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Glatte Straßen, gefrorener Schneematsch – und noch immer ist kein Nachschub an Streusalz in Sicht

Auch ohne Schnee hat der Winter seine Tücken

Ein gefährliches Unterfangen für Fußgänger in der Osterstraße: der Seitenwechsel. Erst seit gestern ist die Eispiste in der Mitte gestreut.

veröffentlicht am 05.02.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 10.11.2016 um 19:21 Uhr

Voller Einsatz: An der Schule in Tündern werden die angetauten S
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Foto: Dana

Hameln (ni). Tagsüber taut es, nachts friert es, Streusalz bleibt Mangelware, und die Mitarbeiter in der Notaufnahme des Krankenhauses an der Weser haben alle Hände voll zu tun: Auch ohne Schnee behält der Winter seine Tücken, stellt Busfahrer vor heikle Situationen, Taxifahrer vor Probleme und die Männer vom Streudienst vor die unlösbare Aufgabe, es allen recht zu machen.

Platzwunden, Prellungen, Zerrungen, Knochenbrüche – die ganze Palette schmerzhafter Sturzfolgen beschäftigt die Ärzte im Krankenhaus. „Einen deutlichen Anstieg der Fälle haben wir aber erst seit einigen Tagen“, sagt Kliniksprecher Peter Höxter. Statt der durchschnittlich 35 bis 40 „chirurgischen“ Patienten, die täglich in der Notaufnahme behandelt werden, sind es jetzt 55 bis 60, die sich bei einem Sturz Verletzungen zugezogen haben. „Das verteilt sich gleichmäßig über den ganzen Tag, fängt früh am Morgen an und geht bis zum späten Abend“ so Höxter.

Mietwagen-Unternehmer Marcus Mai wundert’s nicht. Ob Hohes Feld oder Klütviertel – „morgens und abends sind viele Straßen so spiegelglatt, dass wir mehr als die doppelte Fahrzeit brauchen“. Eine Horrorvorstellung für ihn: „Dass auf dem Entengang mal ein Kind auf der Straße hinfällt; da hat man überhaupt keine Chance, zu bremsen.“ Warum dort nicht gestreut wird, „obwohl eine Schule in der Nähe ist, und da viele Kinder unterwegs sind, verstehe ich nicht“, sagt Mai.

Weil der Entengang eben zu den „untergeordneten“ Straßen zählt und darum vom städtischen Winterdienst ausgeklammert ist, lautet die lapidare Antwort der Verwaltung. Gestreut wird dort nicht, geräumt worden sei allerdings einmal – und das auch nicht zur Zufriedenheit aller Anwohner. „Die eine Hälfte hat bei uns angerufen und verlangt, wir sollen den Schnee wegräumen, die andere hat sich hinterher beschwert, dass wir den Schnee in ihre Parklücke geschoben haben“ – für Uwe Depping gehören solche Klagen mittlerweile zum Arbeitsalltag als Leiter des städtischen Betriebshofes.

„Man kann es einfach nicht allen recht machen“, ist eine Erfahrung, die Timo König von der Hamelner Gehwegreinigung (HaGeh) mit Depping teilt. König ist im Auftrag der Stadt für die Fußgängerzone zuständig und hängt ständig zwischen Baum und Borke: „Wenn wir tagsüber nachstreuen, werden wir von Passanten angemeckert, wenn wir nicht streuen auch.“ Dass sie eine Maschine mit rotierender Bürste einsetzten, um die angetauten Schnee- und Eisreste zu entfernen, werde schon gar nicht geduldet. „Die Leute gehen keinen Schritt zur Seite, aber verlangen bei der Stadt Schadenersatz, weil sie einen Spritzer ans Hosenbein abgekriegt haben.“ Dabei könne diese Arbeit nur am Tage erledigt werden, denn „nachts ist alles wieder festgefroren“.

Laut Vertrag mit der Stadt muss König in der Fußgängerzone für einen rutschsicheren Streifen entlang der Häuser sorgen. Er hat getan, wofür er bezahlt wird – mit dem Ergebnis, dass in der Straßenmitte eine Eisbahn übrig blieb, die jeden Wechsel von der einen auf die andere Straßenseite zu einem gefährlichen Unterfangen machte. Erst gestern erhielt König von der Verwaltung den Auftrag, auch in der Mitte zu streuen und wenigstens alle zehn bis 20 Meter eine sichere Überquerung zu ermöglichen.

Salz haben die Mitarbeiter der HaGeh nicht mehr dabei. Sie greifen ausschließlich zu Splitt. „Salz könnten wir gar nicht mehr bezahlen“, sagt König, denn „statt 65 Euro verlangt unser Lieferant jetzt 240 Euro für die Tonne“. Aber auch Splitt ist inzwischen rationiert; „Wir kriegen höchstens fünf Tonnen pro Tag, und die sind in wenigen Stunden weg.“

Der Streusalzvorrat der Stadt Hameln ist ebenfalls drastisch zusammengeschmolzen. „Wir kommen gerade so übers Wochenende, weil wir gestern eine Lkw-Ladung erhalten haben“, sagt Depping. Von den versprochenen 75 Tonnen in der vergangenen Woche sei allerdings keine Prise angekommen. Darum bleibe es vorerst bei dem eingeschränkten Winterdienst und würden weiterhin nur Straßen mit starker Steigung, Buslinien und die großen Kreuzungen gestreut. Hält der Winter an und bleibt der Salznachschub aus, müsse die Stadt notgedrungen auf ein Gemisch aus Sand und Splitt umsteigen.

Was sie nur ungern täte, weil die breitflächige Verteilung dieser Mischung Folgekosten in noch nicht absehbarer Höhe nach sich zöge. Denn die Reste des Streugutes, die auf den Straßen liegen bleiben und sich in den Gossen sammeln, müssen bei Winterende zusammengekehrt werden. Sand und Splitt landen außerdem in den Gullys, werden von den Sinkkästen aufgefangen oder auch in die Kanalisation gespült. Die Straßen reinigen, die Kästen säubern und manche Kanäle vielleicht auch – „das geht alles ins Geld“, sagt Depping.

Für die Hamelner Öffis dagegen wird der Winter wohl nicht teuer. Ein paar Stoßstangen sind hinüber, zersplittert an den hart gefrorenen Schneehaufen zu beiden Seiten der Straßen. Aber ansonsten sind die Busse bislang gut durch die kalte Jahreszeit gekommen. Das reinste Vergnügen sind die Touren für die Fahrer bei diesem Wetter trotzdem nicht. „Keiner weiß, was ihn unterwegs erwartet“, beschreibt Öffi-Chef Carsten Busse die Situation. Und so passiert es zurzeit immer wieder mal, dass Fahrer sich zu einem Zwischenstopp auf freier Strecke gezwungen sehen, weil sie plötzlich spiegelglatten Asphalt unter den wintertauglich bereiften Rädern spüren. Die generelle Order für solche Fälle lautet: „Anhalten, wenn es so glatt ist, dass Weiterfahren zu riskant wäre.“ Und solange stehen bleiben, bis sich die Lage entspannt hat. Die Entscheidung, sagt Busse, treffen die Fahrer an Ort und Stelle, jeder für sich und ohne Weisung von „Oben“.

Verspätungen, Schrammen und auch mal die eine oder andere Haltestelle, die Fahrer auslassen mussten, weil die Straße dorthin weder geräumt noch gestreut war – wie viele solcher zumeist morgendlicher „Zwischenfälle“ dank Schnee und Eis inzwischen aufgelaufen sind, weiß Busse nicht. „Die vielen kleinen Schweinereien des Morgens werden nicht statistisch erfasst“, sagt er. Sie gehören einfach zum Winter.



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