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Russin engagiert sich als Schulbegleiterin

Aus der Zarenstadt ins Weserbergland

HAMELN. Am Anfang steht die Euphorie, bevor das erste Tief folgt und das Heimweh wächst. Aber meist entstehen danach neue Freundschaften und das Gefühl, richtig angekommen zu sein. So beschrieb einmal das Jugenmagazin einer Zeitung die emotionalen Phasen, die ein Reisender in der Fremde durchmacht. Heimweh kennt Maria Balashova natürlich auch, schließlich hat sie ihre Familie und Freunde in St. Petersburg schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen. Die Russin absolviert ein Freiwilliges Soziales Jahr als Schulbegleiterin in einer Hamelner Förderschule, das langsam dem Ende entgegen geht.

veröffentlicht am 16.08.2017 um 20:34 Uhr

Maria Balashova absolviert einen Freiwilligendienst als Schulbegleiterin. Dazu gehört natürlich auch, mit den Kindern zu spielen und sie abzulenken, wie hier, bei der jährlichen Schools-Out-Party. Foto: pr
Jens Spickermann

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Während viele junge Deutsche für ein FSJ ins Ausland gehen, war es bei Maria andersherum: Die St. Petersburgerin verbrachte zuerst ein Au-Pair-Jahr in Hessisch Oldendorf und Braunschweig, danach bewarb sie sich beim IJGD (Internationale Jugendgemeinschaftsdienste), der ihr eine FSJ-Stelle beim Paritätischen Wohlfahrtsverband als Schulbegleiterin für ein elfjähriges, mehrfach behindertes Kind vermittelte. Welche guten Erfahrungen und welche Probleme erlebt eine junge Frau, die sich als Ausländerin in Deutschland sozial engagiert?

Einfach erscheinen ihre Aufgaben nicht – dem ihr anvertrauten Kind beim Essen und den Toilettengängen zu helfen, es bei der Physiotherapie zu unterstützen und dabei auch immer wieder die Selbstständigkeit zu fördern. „Die Kinder können die Schulbegleiter auch ausnutzen“, sagt sie, deshalb müsse man das, was sie selber erledigen können, auch von ihnen einfordern. Sie übt so oft wie möglich das Laufen und Sprechen mit dem Jungen, versucht ihn zum Spielen mit anderen Kindern anzuregen und ist stolz, dass die Anstrengungen mittlerweile Früchte tragen. „Jeder Schritt war für mich ein gutes Gefühl“, erzählt sie. Merkliche Fortschritte habe das Kind gemacht, die auch dessen Mutter aufgefallen sind. Aus diesem Grund und weil sie bei den FSJ-Seminaren, von denen sich einige nur an Ausländer richteten, viele Leute aus verschiedenen Ländern kennen lernen konnte, hat ihr das Jahr bisher gut gefallen.

Ich habe in Russland ganz selten behinderte Menschen getroffen.

Maria Balashova, Freiwilligendienstleistende

Die Stelle in einer Schule passt eigentlich gut zu der 23-Jährigen. In Russland hat sie Englisch und Deutsch studiert, um danach als Englischlehrerin arbeiten zu können, deswegen konnte sie auch während der Schulferien im Büro des Paritätischen mit ihren Sprachkenntnissen glänzen, indem sie Flyer auf Englisch und Russisch übersetzte. Der Umgang mit behinderten Kindern war aber anfangs neu für sie: „Ich habe in Russland ganz selten behinderte Menschen getroffen“, erzählt sie. Der Gedanke, auch Leute mit Einschränkungen gesellschaftlich einzubinden, ist dort noch nicht so verbreitet. Im alltäglichen Leben sind sie deshalb nicht so oft zu sehen.

„Deutsche sind tolerant“, sagt Balashova. Das findet sie angenehm, aber am Anfang habe sie die Menschen auch als „kalt“ empfunden. Neu war für sie auch der Umgang der Leute mit ihren eigenen Kindern. Das Verhältnis sei „gleichgestellter“ als in Russland sagt sie. „Bei uns ist das ein bisschen strenger“. Die Eltern hätten dort „immer Recht“.

Doch Balashova fühlt sich wohl – die Lehrer an der Schule seien super nett und würden ihr auch gerne helfen, wenn sie mal ein Problem hat. Nach Russland zurückgehen möchte sie erst einmal nicht, weil sie inzwischen einen deutschen Freund gefunden hat. Ab September wird sie deshalb eine Ausbildung zur Bankangestellten bei der BHW-Bausparkasse in Hameln beginnen.

Ganz reibungslos funktioniert so etwas für eine sogenannte „Drittstaatsangehörige“ in Deutschland nicht, deswegen ist sie auch sehr froh, dass es am Ende geklappt hat. Ohne Genehmigung der Agentur für Arbeit darf ein Ausländer in Deutschland in der Regel nicht arbeiten, wenn er nicht aus der EU oder einem EFTA-Mitgliedsstaat stammt.

Der Bundesfreiwilligendienst, das Freiwillige Soziale Jahr sowie Au-Pair-Dienste sind da Ausnahmen, denn sie gelten als arbeitsmarktneutral. Maximal 320 Euro Taschengeld bekommt ein Freiwilligendienstleistender im Monat, bei manchen Trägern auch deutlich weniger. Wenn die Verpflegung selbst bezahlt werden muss, gibt es im FSJ noch etwa 40 Euro zusätzlich. Geldsorgen seien neben langer Visa-Bearbeitungszeiten daher das größte Problem, das man als Freiwilligendienstleistender habe, sagt Balashova.



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