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Nach Behördenversagen im Fall Lügde

„Ausreichend Personal“ im Jugendamt?

Es ist einiges schiefgelaufen im Jugendamt Hameln-Pyrmont. Hinweise auf Pädophilie blieben im Fall des verhafteten Andreas V. folgenlos. Ein Mädchen lebte bei ihm auf dem Campingplatz in Lügde in einem vom Jugendamt anerkannten Pflegeverhältnis. Sind die Mitarbeiter des Amtes überlastet? Die Spitze der Verwaltung verneint das.

veröffentlicht am 28.03.2019 um 13:18 Uhr
aktualisiert am 29.03.2019 um 18:30 Uhr

Frank Henke

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Reporter zur Autorenseite

HAMELN-PYRMONT.Das Thema Überlastung im Jugendamt hat eine Vorgeschichte: Das Jugendamt wolle „raus aus der Frustfalle“ titelte die Dewezet im Oktober 2015. Von einer „chronischen Arbeitsüberlastung“ und einem „letztendlich unproduktiven Arbeitsklima“ war damals die Rede. Bereits vier Jahre zuvor hatte ein Team des Allgemeinen Sozialdienstes innerhalb des Jugendamtes offiziell eine „Überlastungsanzeige“ gestellt. Die damalige Jugendamtsleiterin und heutige Hamelner Stadträtin Martina Kurth-Harms berichtete im November 2012 von deutlich gestiegenen Fallzahlen in den Bereichen Jugendschutz, Familiengerichtswesen und Problemfamilien. Das habe trotz personeller Verstärkung zu Überlastung und Unzufriedenheit bei den Mitarbeitern geführt.

Die Verwaltung gab eine Organisationsuntersuchung in Auftrag, im Herbst 2015 wurden Ergebnisse präsentiert. Der Tenor des sozialwissenschaftlichen Instituts Gebit aus Münster: Die personelle Ausstattung reiche aus, nur eine weitere halbe Stelle im Pflegekinderdienst wurde empfohlen. Ansonsten gelte es Arbeitsabläufe, „Prozesse“ zu optimieren. So passierte es dann auch: Die zusätzliche halbe Stelle wurde geschaffen, eine ganze weitere im Allgemeinen Sozialen Dienst und Abläufe wurden geändert. Auch zu mehr „Ressourcenverantwortung“ wurde aufgerufen. Sprich: Die Mitarbeiter sollten die Kosten im Blick behalten. So wollte man etwa fortan früher überprüfen, ob Maßnahmen greifen.

Heute liege die personelle Ausstattung über der damals geforderten: 26,8 Vollzeitstellen seien laut Gutachten für den Allgemeinen Sozialdienst und den Pflegekinderdienst erforderlich. „Tatsächlich verfügt das Jugendamt für den Allgemeinen Sozialdienst und den Pflegekinderdienst über 30,2 Stellen“, heißt es aus der Pressestelle des Kreishauses. „Damit steht ausreichend Personal zur Erfüllung der Aufgaben zur Verfügung.“ Im Pflegekinderdienst seien derzeit acht Mitarbeiter auf zusammengerechnet etwa 6,3 Vollzeitstellen tätig. Nach dem Gutachten der Gebit seien „zur Aufgabenerfüllung 5,4“ erforderlich, erklärt die Verwaltung – alles über dem Soll demnach.

Die Zahl der im Landkreis lebenden Pflegekinder ist in den vergangenen Jahren auf etwa 190 Kinder gestiegen, hinzu kommen gut 70 Kinder, die – wie das Mädchen auf dem Campingplatz in Lügde-Elbrinxen – „im Netzwerk“ betreut werden sollen. Sie leben etwa bei ihren Großeltern, manchmal bei anderen Verwandten oder Freunden und erhalten Besuch von Familienhelfern eines beauftragten Trägers.

Information

Suspendierung aufgehoben

Der Leiter des Jugendamtes war am 15. Februar suspendiert worden. Er hatte im Zusammenhang mit dem Pflegekind auf dem Campingplatz in Lügde-Elbrinxen nachträglich einen Vermerk in eine Akte eingefügt, offenbar um die Behörde in einem besseren Licht dastehen zu lassen. Die Suspendierung sei zum 1. März „nach gründlicher Prüfung aufgehoben“ worden, heißt es aus dem Kreishaus. Arbeitsrechtliche Maßnahmen sollen nach Abschluss der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen erfolgen. Allerding kehrte der Jugendamtsleiter nicht in seine alte Position zurück. Er werde „in einem sozialpädagogischen Bereich außerhalb des Jugendamtes eingesetzt“, teilt Kreishaussprecherin Sandra Lummitsch mit. Im Fall der Mitarbeiterin, die ihren eigenen alten Hinweis auf einen Pädophilie-Verdacht aus den Akten löschte, laufe das Kündigungsverfahren.fh

Für die nun geplante verstärkte Präventionsarbeit sollen zwei weitere Stellen im Jugendamt geschaffen werden. Urlaubs- und Krankheitszeiten seien bei der Personalplanung eingerechnet. Je Mitarbeiter werden im Durchschnitt 17,33 Krankheitstage pro Jahr erwartet. Macht bei 251 jährlichen Arbeitstagen 6,9 Prozent. Das müsste – zumindest auf dem Papier – reichen, um den tatsächlichen Krankenstand abzudecken: In den Jahren 2016 und 2017 lag der Anteil gesunder Mitarbeiter im Jugendamt wie Gesamtverwaltung etwa gleichauf bei rund 91 bis 93 Prozent, im Jahr 2018 waren im Jugendamt statistisch sogar häufiger Mitarbeiter arbeitsfähig (94,2 Prozent) als in der Kreisverwaltung insgesamt (91,8 Prozent).

Sind damit nun alle internen Probleme beseitigt? Offizielle Anzeigen von Arbeitsüberlastung hätten die Mitarbeiter von Allgemeinem Sozialdienst und Pflegekinderdienst in den Jahren 2016 bis 2018 nicht gestellt, heißt es aus dem Kreishaus. „Im Moment liegt eine vor“, sagte jedoch deren Chef, Landrat Tjark Bartels, in seinen Ausführungen im Sozialausschuss des niedersächsischen Landtages in der vergangenen Woche.



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