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Mittelalterleben bei „Mystica Hamelon“

Authentisch bis zum Loch im Strumpf

Hameln. Es ist das Fest der imposanten und schweren Verkleidungen: der Ritterrüstungen, der prächtigen Gewänder, der historischen Arbeitsmonturen. Das Wetter dazu verlangt eigentlich nach deutlich leichterer Kluft. Doch gerade beides zusammen – liebevoll inszenierte Mittelalter-Mystik und plötzlicher Frühlingsbeginn – ließen die Innenstadt besonders am gestrigen verkaufsoffenen Sonntag aus allen Nähten platzen. „Mystica Hamelon“ lockte die Massen – und das nicht nur aus „Hamelon“.

veröffentlicht am 10.03.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 22:21 Uhr

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Frank Neitz

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Frank Neitz Reporter / Fotograf zur Autorenseite
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Pling – pling – pling. Unter die Sackpfeifentöne und dumpfen Trommelschläge der Gruppe „Comes Vagantes“ mischt sich ein monotones, hell klingendes Geräusch. Immer wieder: „Pling – pling – pling.“ Im Schatten der Münsterkirche schlägt ein breitschultriger Hüne kraftvoll auf ein Stück rot glühendes Stück Eisen ein. Funken fliegen. Es riecht nach verbrannter Kohle.

Unter einer zu einem Dach gespannten Plane steht ein langes altertümliches Fuhrwerk mit riesigem ledernen Blasebalg und Feuerstelle. Ringsum liegen Hämmer, Zangen, hölzerne Eimer. Rückseitig hängt ein karg eingerichtetes Zelt an geschälten Baumstämmen herab – vorne ein eiserner Kochtopf über einer Feuerstelle. So muss es ausgesehen haben, wenn fahrende Händler und Handwerker vor Hunderten von Jahren in die Städte zogen. Das hier ist gefühltes Mittelalter.

Für drei Tage „Mystica Hamelon“ ist es der schmutzige Arbeitsplatz und gleichfalls die spartanische Behausung von Sandro Dorsts Familie und seinem Gesellen Ronny. Dorst ist Schmied – ein Kunstschmied. Eine verblüffende Ähnlichkeit hat der 1,82 Meter große und über 90 Kilogramm schwere Vollbartträger mit dem einst von Raimund Harmstorf gespielten „Seewolf“. Ein Schaffell bedeckt seine Schultern. Tunika und Schlabberhose, die er trägt, sind aus Leinen – die lange Schürze aus schwerem Leder. Seine großen Holzschuhe haben einen Ziegenfellbesatz und die dicken Wollsocken darunter große Löcher. Authentischer geht es wohl nicht.

3 Bilder

Seit 1996 macht sich der Mann aus Sonneberg in Thüringen zehn bis zwölf Mal im Jahr mit seiner mobilen Schmiede auf, um bei Mittelaltermärkten oder Burgfesten sein altes Handwerk zu präsentieren. Und natürlich, um die aufwendig künstlerisch geschmiedeten Produkte zu verkaufen. Er verlege sein Handwerk in die Öffentlichkeit. „Ich versuche den Leuten authentisch rüberzubringen, wie das damals gewesen sein könnte.“ Denn: „Wo gibt es das noch, dass man dabei zuschauen kann? Früher gab es in jedem Dorf eine Schmiede“, sagt der 47-Jährige.

Die Wagenschmiede hat Dorst selbst nach historischen Vorbildern aus dem Hochmittelalter bis hin in die napoleonische Zeit gebaut, mit alten Materialien. „Das ist in der Form ziemlich selten. Ich habe noch keine andere gesehen“, erklärt Dorst in seinem oberfränkischen Dialekt. Die Schmiede ist zum ersten Mal in Hameln. Premiere hat auch Dorsts Tochter Thara Alesia. Das Baby, das im Tragetuch von Monika Dorst schlummert, ist gerade ein viertel Jahr alt. Das Wohl des Kindes ist der Grund, warum Monika Dorst nicht mit ihrem Mann im aufgebauten Meisterzelt nächtigt. Frau und Baby schlafen in einer Pension. Gesellen wie Ronny schlagen ihr Nachtlager hingegen im Freien auf. „Da schläft es sich genauso wie drinnen“, meint der Gehilfe.

Während Dorsts vom Ruß schwarz gefärbte Pranken einen mit Bier gefüllten Steinkrug umgreifen, erzählt der Schmied, wie er im letzten Jahr auf einem Markt Nächte bei acht Grad Minus in einer Hängematte verbrachte. „Unten Fell und oben Fell. Das geht schon“, meint er. Lagerfeuerromantik, bei Musik ein wenig mit anderen Beschickern schwätzen komme eher seltener vor. „Aber das ist total schön.“ Doch nicht bei allen Anbietern sei die Mittelalter-Authentizität so ausgeprägt. „Die wollen nur Geld verdienen“, meint der Handwerker.

Das muss er allerdings auch mit seinen handgefertigten Korkenziehern, Amuletten oder mit der in zehn Arbeitsstunden geschmiedeten Rose für 483 Euro. Wenn in Hameln nicht viel über den rustikal gehaltenen Ladentisch geht? Da wird der mittelalterlich gekleidete Hüne dann doch ganz modern: Er setzt auf seine „lebendige Homepage“, die er hier am Münster so stilvoll aufgebaut hat – und hofft, anschließend Aufträge im Internet einzusammeln.

Mehr Bilder von „Mystica Hamelon“ auf dewezet.de!

Oben: Schmied Sandro Dorst (re.) und Geselle Ronny bei der mittelalterlichen Arbeit. Links: Ansturm auf „Mystica“ und verkaufsoffenen Sonntag.fn/Dana



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