmal sehr weit entfernten Besitzungen unter Kontrolle zu behalten, denn die örtlichen Machthaber versuchten, die Güter in ihre Verfügungsgewalt zu bringen – ein Vorgang, der als „Entfremdung“ bezeichnet wird. Meist verkauften die Klöster diesen Besitz und erwarben dafür andere Ländereien in ihrer näheren Umgebung, die sie besser im Blick behalten konnten. Das Kloster Fulda schickte zudem Mönche in die Außenstellen, um dort die Seelsorge voranzubringen. Besonders im 9. Jahrhundert war das Hauptkloster Fulda so angesehen, dass es ein ziemliches Gedränge gab, so viele wollten dort Mönch werden! An Personal für eine Tochtergründung war jedenfalls kein Mangel.

Dem Umstand, dass das Stift Hameln die Schenkungen an das Kloster Fulda verwaltete, verdanken wir eine wichtige Quelle, denn in Fulda hat sich ein frühes Güterverzeichnis erhalten – ein sogenanntes Urbar. Es entstand in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts und zählt für Hameln vier Fronhöfe auf, die sieben „territoria“ bewirtschafteten. Die Höfe befanden sich in Hameln selbst, in Fischbeck und in der Wüstung Nienstedt sowie in Imelendorpe (einer Wüstung, später Kirchwahlingen).

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  • Grabungsfoto vom ECE-Gelände (Aufnahme: Joachim Schween; jetzt Museum Hameln) – Grabungen im Bereich eines Grubenhauses mit Handmühle aus Stein.
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Der Begriff „territorium“ ist umstritten. Die Hamelner Lokalforschung vermutete dahinter einzelne Fronhöfe, während Historiker sich darunter geschlossene, blockartige Ländereien vorstellen. Im Fall Hameln könnte sich hinter den beiden „territoria“ der Zehnthof und der Stiftshof (Schulzenhof?) verbergen. Der Zehnthof umfasste etwa sieben Hufen Land, ein im 13. Jahrhundert bezeugter Fronhof 10 Hufen – beides Werte, die auch für andere Fuldaer „territoria“ bezeugt sind. Das „normale“ Bauernland wurde damals kollektiv von der Dorfgemeinschaft bewirtschaftet. Die Bauern besaßen jeweils Anteile an den „Gewannen“, die gemeinsam zu einem bestimmten Termin „beackert“ wurden. Die einzelnen Anteile eines Bauern an den Gewannen ergaben zusammen eine „Hufe“, das heißt eine Hofeinheit von etwa 30 Morgen Land. Das Land der grundherrlichen Fronhöfe („Salhöfe“ oder „Vorwerke“) musste hingegen jeweils von einer bestimmten Anzahl höriger Bauern bewirtschaftet werden. Auch ihre Zahl nennt das Fuldaer Urbar. Dem Fronhof Hameln selbst sind 28 Hörige mit ihren Höfen zugeordnet, dem Haupthof Nienstedt 31 Hörige, Fischbeck 29 Hörige und Imelendorf 23 Hörige. Nach einem Verzeichnis des späteren 13. Jahrhunderts beziehungsweise des 14. Jahrhunderts ist die Zahl der Hörigen, die dem Hof in Hameln zugeordnet waren, auf 55 Bauern gestiegen. Demnach hatte sich der Besitz des Stifts erheblich vermehrt. Abgesehen von den Frondiensten mussten die Hörigen jährlich je ein Schwein und ein Schaf sowie größere Mengen Getreide abliefern, zum Teil aber auch schon Geldabgaben leisten. Weitere 50 Hörige waren verpflichtet, zusätzlich zu den Getreideabgaben und je einem Schaf eine gewisse Menge Leinentuch zu überbringen.

Zudem bezog das Stift Hameln Einkünfte von 60 Zinspflichtigen, drei Kirchen und sechs Mühlen. Die Zinspflichtigen unterstanden der Gerichtsbarkeit des Fronhofes in Hameln. Insgesamt beliefen sich die Einkünfte jährlich auf ungefähr 110 Schafe, 87 Schweine, 2150 Scheffel Weizen, 128 Scheffel Roggen, 4410 Himten Hafer, 774 Himten Malz, 5 Leinentücher, 24 Schilling und 2 Pfennig (ohne verschiedene sonstige Pachteinkünfte, etwa von Häusern in der Stadt). Davon hatte das Stift aber dem Kloster Fulda gewisse Abgaben weiterzureichen, das sogenannte „Servitium“ beziehungsweise zwei Servitien. Sie bestanden aus 11 Scheffel Mehl, zwei Schweinen, 12 Schafen, zwei Kühen, 64 Käsen (davon vier große), 160 Eiern, Honig, Hülsenfrüchte und Hirse sowie 40 Hühnern, außerdem Holz zum Brauen von sieben Fudern Bier (nach Konrad Lübeck 1939).

Aus dem 13. beziehungsweise 14. Jahrhundert hat sich ein Verzeichnis der Güter und Hörigen erhalten, das auch die einzelnen Orte auflistet, in welchen die Hörigen wohnten, die dem jeweiligen Fronhof zugeordnet waren. Sie wohnten demnach in Hilligsfeld, Öhrsen, Rohrsen, Afferde und Unsen sowie den später wüst gefallenen Orten Forste, Wedel, Honrode, Groningen, Pegessen (Pötzen?), Klein Afferde und Hartem. Die Orte liegen teilweise sechs bis sieben Kilometer vom Haupthof entfernt – diese Strecke mussten die Bauern also zurücklegen, um ihren Dienstverpflichtungen nachzukommen.

Die archäologischen Überreste des Dorfes Hameln konnten 2006 von Joachim Schween auf dem Gelände des ECE-Marktes archäologisch dokumentiert werden. Er konnte etwa sieben bis zehn sogenannte „Grubenhäuser“ nachweisen, die charakteristisch für früh- bis hochmittelalterliche Siedlungen sind. Sie dienten als Werkhäuser zum Weben, für Schmiede- und andere Arbeiten, wurden aber wohl auch als Lagerräume und Stall genutzt. Ihre Größe ist gering und liegt bei wenigen Metern im Quadrat. Sie waren bis zu einem Meter in den Boden eingetieft, was eine gleichmäßigere Klimatisierung des Raumes bewirkte, aber auch die Luftfeuchtigkeit erhöhte.

Dies war für das Weben mit Leinen vorteilhaft. Gewebt wurde am „stehenden“ Webstuhl, wie er seit der Jungsteinzeit üblich war. Die Kettfäden hängen dabei senkrecht hinunter und werden von Tongewichten straff gehalten. Einige dieser Gewichte konnten bei den Grabungen geborgen werden. Sie waren teilweise mit einem Schlüssel verziert worden, der als Stempel diente. Mit gläsernen Glättsteinen wurde das Tuch poliert.

Neben den Grubenhäusern existierten ebenerdige Pfostenbauten, die aber nur wenige Spuren hinterlassen haben, vielleicht auch schon erste Steinbauten: Ein späteres, turmartiges Gebäude überschnitt zwei ältere Steinfundamente, die aus dem 11. Jahrhundert stammen könnten. Die Forschung vermutete an der Stelle der heutigen Stadt-Gaerie den alten Haupthof des Münsters im Dorf Hameln, weshalb frühe Steinbauten nicht ganz überraschend wären.

Und das Münster? Auch hier haben sich unterirdische Reste aus dem 11. Jahrhundert erhalten. Im Mittelteil der Krypta sind beiderseits je drei Bögen zu erkennen, die von Wandpfeilern mit schlichtem Kapitell getragen werden.

Sie gehören zu der Vorgängerkrypta, die um die Mitte des 11. Jahrhunderts errichtet wurde. Ihr Fußboden lag etwa einen halben Meter höher als der heutige Fußboden, und das Gewölbe war deutlich niedriger – etwa so hoch wie das der Vorkrypta. Die Krypta trug den Altarraum, der damals offenbar nicht ganz so hoch aufragte wie das romanisch-frühgotische Sanktuarium: Der Fußboden des Chores lag damals etwa zwei Meter niedriger als heute.

Zwölf Monate – zwölf Jahrhunderte: Anlässlich des Jubiläums 1200 Jahre Hamelner Münster blicken wir in jedem Monat auf ein anderes Jahrhundert – heute auf das elfte. Da die meisten Quellen aus dieser Zeit 1209 beim Brand des Münsters vernichtet worden sind, ist die Spurensuche hier besonders schwierig. Wie sah der graue Alltag rings um das Münster aus? Dieser Frage gehen wir heute nach.

Rekonstruktion eines Grubenhauses mit Webstuhl. Die Rückwand wurde weggelassen, um in das Grubenhaus blicken zu können.

Zeichnung: Küntzel

Webgewicht von der ECE-Grabung, verziert mit einem frühmittelalterlichen Steckschlüssel.



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