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Lehrer dokumentieren Arbeitszeit, um Druck auf Landesregierung zu erhöhen

Auf die Minute genau

Hameln. Die Macht der Daten soll helfen: Seit dem Ende der Osterferien dokumentieren viele Lehrer in Niedersachsen minutiös ihre Arbeitszeit. Anlass ist eine Studie der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), mit der die tatsächliche Belastung der Lehrkräfte erfasst werden soll.

veröffentlicht am 16.04.2015 um 20:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 20:21 Uhr

Autor:

Andreas Timphaus
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Die Hamelnerin Astrid Scholz, Vorsitzende des GEW-Kreisverbandes Hameln-Pyrmont und Lehrerin an der Grundschule Kirchohsen, beteiligt sich an der Untersuchung, genau wie mehrere Tausend andere Pädagogen an 262 Schulen aller Schulformen. Sie schreibt täglich auf, wie lange sie für jede berufliche Aufgabe benötigt. Ob Elterngespräch, die Korrektur von Arbeiten, ein Telefonat mit dem Zentrum für Beratung und Erziehung (ZBE), die Zusammenstellung von Arbeitsmaterial – alles wird minutengenau auf einem Laufzettel notiert. „Man wundert sich selbst, wie viel man nebenbei macht“, sagt Scholz.

Die GEW-Studie ist eine Reaktion auf die Entscheidung der Landesregierung, die Altersermäßigung von einer Unterrichtsstunde für Lehrer über 55 Jahre zurückzunehmen und gleichzeitig die Unterrichtsverpflichtung an Gymnasien um eine Stunde zu erhöhen. Gegen die Mehrarbeit hatten die Lehrkräfte demonstriert und an vielen Schulen den Boykott von Klassenfahrten beschlossen.

Einmal wöchentlich leitet Scholz die Daten weiter. Die Studie wird von der Universität Göttingen durchgeführt und endet mit den Osterferien im kommenden Jahr. Zu den Sommerferien 2016 sollen dann die Ergebnisse vorgestellt werden. „Wir wollen feststellen, wie sich der Lehrerberuf in den vergangenen Jahren gewandelt hat“, sagt die Kreisvorsitzende.

Die heimischen Lehrkräfte glauben, dass die Ergebnisse eine klare Sprache sprechen werden. „Die Arbeitszeit von Lehrern hat sich in den vergangenen Jahren signifikant erhöht“, berichtet Andreas Jungnitz, Leiter des Schiller-Gymnasiums. Die Umsetzung der Inklusion, die Erweiterung zu Ganztagsschulen und die Integration von Flüchtlingen seien exemplarische Punkte, bei denen zusätzliche Arbeit geleistet werde.

Sein Kollege Dr. Michael Glaubitz erwartet, dass die Belastungsschwerpunkte besonders in jenen Bereichen liegen werden, die bislang noch nicht so sehr im Blickfeld der Öffentlichkeit sind. Als Beispiel nennt der Schulleiter des Viktoria-Luise-Gymnasiums die Medienwartung. „Man kriegt Computer hingestellt, die miteinander vernetzt sein sollen. Hilfestellung gibt es aber keine. Probleme sollen kostenneutral gelöst werden.“ Auch Leistungen wie die Lehrmittelausleihe oder die Bibliotheksbetreuung seien bisher „nicht richtig gewürdigt“ worden, klagt Glaubitz.

Teilweise harsche Kritik üben die heimischen Schulexperten am niedersächsischen Kultusministerium, das eine derartige Erfassung bereits vor dem Start als wenig zielführend bezeichnete. „Das entwertet alle Versuche, auf Grundlage von Daten ins Gespräch zu kommen“, sagt Glaubitz. Für ihn ist die Reaktion des Ministeriums ein klarer Hinweis darauf, dass der Lehrerstreit inzwischen zu einem Politikum geworden sei. „Es geht nicht mehr um die Sache“, glaubt der Vikilu-Leiter.

Scholz vermutet, dass die rot-grüne Landesregierung mit ihren Aussagen den Lehrkräften „den Wind aus den Segeln nehmen“ möchte. „Ich denke schon, dass es politisch und arbeitstechnisch etwas bringen wird“, sagt die Hamelnerin. Petra Wiedenroth ist überzeugt, dass die Landesregierung „den Streit aussitzen“ will. Die Geschäftsführerin des Verbands der Elternräte der Gymnasien Niedersachsens berichtet, dass schon öfter versucht wurde, beide Parteien einander näher zu bringen, beispielsweise mit einem Runden Tisch. Ohne Erfolg. Deutliche Worte findet sie für das von Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) geschnürte Entlastungspaket, dessen Kernstück eine neue Altersteilzeitregelung für die Lehrkräfte ist. „Das ist eine Mogelpackung, eine regelrechte Farce“, sagt Wiedenroth.

Auch Scholz stellt klar, dass die vorgestellte Neuregelung „keine Entlastung“ für die Lehrkräfte sei. „Die Schülerzahlen, die Aufgaben und die Belastungen bleiben die gleichen.“ Sie glaubt, dass die rot-grüne Landesregierung demnächst die Quittung für ihre „sture“ Haltung bekommen wird. „2016 sind Wahlen“, sagt Scholz.



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