weather-image
17°
Felicitas Hoppe gibt Anstoß für neue Rattenfänger-Geschichten / Weltweit greifen Studenten zur Feder

Auf Schatzsuche im Sagenland

Hameln. „Das ist sensationell“, sagt HMT-Chef Harald Wanger und bringt damit ein Projekt auf den Punkt, das keine Geringere als die renommierte Schriftstellerin Felicitas Hoppe angeschoben hat. Die Rattenfänger-Literaturpreisträgerin, die erst im vergangenen Jahr mit dem Georg-Büchner-Preis geehrt wurde, hat den Rattenfänger ihrer Heimatstadt aufleben lassen – mithilfe von Studenten aus aller Welt, die die Geschichte weitererzählen und der Sage völlig neue Facetten abgewinnen.

veröffentlicht am 20.06.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 03.11.2016 um 19:21 Uhr

270_008_6423480_hm3052006Hoppe.jpg

Autor:

Karin Rohr
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Wer war der Pfeifer? Woher kam er? Wohin ging er? Was hat er mit den Kindern von Hameln gemacht? Fragen, über die sich schon unzählige Wissenschaftler in gelehrten Auslegungen gestritten haben. Nun also Studenten. Mit ganz unterschiedlichem Background, aber mit „kühnen und erhellenden“ Ansätzen, wie Hoppe findet; denn die Studierenden aus China, Island, Togo, Kasachstan, Uganda, Benin, Thailand und zig weiteren Ländern scheren sich nicht die Spur um Wahrheitsgehalt und Forschungsansätze, sondern spannen mit viel Fantasie märchenhafte eigene Fäden. „Kühn und erhellend“, findet Felicitas Hoppe die Wege, die die Studenten beschritten haben, und ist selbst überrascht, welche wunderbare Eigendymanik der ausgeschriebene Wettbewerb entwickelt hat. Dass sie die Sage ihrer Heimatstadt so schnell und mit derartig geballter Kraft einholen würde – damit hatte die Schriftstellerin nicht gerechnet. „Herausgekommen ist eine fantastische Melange aus Rattenfänger-Sage, Grimm’schen Märchen und den Mythen der jeweiligen Herkunftsländer der Studenten“, freut sich Harald Wanger, der per Zufall auf diese Aktion gestoßen ist: „Erst haben wir im Web nur einzelne Fragmente entdeckt und dabei festgestellt, dass den Geschichten ein einheitliches Strickmuster zugrunde liegt – und dann sind wir auf einen FAZ-Artikel gestoßen.“ In diesem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen vom 14. Juni beschreibt Felicitas Hoppe, welche Dimensionen der Wettbewerb angenommen hatte: „Ich muss allerdings zugeben, dass es ein kleiner Schock war, als im Februar zwei in Bonn so sorgfältig verpackte wie fantastisch organisierte und überwältigend dicke Ordner in Berlin eintrafen, die mich unmittelbar an Goethes ,Zauberlehrling’ denken ließen: Die Geister, die ich gerufen hatte, wurde ich buchstäblich nicht mehr los. Ich hatte den Rattenfänger gespielt, jetzt musste ich mit den Ratten und Kindern klarkommen.“

Beeindruckt von der Fantasie und Sprachkraft der jungen Autoren geht Hoppe auf „mehrwöchige literarische Weltreise“ in ihrer Berliner Küche. Beim Lesen der Geschichten stößt sie auf immer neue, wundersame Darstellungen: „Es wechseln, aller behaupteten Globalität zum Trotz, Länder und Sitten, Getränke und Speisen, Gerüche und Farben. Es wechseln Verkehrs- und Höflichkeitsformen, Politik, Religion und Moral, Not und Gefahr. Es wechselt die Landschaft, die Liebe, die Einkommenslage. Die Kinder wechseln Kostüme und Namen. Es wechseln die begleitenden Fabeltiere. Es wechselt das Wetter. Es wechseln Stimmung, Töne und Klänge, Witz und Humor. Der Rattenfänger kommt nicht mehr aus Hameln und heißt womöglich Curt Bonaparte. Er kann gut sein und böse, verprellt und listig zugleich, zieht Register und spielt Instrumente, von denen ich vorher nichts ahnte“, schreibt Felicitas Hoppe in der FAZ.

Die Vorlage für die Geschichten hatte die Büchner-Preisträgerin selbst geliefert: Mit den Worten „Es war einmal, vor sehr langer Zeit, eine kleine Stadt, die hieß Hameln. Dort hausten schrecklich die Ratten und fraßen den Menschen die Haare vom Kopf… .“ stimmt Hoppe die Studenten auf die Sage ein, erzählt von dem Betrug am Pfeifer und von den verschwundenen Kindern und ermuntert zum Weiterspinnen der Geschichte: „Verratet mir endlich, was aus den Kindern von Hameln geworden ist …“ Die Resonanz ist gewaltig. Fast unmöglich, aus den vielen schönen Geschichten nur 18 herauszupicken, um deren Autoren mit einem Sprachkurs in Berlin zu belohnen. Von „Sätzen und Schätzen, von denen manch großer Autor nur träumt“, spricht Felicitas Hoppe denn auch.

270_008_6423131_hm301_2006.jpg

„Sein Name war Sæmundur fróði und er war ein Zauberer aus Island. Er hatte erst sein Zauberstudium an der Schwarzen Schule im Schwarzwald abgeschlossen und begab sich nun auf die Reise nach Hamburg, von wo er ein Schiff nach Island nehmen wollte. Als er in Hameln rastete, wurde ihm das Rattenproblem bewusst…“ schreibt die isländische Germanistikstudentin Árný Stella Gunnarsdóttir und entführt die Kinder und den Zauberer in ihre Heimat, wo sie mit der „dunklen Art der isländischen Magie“ konfrontiert werden. So wie bei der jungen Isländerin tauchen auch in den Geschichten der anderen Studenten Hamelns Kinder an überraschenden Orten wieder auf – Orte, die ihre eigene Magie besitzen und von den Mythen, Gedanken und Gefühlen der Menschen erzählen, die dort leben.

Wer mehr über diese „unverhofften Geschenke“ erfahren möchte – im Internet hat die HMT unter www.grimm-jubiläum.com einen Link eingerichtet, der zu den Geschichten führt.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Mehr Artikel zum Thema
Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare