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Denkmal am Saint-Maur-Platz enthält Namen der vor 100 Jahren Umgekommenen / Dewezet schrieb über UnruhenDachzeile

Auch Hamelner ließen beim Herero-Aufstand ihr Leben

HAMELN. „Aufstand in Südwestafrika... Es starben für´s Vaterland aus dem Kreise Hameln...“. Es folgen die Namen von acht Soldaten. Einige von ihnen gehören dem einst in Hameln stationierten Infanterie-Regiment 164 an. „Dem Andenken der tapferen Krieger gewidmet“. So die Inschrift des am 26. Juni 1910 feierlich enthüllten Kolonialdenkmals am Saint-Maur-Platz, wo an einen Krieg erinnert wird, dessen entscheidende Schlacht vor 100 Jahren geschlagen wurde.

veröffentlicht am 17.08.2004 um 12:00 Uhr
aktualisiert am 01.06.2017 um 09:40 Uhr

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Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Was brachte die Hamelner Soldaten nach Südwestafrika? Im Zuge des Imperialismus beginnt das Deutsche Reich, wenn auch recht spät, doch gestärkt durch seine Einigung im Jahr 1871, über seine Landesgrenzen hinaus nach Einflusssphären zu schauen. Bismarck, der anfangs noch die Verwaltungskosten fürchtet und sich darüber hinaus keine hohen Erträge von Kolonialbesitz verspricht, erklärt 1884 in Folge von Druck seitens deutscher Interessenverbände und in Anbetracht der anstehenden Wahlen Südwestafrika zu deutschem „Schutzgebiet“.

Es werden Truppen stationiert, um die Kaufmänner, Forscher und Siedler vor den Konflikten der Einheimischen und den angrenzenden Kolonialmächten zu beschützen. Es lockt die Aussicht auf lukrative Geschäfte durch den Abbau von Bodenschätzen und die Ausfuhr von Baumwolle, Häuten, Fellen, Kaffee, Kakao, Obst und Gemüse. Billige Arbeitskräfte finden sich unter anderem in den überwiegend als minderwertig betrachteten Einheimischen, den Herero, den Nama (abwertend: „Hottentotten“), Damara.

Mit dem zunehmenden Wohlstand der Kolonialherren wächst die Armut der Einheimischen. Hinzu kommt das herablassende, demütigende Verhalten der Deutschen den Afrikanern gegenüber. Harte Prügelstrafen, Vergewaltigungen und ungeklärte Todesfälle sind keine Seltenheit. Viehpest und Dürreperioden tun ihr Übriges.

Am 14. Januar 1904 berichtet die Dewezet von „Unruhen in Deutsch-Südwestafrika“. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich die Herero bereits seit zwei Tagen im Aufstand. Siedler, Polizisten und Soldaten werden getötet. Frauen und Kinder werden auf Befehl des Häuptlings Samuel Maharero verschont. Die Ursache für die Erhebung sei der deutschen Kolonialmacht, wie die Dewezet am 16. Januar 1904 meldet, „unklar“. Weiter verkündet sie die Absicht „die Herero für den Bruch des Friedens und etwaiges Blutvergießen zu züchtigen“.

Nach dem Muster der China-Expedition von 1900 stellt das Deutsche Reich aus Freiwilligen des ganzen Heeres eine Division auf. Außerdem wird landesweit zu Hilfeleistungen für Deutsch-Südwestafrika aufgerufen. So auch am 30. Januar in der Dewezet. Der Vorstand des Zweigvereins des Roten Kreuzes, bestehend aus Generalmajor z.D. Köhler (als Vorsitzender des Kriegerverbandes Hameln und Umgegend ist er später einer der Hauptinitiatoren des Kolonialdenkmals), Brauereibesitzer Brecke und Professor Görges, initiiert eine Spendenaktion. Annahmestellen sind die Hamelner Bank, die Buchhandlungen Fuendeling und Brecht sowie der Vorstand selbst. Unterdessen können die Herero das Feld keine zwei Wochen behaupten. Bis Anfang August haben sie sich, von deutschen Truppen umzingelt, in die fruchtbaren, Wasser spendenden Gebiete des Waterberges zurückgezogen.

Am 11. August gibt der berüchtigte General von Trotha den Befehl zum Angriff. Das deutsche Militär ist überlegen, die Herero werden in die Wüste getrieben. Was die deutschen Waffen begonnen haben, wird von der Wüste vollendet. Tausende Männer, Frauen und Kinder verdursten. 2. Oktober 1904: Von Trotha erlässt seinen berühmten Vernichtungsbefehl: „[...] innerhalb der deutschen Grenzen wird jeder Herero mit und ohne Gewehr erschossen. Ich nehme keine Weiber und keine Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auf sie schießen.“

Noch am selben Tag ereilt den gebürtigen Ottensteiner Sergeant Reese das den Herero zugedachte Schicksal; er stirbt. Gleichfalls unter General v. Trotha lassen der aus Hagenohsen stammende Gefreite Bungenstock (+4.12.04), die Reiter Schmeisser (+15.12.04) und Müller (am 27.05.05 an Typhus gestorben) sowie der Hamelner Unteroffizier Laudon (+13.11.05) ihr Leben auf dem „Feld der Ehre“.

In einem Gefecht mit den Nama stirbt der Hamelner Leutnant v.Heyden unter Generalmajor v. Deimling am 18.08.1906 den „Heldentod“. Der Reiter Schramme kommt am 9.10.06 im Alter von 23 Jahren ums Leben. Insgesamt belaufen sich die deutschen Opfer auf einige Hundert. Viele von ihnen sterben nicht im Kampf, sondern sind Krankheiten erlegen.

Noch heute erinnert in Windhoek, der Hauptstadt Namibias (ehemals Deutsch-Südwestafrika), ein großes, 1912 errichtetes, Reiterdenkmal an den Aufstand der Herero. Gedacht wird allerdings lediglich der deutschen Opfer. Wie auch am Hamelner Kolonialdenkmal bleiben die afrikanischen Toten unerwähnt. Ein Bezug zu jenen wird am Saint-Maur-Platz lediglich durch den am Fuße des Denksteins in Sandstein gemeißelten Löwen hergestellt. Dieser, so die Dewezet am 28.06.1910, sei ein „Zeichen des Mutes“ und „er ruhe dort auf den Waffen der Wilden“. Es gab damals kein Interesse daran jene „wilden“, „ungleichen Kriegsgegner“ zu würdigen.

Und heute? Wäre es nicht angemessen dieses wenigstens hundert Jahre später nachzuholen? In Namibia wurde nach der Unabhängigkeit 1990 der Umgang mit Kolonialdenkmälern in Afrika neu diskutiert. Man schlug vor, neben dem Reiterdenkmal eine Inschriftentafel zu errichten, die „aller Opfer kriegerischer Auseinandersetzungen seit der Kolonisierung bis zur staatlichen Unabhängigkeit gedenkt“. Auch das Hamelner Kolonialdenkmal könnte durch eine zusätzliche Gedenktafel bereichert werden, würde es doch zum Verständnis der Geschehnisse all jener beitragen, die dem skeptisch Denkmal gegenüberstehen.
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