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Sie sind beliebt, doch der Anteil der Männer steigt trotz Wertewandels nur langsam

Avantgardisten in der Kita

Hameln. Trotz vieler neuer Einsichten sind Männer in Kitas immer noch etwas Besonderes. Ihre Zahl wächst, allerdings nur sehr langsam. Dabei werden sie von den meisten im weiblich dominierten Kita-Betrieb als wohltuend anders empfunden, auch die Vorbildfunktion spielt eine Rolle.

veröffentlicht am 25.02.2016 um 14:57 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:04 Uhr

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Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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„Warum räumst Du den Geschirrspüler aus?“ Alexander Groß, Leiter der Eugen-Reintjes-Kita in der Hamelner Altstadt, liebt solche Fragen. Er stellt sich dann vor, dass die Kita-Kinder mit seiner Antwort Diskussionsstoff nach Hause bringen. Keine Frage: Die Väterrolle ist im Wandel, und Groß macht es Freude an den Stellschrauben zu drehen. Die Möglichkeit, den gesellschaftlichen Prozess mitzugestalten, ist einer der Gründe, weshalb der Diplom-Sozialpädagoge nach langen Jahren in der Jugendhilfe heute in einer Kindertagesstätte arbeitet.

Trotz vieler neuer Einsichten sind Männer in Kitas immer noch etwas Besonderes. Ihre Zahl wächst, allerdings nur sehr langsam. Dabei werden sie von den meisten im weiblich dominierten Kita-Betrieb als wohltuend anders empfunden, auch die (zu Hause häufig fehlende) Vorbildfunktion spielt eine Rolle. Andererseits werden sie nicht selten kritisch beäugt, bis hin zum Verdacht der Pädophilie. Gerne wird ihnen unterstellt, dass sie wohl etwas zu kompensieren hätten. Männer in Kitas müssen sich immer noch erklären und gewappnet sein für dumme Sprüche.

Die Erfahrungen, die Alexander Groß und Konstantin Mende gemacht haben, sind allerdings durchweg positiv. „Vielleicht liegt es daran, dass ich aus einem ganz anderen Bereich komme“, mutmaßt Mende, der bei den „Altstadtmäusen“ um die Ecke arbeitet. Gelernt hat der 32-Jährige Feinmechaniker. Ihm sei aber schnell klar gewesen, dass das nichts für den Rest des Lebens sei, doch vieles aus seinem Lehrberuf kann er in der Kita einbringen. Ausschlaggebend für den Erzieherberuf waren Erfahrungen, die er als Jugendlicher gesammelt hat: Die Jugendarbeit beim Technischen Hilfswerk und ein Praktikum in der Kita.

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  • lexander Groß bastelt mit den Kindern für Ostern. Foto: fn

Der Stellenwert solcher Praktika sei immens bei der Gewinnung von Männern für den Job, bestätigt Margareta Seibert, regionale Koordinatorin des bundesweiten Projekts „Mehr Männer in Kitas“ im Landkreis-Hameln-Pyrmont, Rinteln und Auetal. Von 2010 bis 2013 hat man sich hier mit dem Thema auseinandergesetzt, der Lohn: 10 Prozent mehr Männer in Kitas . Besonders positiv habe sich ausgewirkt, wenn Jungen bei einem Praktikum auf Erzieher trafen, sagt Seibert. Die Abbrecherquote sei eindeutig höher, wenn männliche Praktikanten nur Frauen als Ansprechpartner hätten. Waren Bewerbungen von Männern früher selten, hätten sie jetzt einen Anteil von 20 bis 30 Prozent. Und die haben gute Chancen.

„Männer sind für den Arbeitgeber interessant, weil sie glauben, der ist dann für die Jungen da, auch wenn das Quatsch ist“, sagt Konstantin Mende. Sein Kollege Groß bestätigt: „Wenn eine Bewerbung von einem Mann auf dem Schreibtisch liegt, wird die garantiert angeguckt“. Groß warnt jedoch davor, Männer in Kitas mit einem Sonderstatus zu versehen und auch, sie von einem Klischee ins nächste zu drängen: „Männer sollten nicht nur, „Jungs-Sachen“ anbieten. Zu erklären, welche Rolle ein Mann in der Kita einnehmen sollte, ist nicht ganz einfach. Idealerweise soll er männliche Aspekte einbringen, gleichzeitig aber tradierte, also althergebrachte Rollenmuster aufbrechen und ein gleichberechtigtes Miteinander vorleben. Das sei oft eine Gratwanderung, sagt Groß. Vieles mache er aus dem Bauch. Er ermutigt die Mädchen einen Hammer in die Hand zu nehmen und den kleinen türkischen Pascha, das Prinzessinnenkleid anzuziehen, das ihm so gut gefällt. Allerdings sei es schon typischerweise er als Mann, der tobe oder sage „Du schaffst das“, wenn ein Kind vor einem Baum steht und überlegt, ob es das Risiko des Hinunterfallens auf sich nehmen soll. Eine Eigenschaft, die ihn bei Kindern ziemlich beliebt macht.

In ihrem privaten Umfeld hatten weder Konstantin Mende noch Alexander Groß negative Reaktionen auf ihren Beruf.

Auch die Sache mit dem Generalverdacht der Pädophilie ist beiden fremd. Was Große aus der Jugendhilfe mitgenommen hat, ist eine gewisse Vorsicht. „Natürlich kommt es vor, dass Jugendliche versuchen zu manipulieren und auch nicht davor zurückschrecken, dem Pädagogen etwas anzuhängen.“ Die Gefahr sei in der Kita eher gering, meint er. Die ganz Kleinen in der Krippe wickeln möchte er dennoch lieber nicht – nicht weil er Bedenken hätte, sondern weil er Unterstellungen vermeiden möchte. Groß ist sicher, dass sein Job auch von anderen geschätzt wird. Mehr noch: Ich glaube, dass viele neidisch sind auf meine abwechslungsreiche Arbeit, da gibt es allgemein so eine Sehnsucht nach Gestaltungsmöglichkeiten bei Männern.“

Studien zur Familienforschung untermauern, dass sich die Wertehaltung bei Männern ändert, sie sich zunehmend nicht nur als Ernährer, sondern auch als Erzieher sehen. Eine Veränderung, die die beiden Kita-Männer auch in der Praxis beobachten. „Die Eltern sind sehr interessiert an der Arbeit in der Kita und zwar beide“, sagt Groß.

Es bewegt sich also was. Vieles aber scheinbar erst in den Köpfen. Fakt ist immer noch: Männer in Kitas haben nur einen Anteil von 3,4 Prozent. Fakt ist auch, dass Elternwerden nach wie vor zu einer traditionellen Rollenstruktur innerhalb der Familie führt – trotz veränderter Einstellungen. Oft hat es damit zu tun, dass es für die Familie mehr finanzielle Nachteile hat, wenn der Mann zeitweilig aufhört zu arbeiten. Auch in diesem Punkt ist Alexander Groß „Avantgardist“: Seine Frau verdient mehr als er – obwohl er Leiter der Kita und diplomierter Sozialpädagoge ist. Und hier liegt sicher einer der Hauptgründe für die zäh ansteigenden Zahlen von Männern in Kitas: die schlechte Bezahlung. Besonders in ländlichen Gebieten. Die Kollegen in Hannover, die ein anderes Budget zur Verfügung hätten und nach Tarif bezahlt würden, bekämen mehr, weil die Gewerkschaft dort Druck mache.

Eine Aufwertung des Berufs, wozu eben auch mehr Vollzeitstellen und eine bessere Bezahlung gehören, würde sicherlich mehr Männer ansprechen glauben Mende und Groß.

Fakten: Langsam gegen den Strom

Die Kitas, die am Programm „Mehr Männer in Kitas“ teilgenommen haben, konnten im Zeitraum in drei Jahren die Anzahl männlicher Fachkräfte von 284 auf 423 steigern. Das entspricht einer Steigerungsrate von knapp 50 Prozent. Die Zahl des bundesweiten Männeranteils in Kitas ist mit 4,1 Prozent im Jahre 2013 weiterhin verhältnismäßig niedrig. Dennoch hat sich etwas getan: Während im Jahr 2009 laut Bundesamt für Statistik insgesamt 10.745 männliche Fachkräfte, Praktikanten, Zivil- und Freiwilligendienstler sowie ABM-Kräfte in Kitas (reine Schulhorte ausgenommen) beschäftigt waren, konnte die absolute Zahl der Männer im Jahr 2013 auf insgesamt 19.055 gesteigert werden. Dies entspricht einer Steigerung von über 77 Prozent.



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