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Auf eine Glocke verzichten die neuen Nachbarn

veröffentlicht am 16.11.2009 um 19:30 Uhr
aktualisiert am 05.12.2017 um 14:37 Uhr

Gut besucht: Die St.-Monika-Kirche in Afferde.

Afferde (git). Es riecht immer noch ein bisschen nach frischer Farbe in der neuen beziehungsweise alten St.-Monika-Kirche in Afferde. Die Innenwände des Gotteshauses erstrahlen inzwischen in schneeweiß. Am Samstag vermischte sich der strenge Geruch der Farbe mit dem Duft von frischem Kaffee, selbstgemachten Salaten, Würstchen und – Freundlichkeit. Soweit man letztere in die Kategorie „Geruch“ einstufen kann.

Mit einem festlichen Wochenende feierten die neuen Besitzer der Afferder St.-Monika-Kirche, die „Mennonitische Brüdergemeinde Lemgo e. V.“, die Einweihung ihrer Filialkirche in der Cumberlandstraße 19. Seit Oktober sind die Mennoniten offizielle Besitzer des ehemaligen katholischen Gotteshauses.
 Genutzt werden soll das Gebäude vor allem von den 53 Glaubensbrüdern und Schwestern der evangelischen Freikirche, die in Hameln leben. „Wir setzen auf gute Nachbarschaft und haben deshalb neben den Vertretern des Ortsrates, der evangelischen und der katholischen Kirche auch die Afferder Bürger eingeladen“, erklärte der Mennonitische Pastor Nicolai Reimer. „Das Gebäude gefällt uns, deshalb haben wir nicht viel verändert, sondern lediglich erneuert, was erforderlich war“, beschreibt der Geistliche die bisher angefallenen Tapezier- und Renovierungsarbeiten.
 Die gebürtige Afferderin Ilse Stelzer war der Einladung der Mennoniten gerne gefolgt. Mit den Afferderinnen Helga Gropp, Ursula Ahrens und Edita Lücke sitzt sie in der Reihe der Kirchenbänke. Die Seniorinnen erhofften sich bei dem Gottesdienst vor allem Einsicht in die Glaubensrichtung der Hinzugezogenen. Rund 20 Personen fanden sich wie Ilse Stelzer verstreut zwischen den unbekannten und neuen Gesichtern in der Kirche ein.
 Pastor Reimer steht im schwarzen Anzug auf der obersten Stufe des ehemaligen katholischen Altares und zitiert aus der Lutherbibel. Die St.-Monika-Kirche ist mit geschätzten 200 Personen so voll wie schon lange nicht mehr. Viele Besucher aus der Stammgemeinde Lemgo sind darunter. Einige Frauen tragen ein Tuch als Kopfbedeckung. Die Neuen in St. Monika haben Technik mitgebracht. Das elektronische Mischpult neben dem ehemaligen katholische Beichtstuhl sieht ungewohnt aus, zahlt sich aber bei den Auftritten des Lemgoer Chores und dem Lemgoer Blasorchester aus.  Ihre Anfänge hatten die neuen Nachbarn in den Zeiten der Reformation, erfahren die Gottesdienstbesucher. Die Mennonitenbewegung breitete sich von der Schweiz nach Holland und Deutschland aus. „Ganz genau begann alles im Jahre 1525“, erklärt Reimer. Die Anfänge der Mennoniten seien aber auch von Verfolgungen überschattet gewesen. Denn ihre Auslegung der Bibel, die Taufe nur im Erwachsenenalter, ihre Ablehnung des Eides des Militärdienstes und die Forderung nach Trennung von Staat und Kirche stellten damals deren Autorität infrage. Die Einladung der Zarin Katharina kam im 18. Jahrhundert gerade recht, und ein Teil der Mennoniten wanderte daraufhin nach Russland aus. Aber auch da begann ab 1917 wieder die Zeit der Verfolgung durch den Staat. Ab 1987 begannen diese Mennoniten ins Land ihrer Vorfahren zurückzukehren. Die Lemgoer Gemeinde, zu der auch die Hamelner Mennoniten gehören, entstand 1988 und hat laut Reimer heute rund 1000 Mitglieder. „1993 bekamen wir von einem kleinen Kreis gläubiger Aussiedler in Hameln die Bitte um geistigen Beistand“, berichtet der Geistliche. Ihren genauen Glauben definierte Reimer im Gottesdienst als Glaube an den dreieinigen Gott, dem Anerkennen des alten und neuen Testaments und der Errettung des Menschen durch die Gnade Jesus Christus. „ Für uns symbolisiert die Taufe die bewusste Entscheidung einer erwachsenen Person, seine Bereitschaft zu unserer Gemeinschaft und zur Mitarbeit in der örtlichen Gemeinde“, erklärt Reimer. Die Mennonitische Brüdergemeinde lehne uneheliche Beziehungen und „alternative Lebensgemeinschaften“ ab. Zu ihren Zielen gehöre, das geistliche Wachstum der Gläubigen zu fördern.
 Auf eine laute Kirchenglocke inmitten des Wohngebietes werden die Mennoniten übrigens ebenso wie ihre katholischen Vorgänger verzichten. Grund: „Wir benutzen einfach keine Glocken in unseren Kirchen.“



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