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Hamelnerin erlebt Odyssee auf der Suche einem Augenarzt

Bagatelle oder Notfall?

Eine Hamelnerin erlebte auf der Suche nach einem Augenarzt eine wahre Odyssee. Nach ihrer Beschreibung hatte nicht einmal ein Arzt im hannoverschen Nordstadtkrankenhaus Zeit für sie. Die Patientin fuhr mit ihrer Hornhautverletzung - die einen Tag später festgestellt wurde - wieder nach Hause.

veröffentlicht am 12.09.2018 um 13:33 Uhr
aktualisiert am 12.09.2018 um 22:00 Uhr

Die Suche nach einem Augenarzt war für eine Hamelnerin eine wahre Odyssee. Foto: dpa/Karolin Krämer
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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HAMELN. Wann ist eine Augenverletzung ein Notfall und wann eine Bagatelle? Mit Letzterer sollen Patienten nicht in die Notaufnahme kommen, wie Mark Barjenbruch, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung in Niedersachsen, jüngst betonte. Mit einer Gebühr von 50 Euro pro Patient ließe sich der Run auf die Notaufnahme stoppen, so seine Vorstellung.

Doch was ist, wenn man vor Ort keinen Augenarzt findet, der über Bagatelle oder Notfall entscheidet? Hamelnern bleibt dann nur der Weg ins hannoversche Nordstadtkrankenhaus. Dorthin fuhr Sylvia Sommer, weil an einem Donnerstagnachmittag im Juni kein Augenarzt erreichbar gewesen sei. Beim ersten habe keiner abgenommen, der Zweite war im Urlaub, beim Dritten sprang nur der Anrufbeantworter an, erzählt der Vater. „Die Ferienzeit ist ein Problem“, bestätigt der Hamelner Retinologe Dr. Claus-Dieter Gleitz, der in dieser Zeit als einziger eine durchgängige Praxis anbiete. Das Telefon sei dann regelmäßig überlastet.

Also begleitet Werner Sommer seine Tochter nach Hannover. Den Rat erhalten sie vom Rettungsdienst, den sie in ihrer Not anrufen. Doch ein Facharzt, der Zeit für Sylvias Auge hat, findet sich auch dort nicht. Die Chipkarte wird in der Klinik nach Angaben des Vaters dennoch durchgezogen. Danach seien sie abgewiesen worden mit dem Hinweis auf Unterbesetzung. Darf das sein?

Nein. Zumindest, wenn es sich so zugetragen hat, wie geschildert. Auf Nachfrage erklärt dagegen die Klinik: „Für den konkreten Fall liegt uns keine Dokumentation vor. Das nehmen wir zum Anlass, unsere internen Prozesse zu überprüfen.“ Grundsätzlich nehme das geschulte Personal die Ersteinschätzung vor, erklärt ein Sprecher. Die Rahmenbedingungen einer Aufnahme würden abgeklärt, über Wartezeit gesprochen. Entscheiden könne der Patient selbst, ob er bleiben will.

Möglicherweise wäre die 42-Jährige geblieben, eine Entscheidung hätte sie aber nicht treffen können. Mehr als das Personal hätten sie nicht zu sehen bekommen, erklären die Sommers. Nicht einmal die Frage nach einer niedergelassenen Augenärztin führte zum Erfolg: In der angegebenen Praxis in Pattensen öffnete niemand – die Ärztin war wohl aufgrund einer Erkrankung nur bedingt arbeitsfähig. Wieder in Hameln, versuchte es die Patientin beim Hausarzt. Dort habe sie die Bestätigung bekommen, dass das Auge behandelt werden müsse.

Dr. Claus-Dieter Gleitz ist der Behandlungsablauf ein Rätsel. Hundertprozentig könne man beim Auge von außen betrachtet nie sagen, was passiert ist, ein Arzt hätte es in der Klinik in jedem Fall anschauen müssen.

Der Facharzt mahnt zugleich, bei Verletzungen der Hornhaut die Ruhe zu bewahren. Bei 99 Prozent derartiger Verletzungen handele es sich um Abschürfungen, die von selbst verheilen. Weil ein sensibler Nerv involviert ist, tue die Verletzung oft sehr weh und werde als Notfall empfunden. Allerdings würden selbst große Abschürfungen in der Regel gut heilen.

Wichtig sei in jedem Fall die Kommunikation mit dem Patienten. Die scheint im Nordstadtkrankenhaus nicht funktioniert zu haben.

In einem Fall, wie dem von Sylvia Sommer rät Gleitz: In der Augenarztpraxis direkt vorbeifahren, wenn man telefonisch nicht durchkommt, ein Notfall werde dort ohne Termin behandelt. Schwieriger ist es am Wochenende oder feiertags. Einen augenärztlichen Notdienst gibt es in Hameln schon seit Jahren nicht mehr. Seit die Kassenärztliche Vereinigung die Notdienst-Bezirke neu geregelt hat, müssen Patienten bis nach Hannover fahren. „Eine Rundherum-Versorgung wird es nicht mehr geben“, sagt Gleitz, „das ist nicht mehr leistbar.“

Sylvias Auge ist inzwischen wieder okay. Der Augenarzt habe einen Riss in der Hornhaut diagnostiziert, sagt der Vater. Die Frage, ab wann man nun eigentlich ein Notfall ist, treibt Werner Sommer weiterhin um. Und auch die Frage, ob man nicht doch irgendwann 50 Euro für die Aufnahme in der Notaufnahme zahlen muss. Für seine Tochter Sylvia wäre das schlimm: Als Frührentnerin hat sie nur wenig Geld zu Verfügung. Werner Sommer hat deshalb einen Brief an Mark Barjenbruch, geschrieben.

Information

In der Telefonschleife beim Facharzt

Bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KVN) ist bekannt, dass die telefonische Erreichbarkeit von Fachpraxen oft „nicht optimal“ ist, sagt ein Sprecher. In einer Praxis beträgt die Wartezeit in der Telefonschleife einer Hamelner Praxis satte 20 Minuten, bevor wir auflegen. In einer anderen (im Nachbarlandkreis) heißt es, nachmittags gehe man grundsätzlich nicht mehr ans Telefon. Die KVN könne den Praxen diesbezüglich nur Tipps geben, wie zum Beispiel über das Telefonsystem wichtige Gespräche zu priorisieren, eine gesetzliche Vorgabe, wie der Telefondienst zu gestalten ist, gibt es nicht. Dass der Andrang so groß ist – auch wenn es um die Wartezeiten für Termine geht – hat mehrere Gründe:

  • Die veränderte Altersstruktur mit zum Teil aufwendigen Therapien, wie zum Beispiel bei der Makuladegeneration.
  • Enorm verbreiterte Diagnose- und Therapiemöglichkeiten
  • Verändertes Anspruchsdenken der Patienten.
  • Nach Angaben der KVN sind die Arzt-Patienten-Kontakte in der Augenheilkunde um 10 Prozent gestiegen.


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