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Archäologe Joachim Schween entdeckt seltenen „Dreilagenkamm“ / Ausstellung aller Fundstücke?

Auch im Mittelalter hatte man die Haare schön

Hameln (tk). Mag die langwierige Sanierung der Hamelner Fußgängerzone für Anwohner und Geschäftstreibende auch eine nervenzehrende Geduldsprobe sein, für den Archäologen Joachim Schween ist sie ein echter Glücksfall. Seit Beginn der Arbeiten und dem Bau der Stadtgalerie 2006 sind Tausende Fundstücke aus der Hamelner Stadtgeschichte zutage getreten. In der Ritterstraße hat der Erdboden unter den Waschbetonsteinen erneut einen sensationellen Fund aus dem Hochmittelalter preisgegeben: das Bruchstück eines sogenannten „Dreilagenkamms“ aus dem 11. Jahrhundert.

veröffentlicht am 22.09.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 12:41 Uhr

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Es gehört schon ein geübtes Auge dazu, das unscheinbare braune Bruchstück von einem Kiesel in den Erdschichten der Baugrube zu unterscheiden. Doch nach dem ersten „Kick“ war dem Archäologen Joachim Schween sofort klar, was er da vor sich hat. Das kleine, kaum fünf Zentimeter lange und breite Fundstücke, ist Teil eines alten Kamms. Die Zahnung ist kaum zu erkennen, eine eiserne Niete hält die drei Teile, aus denen der Kamm besteht, noch zusammen, auf dem Holm sind feine Linien zu erkennen – ein dekoratives Muster. „Der Besitzer kann nicht ganz arm gewesen sein“, sagt Joachim Schween, „es handelt sich zwar um ein vergleichsweise einfaches Modell, aber so ein Dreilagenkamm ist keine einfache Arbeit“. Hergestellt wurden solche Kämme aus Rinderknochen. Dünn gesägt wurden die Einzelteile mit Nieten aus Eisen oder Buntmetall zusammengefügt. Im Ursprungszustand könnte der Kamm etwa 20 Zentimeter lang gewesen sein, schätzt Schween, und habe wohl eher modischen Zwecken gedient. Denn im Gegensatz zum „medizinischen“ Läusekamm fehle diesem Modell die feinere Zahnung.

Es ist keineswegs der erste Fund dieser Art. Drei solcher Kammbruchstücke hat der Archäologe während des Umbaus der Fußgängerzone bereits aus dem Erdreich geborgen. Hinweise auf einen Kammmacher, wie er in mittelalterlichen Städten häufig zu finden war, gäbe es aber nicht. Dafür aber auf die Herstellung von Würfeln: „Im Erdaushub auf dem Pferdemarkt haben wir Knochenabfälle gefunden, die darauf schließen lassen, dass dort, wo heute das Haus der Kirche steht, Würfel aus Knochen gefertigt wurden“, sagt Schween.

Aber was sagt der Fundort des Kamms über das damalige Leben aus? Schween stellt Mutmaßungen an: „Wir befinden uns hier in der Nähe des Pferdemarktes. An diesem zentralen Punkt war zu allen Zeiten viel los. Vielleicht hat der Besitzer den Kamm verloren und ihn auf der verdreckten Straße nicht mehr wiedergefunden.“ Anders als heutzutage waren die Wege nicht mit Granitplatten ausgelegt, „um einen trittfesten Untergrund zu haben, hat man lediglich Flusskiesel geschottert und auch die Schweine dort gehalten“, erklärt Schweens Kollege Dr. Jens Berthold, Kommunalarchäologe aus Bückeburg. „Das Bruchstück haben wir in einer Tiefe von 1,60 Meter gefunden. Auf diesem Niveau lagen die Laufwege im 9. und 10. Jahrhundert – das konnten wir bereits an mehreren Stellen ,Am Markt‘ feststellen“. Bei der Kieselschicht handelt es sich um die erste Pflasterung, lange bevor Hameln Stadt wurde.

Für die beiden Archäologen sind derart großflächige Baumaßnahmen wie die Fußgängerzonen-Sanierung eine willkommene Möglichkeit, in die Stadtgeschichte abzutauchen. Obwohl der Untergrund über Jahrzehnte durch das Verlegen von Leitungen und den Bau der Fußgängerzone in den 70er Jahren durcheinandergeworfen wurde, „gibt es immer noch unangetastete Inseln im Boden, wo die Zeit stehen geblieben ist. Sie ermöglichen es uns heute, Rückschlüsse auf ein Gesamtbild zu ziehen“, sagt Jens Berthold.

Unterdessen denkt Michael Voss von der Bauaufsicht der Stadt Hameln und zuständig für den Denkmalschutz darüber nach, was mit dem Fund passieren soll. Eine Ausstellung der schönsten während der Stadtsanierung gefundenen Stücke kann er sich gut vorstellen.

Die Abbildung in einem archäologischen Fachbuch zeigt, wie der Kamm einmal ausgesehen haben könnte.



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