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Eine der letzten Kneipen ihrer Art

Auf ein Bier bei Anne in der Badewanne

HAMELN. Die Gaststätte „Zur Badewanne“ ist eine der letzten Kneipen ihrer Art. Den über 100 Jahre alten Reichsadler als älteste Kneipe Hamelns wird sie zwar nicht mehr einholen. Aber sie kann sich damit rühmen, seit nunmehr 60 Jahren in Familienbesitz zu sein und bis heute als Kneipe betrieben zu werden. Die Dewezet hat sie anlässlich ihres 60. besucht.

veröffentlicht am 23.11.2018 um 16:55 Uhr
aktualisiert am 23.11.2018 um 21:30 Uhr

Die Badewanne ließ Annamaria Engelhardt-Gray nie wieder los. Fotos: pk / Archiv
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Es ist Dienstag, kurz nach 15 Uhr. Annamaria Engelhardt-Gray, 64, hat vor wenigen Minuten die Türen der Badewanne geöffnet. Jetzt steht sie hinter dem Tresen und zapft Bier. Auf der anderen Seite der Theke sitzen bereits die ersten Gäste. Anne, wie die Wirtin in der Badewanne genannt wird, sagt über den Tresen hinweg zu dem Reporter der Dewezet: „So, was willste wissen?“

Zum Beispiel, seit wann es die Badewanne gibt. „1958 war Ersteröffnung“, erzählt die gebürtige Hamelnerin. Damals verpachteten Annes Eltern Gertrud und Alfred Engelhardt die Gaststätte im Hochparterre noch. Das Eckhaus an der Fischpfortenstraße hatten sie bereits 1955 erworben. In einem überaus sanierungsbedürftigen Zustand und bewohnt von 49 Personen, für die zwei Toiletten ausreichen mussten. Die befanden sich dort, wo heute der Tresen des „Felicidad“ ist.

Das Felicidad ist die Kneipe im Hinterzimmer. Heute eigentlich nur noch der Nichtraucherbereich, in dem in den Nächten auf Samstag und Sonntag ab Mitternacht gefrühstückt werden kann. Aber früher war das eine Kneipe für sich. „Damals gab es ja noch Sperrstunde“, sagt Anne. Die Badewanne durfte unter der Woche nicht länger als 1 Uhr, am Wochenende nicht länger als 3 Uhr geöffnet haben. Die Kneipe nebenan – die „Schiefe Laterne“, wie sie lange hieß –, hatte hingegen eine Frühkonzession und öffnete schon um 4 Uhr früh. Da kamen dann die ersten zum Zeitungslesen vom Nachtdienst oder Arbeiter auf ein Bier vor der Schicht. Geöffnet war die „Schiefe Laterne“ bis mittags. „Weil dann war ja die Badewanne wieder auf“, sagt Anne. Viel Zeit zum Schlafen blieb da nicht. „Geschlafen haben wir zwischendurch – und am Monatsende“, sagt sie und lacht. „Aber im Ernst: Ohne unsere Aushilfen wäre das nicht gegangen.“

In diesem Zustand erwarben Annes Eltern 1955 das Haus an der Fischpfortenstraße, in der sich die Badewanne befindet. Die Vorrichtungen für die Gastronomie baute ihr Vater, ein Gerüstbauunternehmer, in den Wintermonaten. Foto: A. Engelhardt-Gray/pr
  • In diesem Zustand erwarben Annes Eltern 1955 das Haus an der Fischpfortenstraße, in der sich die Badewanne befindet. Die Vorrichtungen für die Gastronomie baute ihr Vater, ein Gerüstbauunternehmer, in den Wintermonaten. Foto: A. Engelhardt-Gray/pr
Foto: Archiv
  • Foto: Archiv

Richtig hell wird es in der Badewanne nie. Die Fenster sind teilweise aus Buntglas. Es zeigt Badeszenen, die sich so oder ähnlich in dem Badehaus abgespielt haben, das sich vor langer Zeit mal in dem Eckhaus befand. Alte Deckenlampen und die orangefarbenen Wände tauchen die Badewanne in ein warmes Licht. „Beer is cheaper than therapy“, ist auf einem Schild zu lesen. „Bier ist günstiger als eine Therapie.“ Es ist still an diesem Nachmittag in der Kneipe. Die Jukebox gibt zu dieser Tageszeit noch keinen Ton von sich. Nur die Jägermeister-Zapfanlage sorgt für ein Rauschen im Hintergrund.

„So, du willst bestimmt noch‘n Bier“, sagt Anne zu einem der am Tresen sitzenden Gäste. „Ja“, sagt der. – „Sollste doch haben“, sagt Anne, zapft und notiert das Bier auf einem Bierdeckel. „Die Schreiberei kommt immer zu kurz.“ Dann fährt sie die „Rakete“ hoch, wie sie den in einem tiefgelegenen Schrank verborgenen Spielautomaten nennt. Der nächste Gast betritt die Kneipe, bekommt sein dunkles Weizen. Er habe bald Urlaub, sagt er. „Und, wohin geht‘s?“, fragt Anne. – „Bückeburg.“ Anne lacht. „Dann kannste ja gleich ’ne Treckerfahrt nach Tündern machen!“

Am Inventar der Kneipe hat sich „seit 1970 gar nichts verändert“. Klar, einen neuen Anstrich hat es immer mal wieder gegeben, die Tischplatten werden auch mal ausgetauscht und inzwischen hängen an den Wänden auch Bilder, Wappen und allerhand Tinnef. „Das ging mit den Soldaten nicht.“

Lange Zeit war die Badewanne als „Engländer-Kneipe“ verschrien, um die viele einen Bogen machten. Tatsächlich zählten viele britische Soldaten zu Annes Gästen. „Out of bounds for soldiers“ – „Kein Zutritt für Soldaten“, so ein Schild hing an der Tür der Badewanne nie. Die britischen Soldaten hätten „gut 70 Prozent“ ihrer Gäste ausgemacht, der Rest wären überwiegend Deutsche gewesen. „Meine Stammgäste haben sich nie an den Engländern gestört“, sagt Anne. Auch heute machen britische Soldaten noch in der Badewanne Station, wenn sie einmal im Jahr in Hameln „Reunion“ feiern. Mit dem Militär verbunden ist Anne aber auch noch auf andere Weise. Ihr Mann ist Kanadier, war Soldat, den sie kennenlernte, als er in Hameln als Austauschoffizier war – daher Gray im Nachnamen.

Heute ist das Publikum in der Badewanne bunt gemischt. Auch altersmäßig. „Von 18 bis über 80.“ Besonders am 23. Dezember. „Dann ist hier Ausnahmezustand, so voll wird es.“ Insgesamt ist es heute aber ein wenig ruhiger geworden. „Leerlauf gibt es erst, seit die Soldaten nicht mehr hier sind.“ Trotzdem hat Anne auch unter der Woche immer bis ein Uhr geöffnet. „Alles andere kannste nicht machen, weil wenn hier mal einer vor verschlossener Tür steht, spricht sich das rum und dann bleibense weg.“

Um den Hals trägt Anne eine Kette mit Kruzifix. Sie ist katholisch. „Eigentlich wollte ich Nonne werden.“ Aber da sagte sogar ihr Vater, der sie auf die Klosterschule bei Duderstadt geschickt hatte: „So katholisch sind wir nun auch wieder nicht!“ Aber in die Kirche geht Anne immer noch. Auch wenn sie nicht ans „Bodenpersonal“ glaubt.

Als Annes Vater nach einem Sturz vom Gerüst arbeitsunfähig war, übernahm ihre Mutter die Kneipe – „damit Geld reinkommt“. Anne stieg mit ein. Nebenbei machte sie zwar noch eine Lehre zur kaufmännischen Angestellten. Doch die Badewanne ließ sie nie wieder los. Nächstes Jahr hat Anne ihr 50. Jubiläum. „Goldene Hochzeit mit meiner Kneipe“, sagt sie.

Eröffnet wurde die Badewanne am 27. November 1958 von der damaligen Pächterin Gisela Groll, erzählt Anne. Doch eine offizielle Jubiläumsfeier wird es am Dienstag nicht geben. „Wer kommt, der kommt, wer nicht kommt, bleibt weg“, sagt Anne. Dann ruft sie in Richtung zweier Gäste: „Noch zwei?“

Bereits 2014 haben wir die Badewanne besucht



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