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Auch ohne Neuschnee bleibt der Winter tückisch

veröffentlicht am 05.02.2010 um 17:54 Uhr
aktualisiert am 05.12.2017 um 14:36 Uhr

Hameln (ni). Tagsüber taut es, nachts friert es, Streusalz bleibt Mangelware und die Mitarbeiter in der Notaufnahme des Krankenhaus an der Weser haben alle Hände voll zu tun: Auch ohne Schnee behält der Winter seine Tücken, stellt Busfahrer vor heikle Situationen, Taxifahrer vor Probleme und die Männer vom Streudienst vor die unlösbare Aufgabe, es allen recht zu machen.
 Platzwunden, Prellungen, Zerrungen, Knochenbrüche – die ganze Palette schmerzhafter Sturzfolgen beschäftigt die Ärzte im Krankenhaus. „Einen deutlichen Anstieg der Fälle haben wir aber erst seit einigen Tagen“, sagt Kliniksprecher Peter Höxter.  Mietwagen-Unternehmer Marcus Mai wundert’s nicht. Ob hohes Feld oder Klütviertel – „morgens und abends sind viele Straßen so spiegelglatt, dass wir mehr als die doppelte Fahrzeit brauchen“. Eine Horrorvorstellung für ihn: „dass auf dem Entengang mal ein Kind auf der Straße hinfällt; da hat man überhaupt keine Chance, zu bremsen.“ Warum dort nicht gestreut wird, „obwohl eine Schule in der Nähe ist und da viele Kinder unterwegs sind, verstehe ich einfach nicht“, sagt Mai.

 Während sich Timo König von der Hamelner Gehwegreinigung in der Fußgängerzone mit uneinsichtigen Passanten herumschlagen muss, macht sich der Leiter des städtischen Betriebshofes, Uwe Depping, Sorgen um sein Streusalzlager. Der Vorrat ist schneller geschmolzen als der Schnee und reicht gerade noch für das Wochenende. Nachschub ist nicht in Sicht. 

 

 


  Timo König von der Hamelner Gehwegreinigung (HaGeh) ist im Auftrag der Stadt für die Fußgängerzone zuständig und hängt ständig zwischen Baum und Borke: „Wenn wir tagsüber nachstreuen, werden wir von Passanten angemeckert, wenn wir nicht streuen auch.“ Dass sie eine Maschine mit rotierender Bürste einsetzten, um die angetauten Schnee- und Eisreste zu entfernen, werde schon gar nicht geduldet. „Die Leute gehen keinen Schritt zur Seite, aber verlangen bei der Stadt Schadensersatz, weil sie einem Spritzer ans Hosenbein abgekriegt haben.“ Dabei könne diese Arbeit nur am Tag erledigt werden, denn „nachts ist alles wieder festgefroren“.
 Laut Vertrag mit der Stadt muss König in der Fußgängerzone für einen rutschsicheren Streifen entlang der Häuser sorgen. Er hat getan, wofür er bezahlt wird – mit dem Ergebnis, dass in der Straßenmitte eine Eisbahn übrig blieb, die jeden Wechsel von der einen auf die andere Straßenseite zu einem gefährlichen Unterfangen machte. Erst gestern erhielt König von der Verwaltung den Auftrag, auch in der Mitte zu streuen und wenigstens alle zehn bis 20 Meter eine sichere Überquerung zu ermöglichen.
 Salz haben die Mitarbeiter der HaGeh nicht mehr dabei. Sie greifen ausschließlich zu Splitt. „Salz könnten wir gar nicht mehr bezahlen“, sagt König, denn „statt 65 Euro verlangt unser Lieferant jetzt 240 Euro für die Tonne“. Aber auch Splitt ist inzwischen rationiert; „Wir kriegen höchstens fünf Tonnen pro Tag, und die sind in wenigen Stunden weg.“
 Der Streusalzvorrat der Stadt Hameln ist ebenfalls drastisch zusammengeschmolzen. „Wir kommen gerade so übers Wochenende, weil wir gestern eine Lkw-Ladung erhalten haben“, sagt Depping. Von den versprochenen 75 Tonnen in der vergangenen Woche sei allerdings keine Prise angekommen. Darum bleibe es vorerst bei dem eingeschränkten Winterdienst und würden weiterhin nur Straßen mit starker Steigung, Buslinien und die großen Kreuzungen gestreut. Hält der Winter an und bleibt der Salznachschub aus, müsse die Stadt notgedrungen auf ein Gemisch aus Sand und Splitt umsteigen.
 Was sie nur ungern täte, weil die breitflächige Verteilung dieser Mischung Folgekosten in noch nicht absehbarer Höhe nach sich zöge. Denn die Reste des Streugutes, die auf den Straßen liegen bleiben und sich in den Gossen sammeln, müssen bei Winterende zusammengekehrt werden. Sand und Splitt landen außerdem in den Gullys, werden von den Sinkkästen aufgefangen oder auch in die Kanalisation gespült. Die Straßen reinigen, die Kästen säubern und manche Kanäle vielleicht auch – „das geht alles ins Geld“, sagt Depping.
 Für die Hamelner Öffis dagegen wird der Winter wohl nicht teuer. Ein paar Stoßstangen sind hinüber, zersplittert an den hart gefrorenen Schneehaufen zu beiden Seiten der Straßen. Aber ansonsten sind die Busse bislang gut durch die kalte Jahreszeit gekommen. Das reinste Vergnügen sind die Touren für die Fahrer bei diesem Wetter trotzdem nicht. „Keiner weiß, was ihn unterwegs erwartet“, beschreibt Öffi-Chef Carsten Busse die Situation. Und so passiert es zurzeit immer wieder mal, dass Fahrer sich zu einem Zwischenstopp auf freier Strecke gezwungen sehen, weil sie plötzlich spiegelglatten Asphalt unter den wintertauglich bereiften Rädern spüren. Die generelle Order für solche Fälle lautet: „Anhalten,, wenn es so glatt ist, dass Weiterfahren zu riskant wäre.“ Und so lange stehen bleiben, bis sich die Lage entspannt hat. Die Entscheidung, sagt Busse, treffen die Fahrer an Ort und Stelle, jeder für sich und ohne Weisung von „Oben“.
 Verspätungen, Schrammen und auch mal die eine oder andere Haltestelle, die Fahrer auslassen mussten, weil die Straße dorthin weder geräumt noch gestreut war – wie viele solcher zumeist morgendlicher „Zwischenfälle“ dank Schnee und Eis inzwischen aufgelaufen sind, weiß Busse nicht. „Die vielen kleinen Schweinereien des Morgens werden nicht statischisch erfasst“, sagt er. Sie gehören einfach zum Winter.



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