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Schon immer ein Teil von Hameln

Ausstellung im Münster richtet Blick auf jüdische Geschichte der Stadt

HAMELN. „Ich will nicht, dass Juden immer nur als Opfer dargestellt werden“, sagt Historiker Bernhard Gelderblom. Er hat nun eine große Ausstellung gestaltet: „800 Jahre jüdisches Leben in Hameln“, lautet ihr Titel. Vom 2. November an ist sie im Münster zu sehen.

veröffentlicht am 25.10.2021 um 08:00 Uhr
aktualisiert am 09.11.2021 um 09:14 Uhr

Frank Henke

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Reporter zur Autorenseite

In Hameln leben Menschen jüdischen Glaubens seit dem 13. Jahrhundert, seit fast 800 Jahren also. „Ab Stadtgründung“, sagt Gelderblom. Der älteste Beleg für Juden in der um 1200 gegründeten Stadt stammt aus dem Jahr 1277. Ein vielfältiges Geflecht von Beziehungen zwischen Juden und Christen habe sich über die Jahrhunderte entwickelt. Gelderblom spricht von langen Phasen „geglückter Normalität“.

800 Jahre aufzubereiten, verlangt einiges an Platz. Münster-Pastor Markus Lesinksi gab den Anstoß, das Themenjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ lieferte den Anlass. Die 25 Tafeln werden jetzt in der Kirche platziert und können dort vom 2. November an täglich besichtigt werden.

Dabei ist auf den Tafeln nicht nur Kirchenfreundliches zu lesen: Die historische Judenfeindschaft der evangelischen Kirche wird deutlich thematisiert. Vor allem aber bekommt das jüdische Leben in Gelderbloms Ausstellung Gesichter: Natürlich taucht Glückel Hameln auf, ihre Memoiren aus dem 17. Jahrhundert als „die erste erhaltene Autobiografie einer emanzipierten Frau und eine wertvolle Quelle zur Erforschung der jüdischen Geschichte und Kultur“, wie es im Ausstellungstext heißt. Aber auch etwa vom Lehrer und Kantor Josua Leszynsk wird aus dem 19. Jahrhundert berichtet. Von jüdischen Freiwilligen im Ersten Weltkrieg, vom Musikalienhändler Oppenheimer.

Die Einweihung der neuen Synagoge an selber Stelle fand im Februar 2011 bundesweit Beachtung. Foto: Archiv/dpa

Dann der brutale Bruch: Von anfänglicher „Ungläubigkeit“ gerade älterer Jüdinnen und Juden angesichts dessen, was die Nationalsozialisten da androhten, spricht Gelderblom. Wie sollte ein langes Miteinander so enden? Doch es endete: Am 9. November 1938 setzten SA-Männer, unterstützt von der Feuerwehr, die Synagoge in Brand. „Nimmt man die Menschen, die in Hameln geboren wurden oder Hameln als Wohnsitz nahmen, zusammen, so kommt man auf 118 Ermordete“, heißt es in der Ausstellung als Bilanz der NS-Jahre.

Seit den 90er Jahren existiert wieder jüdisches Gemeindeleben in Hameln. Die neue Synagoge wurde 2011 eingeweiht. Die dort beheimatete Liberale Jüdische Gemeinde und auch die orthodoxe Jüdische Kultusgemeinde stellen sich auf Infotafeln selbst vor. Schülerinnen und Schüler der Elisabeth-Selbert-Schule werden Schulklassen durch die Ausstellung führen (Anmeldung unter anne.frank@ess-hameln.de). Dabei wollen sie auch Stolpersteine einbinden, die an Opfer des Nationalsozialismus erinnern.


Info: Ausstellung „800 Jahre jüdisches Leben in Hameln“, Münster St. Bonifatius, Dienstag, 2. November, bis Dienstag, 7. Dezember. Eröffnung am 2. November um 17.30 Uhr, danach täglich von 10 bis 17 Uhr, offene Führung donnerstags um 17 Uhr. Es gilt die 3G-Regel. Um das Tragen einer medizinischen oder FFP2-Maske wird gebeten.

Information

Das Begleitprogramm

Dies sind die ersten Veranstaltungen zur Ausstellung im Münster. Der Eintritt ist frei, wenn nicht anders angegeben:

  • Vortrag: Bernhard Gelderblom, Von Juden und Christen in Hameln – Anmerkungen zur Lokalgeschichte der Toleranz. Donnerstag, 4. November., 19.00 Uhr, Münster.
  • Gedenkfeier zur sogenannten Reichspogromnacht mit Schülern der Handelslehranstalt und anschließendem Konzert in der Synagoge: „Babyn Jar- Gedenken an die Schoa“ mit Marina Kalmykova und Igor Hochlowkin. Dienstag, 9. November 16 Uhr, Mahnmal an der Bürenstraße.
  • Film „Die Täter“. Der Film von Christian Schwochow zeichnet die frühen Jahre des Nationalsozialistischen Untergrundss (NSU) nach. Der NSU war von 2000 bis 2006 verantwortlich für den Tod von neun Menschen mit türkischen und griechischen Wurzeln sowie einer Polizistin. Mittwoch, 10. November, 20 Uhr, Sumpfblume, Abendkasse 5, ermäßigt 4 Euro.
  • Szenische Lesung: „Wir hatten noch gar nicht angefangen zu leben.“ Jüdische Kinder aus Hameln-Pyrmont vor dem Holocaust. Vorgetragen von Mitgliedern der Evangelischen Jugend Hameln, Donnerstag, 11. November, 19 Uhr, Münster.
  • Lesung zu christlich-jüdischen Themen mit musikalischer Begleitung durch Cecily Reimann und Natalia Wiest. Veranstalter: Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Hameln. Montag, 15. November, 19 Uhr, Münster.


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