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Gedenkfeier vor der liberalen Synagoge / Ausstellung „Antisemitismus in Deutschland heute“ eröffnet

„Auch heute kein Anlass zu vergessen“

Hameln. „76 Jahre ist es jetzt her, dass ideologisch verblendete Menschen die Synagoge in Deutschland zerstörten. Und dennoch müssen auch heute noch zahlreiche jüdische Einrichtungen in Deutschland von der Polizei bewacht werden, weil es immer noch einen teilweise heftigen Antisemitismus gibt.“ Nikolas Delp, Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, fand als Moderator der Gedenkfeier für die Brandschatzung der Synagogen in Deutschland während der Reichspogromnacht am 9. November klare Worte und betonte: „Es gibt auch heute keinen Anlass, zu vergessen, was damals geschehen ist.“

veröffentlicht am 10.11.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 02:41 Uhr

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Autor:

Wolfhard F. Truchseß
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Gemeinsam erinnerten Pastorin Christiane Brendel und Daria Leuthier an das Schicksal der jüdischen Familie Binheim, der es kurz vor der Reichspogromnacht noch gelang, aus Deutschland nach Palästina zu emigrieren, wo Harry Binheim, der Anfang der 1920er Jahre eine Rechtsanwaltskanzlei in Hameln eröffnet hatte, seinem Beruf, dessen Ausübung ihm schon die Nazis verboten hatten, allerdings nicht mehr nachgehen konnte und seinen Lebensunterhalt durch harte Arbeit auf Plantagen und Feldern verdienen musste. Ergreifend war der Bericht seiner Tochter Ruth, den Daria Leuthier aus einem der Bücher von Bernhard Gelderblom vorlas. Sie schildert darin, wie sie als einzige jüdische Schülerin des Vikilu ab 1934 isoliert und diskriminiert wurde: „Ich erinnere mich, wie unsere Klasse eines Tages ins Wittekindbad ging. Als wir dann am Becken standen, stand eine Mitschülerin am Beckenrand und schrie laut: ,Alles raus aus dem Wasser! Es ist dreckig! Eine Jüdin ist drin!‘ “ Ruth Grossmann, wie sie nach ihrer Eheschließung hieß, war jahrelang Gesprächspartnerin von Schülern des AEG, wenn sie zum Schüleraustausch nach Israel fuhren.

Wie in den vergangenen Jahren auch verlasen zwei Schüler, Patrizia Berhovski und Henri Schulte, die mehr als 100 Namen der aus Hameln vertriebenen und von den Nazis ermordeten Juden. Jochen Herrmann, Pastor der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde (Baptisten) verlas einen Psalm und Rabbinerin Irit Shillor das Gebet „Gott der Barmherzigkeit“. Gemeinsam wurde vor einer Schweigeminute am Ende das Kaddisch zum Totengedenken gesprochen.

Im Anschluss an die Gedenkfeier wurde in der Synagoge der liberalen jüdischen Gemeinde eine Ausstellung der Amadeu- Antonio-Stiftung zum Thema „Antisemitismus in Deutschland heute“ eröffnet, in der es um Antisemitismus im Alltag, um die globale Dimension des Antisemitismus in Deutschland, Europa und der Welt, um Antisemitismus unter Jugendlichen und die Beständigkeit dieses früher auch von den Kirchen gepflegten Vorurteils gegenüber den Juden geht. Es ist eine Ausstellung mit zahlreichen erschreckenden Fotos, sehr guten erläuternden Texten und vielen Beispielen antisemitischer Gewalt seit dem Jahr 2000. Die Stiftung wurde nach Amadeu Antonio Kiowa benannt, der im November 1990 in Eberswalde von Neonazis getötet wurde.

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Geöffnet ist die bis zum 21. November dauernde Dokumentation jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit von 9 Uhr bis 11.30 Uhr und von 12.30 Uhr bis 15.30 Uhr. Eine Anmeldung zum Besuch der Ausstellung ist nicht erforderlich. „Führungen finden nicht statt, da die Ausstellung selbsterklärend ist“, wie Rachel Dohme, Vorsitzende der liberalen jüdischen Gemeinde, sagte.

Die Rabbinerin Irit Shillor spricht am Ende der Gedenkfeier vor der liberalen Synagoge das Gebet „Gott der Barmherzigkeit“. ul

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