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Nachhilfelehrer verzweifelt gesucht

Bäcker greift zu ungewöhnlicher Maßnahme, um Azubi zu helfen

HAMELN. Hört Integration für die Behörden da auf, wo ein Geflüchteter einen Ausbildungsplatz erhalten hat? Diese Vermutung legen die Erfahrungen von Bäckermeister Thomas Wegener nahe. Um seinem jezidischen Auszubildenden eine Lernhilfe zu besorgen, lief er von „Pontius zu Pilatus“ - ohne Erfolg. Erst eine Anzeige in der Zeitung brachte die ersehnte Hilfe.

veröffentlicht am 08.10.2018 um 17:22 Uhr
aktualisiert am 08.10.2018 um 21:50 Uhr

Adnan Shivan Sharo ist talentiert. Im Irak hat er in einer Bäckerei gearbeitet. Für eine Lehre braucht er dringend Sprachunterricht. Foto: doro
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Geschickt fängt Adnan Shivan Sharo den Teigballen auf, den ihm ein Kollege zuwirft und fängt an zu kneten. Aus den sogenannten „Pressen“ werden später Berliner. Adnan ist Arbeit gewohnt, im Irak hat er sieben Tage die Woche in einer Bäckerei gestanden, nur alle zwei bis drei Monate hatte er frei. In der Bäckerei Wegener ist das anders, wie so vieles. Besonders macht ihm zu schaffen, dass er noch nicht gut genug Deutsch spricht und seine Mathematikkenntnisse für Tests nicht ausreichen, denn der 31-Jährige hat eine Lehre begonnen und muss auch zur Schule.


Sein Arbeitgeber, Bäckermeister Thomas Wegener, ist, verkürzt gesagt, von Hinz zu Kunz gelaufen, um ausbildungsbegleitend Hilfe für Adnan zu organisieren. „Das war mir sehr wichtig, denn ich wusste, im August beginnt die Schule, und Adnan wird dort nur Bahnhof verstehen.“ Ein Anliegen war ihm nämlich auch, den 31-jährigen nicht einfach als ungelernte Hilfe anzustellen, sondern den talentierten Jeziden noch mal in die Lehre zu schicken. Und dazu gehören eben auch zwei Tage in der Elisabeth-Selbert-Schule. Dass Adnan auch in Mathe noch Schwierigkeiten hat, liegt daran, dass er nur drei Jahre zur Schule gegangen ist. „Rechnen kann er aber sehr gut“, sagt Wegener, „außerdem ist er kräftig, sieht die Arbeit und hat eine starke Persönlichkeit“, zählt der Bäckermeister weiter auf.

Also fragte Wegener beim Migrationscenter der Stadt (beheimatet im FiZ) nach, bei der Ausländerbehörde des Landkreises, bei der Arbeitsagentur und beim Jobcenter. Immer wieder telefonierte er, fast lästig sei er geworden. „Die Bereitschaft war wohl da, aber das Ergebnis war gleich null“, sagt er über die Behörden. Beim FiZ habe er die Nummer eines Arbeitskreises bekommen und die Zusage, dass man in Kontakt bleiben wolle. Das war Ende Juli.

Am Ende ergriff er selbst die Initiative und gab eine Anzeige in der Dewezet auf, in der er einen arabisch sprechenden Nachhilfelehrer für seinen Azubi suchte. Eine ungewöhnliche Maßnahme für einen Arbeitgeber, doch das Ergebnis habe ihn versöhnt. „Es haben sich einige gemeldet“, sagt er, unter anderem ein Lehrer, der Arabisch spricht.

Dass Integration quasi aufhöre, wenn ein Geflüchteter einen Ausbildungsplatz gefunden hat, findet Thomas Wegener dennoch suboptimal. „Das ist nicht bis zu Ende gedacht.“ Bei alledem ist der Unternehmer keineswegs weltfremd: Die Erfahrung, dass die Anstellung eines Asylsuchenden oder eines anerkannten Flüchtlings Mehrarbeit mit sich bringt, hat er bereits gemacht, als er einen jungen Mann aus Afghanistan mit unsicherem Aufenthaltsstatus als Azubi einstellte. Dieser hat seine Lehre inzwischen erfolgreich abgeschlossen und eine Stelle in Hannover gefunden.

Das Problem ist, dass es keinen Entscheidungsträger bis hin zum letzten Schritt gibt.

Thomas Wegener, Unternehmer

Der Bäckermeister gibt Geflüchteten bewusst eine Chance, um seinen Teil zur Integration beizutragen. Bereits vor drei Jahren, als die Geflüchteten in der Linsingen-Kaserne wurzellos ihre Tage verbrachten, hat er Praktika angeboten und mit den Kindern Weihnachtskekse auf Tischtennisplatten ausgestochen. Auch der Kontakt mit Adnan kam auf diese Weise zustande.

Was Wegener stört, ist die Tatsache, dass es auch drei Jahre nach der Flüchtlingswelle kein Netzwerk gibt, dass Arbeitgebern effektiv hilft. „Die Behörden schicken Formulare an die Leute, obwohl sie wissen, dass diese sie nicht verstehen“, sagt er. Und nicht nur die. Mit insgesamt vier Leuten, Adnan, Wegeners Bürokraft, dem türkischen Angestellten, der Brot für Wegener ausliefert und ihm selbst, hätten sie versucht, eine Angelegenheit schriftlich mit dem Jobcenter zu klären. Für Nicht-Arbeitslose keine einfache Angelegenheit, konstatiert der Unternehmer. Ganz einfach ist auch nicht, dass sein Betrieb die Nachhilfe und den Dolmetscher zahlt und er viel Zeit investiert.

Was er erwartet? Optimal wäre es, wenn es einen Ansprechpartner gebe, der den Vorgang bis zum Ende begleitet, wenn die Behörden übergreifender arbeiten würden oder wenn es einen Pool von Mitarbeitern gebe, auf den Arbeitnehmer zugreifen könnten. „Das würde sehr helfen.“ Als Beispiel für wünschenswerte schlankere Lösungennennt er das Thema Ausbildungsbeihilfen. Weil Adnan mit 31 Jahren zu alt für diese Art finanzieller Förderung ist, müssen andere Möglichkeiten geprüft werden, denn allzu weit kommt der Azubi mit dem Ausbildungsgehalt von 550 Euro brutto im ersten Lehrjahr nicht. Doch der Prozess zieht sich auch hier. „Das Problem ist, dass es keinen Entscheidungsträger bis hin zum letzten Schritt gibt“, sagt Wegener.

Der Unternehmer schließt in seinen Wunsch nach besserer Begleitung der Geflüchteten in der Ausbildung das Jobcenter und die Arbeitsagentur, die entsprechenden Abteilungen des Landkreises und der Stadt Hameln mit ein.

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Thomas Wegener, Unternehmer

Das Problem ist, dass es keinen Entscheidungsträger bis hin zum letzten Schritt gibt.



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